Einfach leben – oder sterben
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Von news.de-Redakteur Florian Blaschke
Artikel vom 08.06.2010
Nach zwei Romanen hat sich der Bestsellerautor David Benioff nun an Kurzgeschichten gewagt. Alles auf Anfang ist eine Sammlung absonderlicher Charaktere, herrlicher Dialoge und tragikomischer Schicksale. Große Erzählkunst im Kleinen.
Wer es gewohnt ist, dass die Geschichten, die er liest, einen Anfang und ein Ende haben – sei es nun ein glückliches oder ein tragisches –, der sollte die Finger von David Benioffs neuem Buch lassen. Der 1970 geborene Schriftsteller und Drehbuchautor hat nach seinem Debut 25 Stunden (das von Spike Lee mit Edward Norton und Philip Seymour Hoffman verfilmt wurde) und dem Bestseller Stadt der Diebe mit Alles Auf Anfang einen Episodenroman nachgelegt, dem es an Elementarem fehlt – und der doch großartige Prosa ist.
Wie in keinem der beiden Vorgänger wird auf den 272 Seiten deutlich, dass Benioff vor allem in Hollywood Karriere gemacht hat, dass er filmisch denkt, in Schnitten und Szenen. Ohne Einleitung schmeißt er dem Leser seine acht Kapitel vor die Füße, wirft ihn mitten hinein in seine kleinen Geschichten, die auf tragikomische Art von Menschen erzählen, deren Leben sich in wenigen Momenten radikal ändert, Geschichten, die zwar irgendwann zu Ende, aber lange noch nicht abgeschlossen sind.
Da ist etwa der Schlagzeuger SadJoe, der mit seiner Band, seiner Freundin Molly Minx und seinem Auto – einem alten Ford Galaxy, der kurz vor seinem zweihunderttausendsten Kilometer steht – eigentlich glücklich sein könnte, wäre da nicht Tabachnik, dieser Musik-Manager, der ihm einen Strich durch die Lebensrechnung machen wird. Da ist der Soldat Leksi, der mit zwei Kameraden in Tschetschenien kämpft und der sich noch so sehr gegen die Grausamkeiten dieses Krieges wehren kann – er wird ihnen nicht entgehen. Oder der Sohn eines Großwildjägers, der eines Tages nicht nur Butchko kennenlernt, den Liebhaber der gesamten Ostküste («Abgesehen von Florida, die machen ihr eigenes Ding.»), sondern der auch mitten in Manhattan einem entlaufenen Löwen in die gelben Augen schauen wird. Da sind der Überlebende eines atomaren Gaus, ein vom Schicksal gebeutelter Maler, eine reichlich erfolglose Schauspielerin und ein liebestoller Feingeist. Und sie alle kennen sich nicht, es gibt keine Begegungen untereinander. Es wird einfach gelebt. Oder gestorben.
Faszinierende Menschenkenntnis
Benioff, dessen Kapitel sich auch schon einmal über zwei Seiten in Nullen und Einsen auflösen, beweist mit seiner Episodensammlung erneut sein erzählerisches Geschick. Teils mit enormem Tempo ausgestattet, teils gemächlich dahindümpelnd sind seine Geschichten gespickt mit aberwitzigen Einfällen und sonderbaren Begegnungen, fantasievoll auserzählten Charakteren und herrlichen Dialogen – und das alles verpackt in einer schlichten, aber detailreichen und äußerst lesbaren Sprache.
Zudem hält Benioff selbst dann die Aufmerksamkeit des Lesers aufrecht, wenn die Handlung eigentlich zum Stillstand gekommen ist. Ständig wechselt er die Perspektive, berichtet mal als Ich von Gefühlen und Gedanken, mal als Erzähler, mal spricht er ein imaginäres «Du» an, mal wirkt er distanziert bis teilnahmslos.
Es mag zunächst verwirrend sein, eine Reihe von Episoden in Händen zu halten, die auf den ersten Blick derart zusammenhangslos daherkommen. Mit jedem neuen Kapitel aber, mit jedem neuen Charakter, erschließt sich Benioffs faszinierende Menschenkenntnis und Beobachtungsgabe, sein Blick für Schicksale, für gesellschaftliche Phänomene und Emotionen. Alles auf Anfang ist somit mehr als nur eine Sammlung von Kurzgeschichten. Es ist ein humorvolles Abbild unserer Zeit und der Menschen, die um uns herum leben, in dieser großen, kleinen Welt.
Autor: David Benioff
Titel: Alles auf Anfang
Verlag: Blessing
Seitenzahl: 272 Seiten
Preis: 17,95 Euro
Erscheinungsdatum: 24. Mai 2010
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