Fr., 10.02.12

«Twisted River» Eine Welt voller Unfälle

Von news.de-Redakteur Florian Blaschke

Artikel vom 20.05.2010

John Irvings Universum ist grotesk, voller wilder Tiere und absurder Ereignisse, rauher Sitten, Sex und Gewalt. Doch es steckt auch voller Liebe, Treue und gutem Essen – wie sein neuer Roman Letzte Nacht in Twisted River, eine abenteuerliche Familiengeschichte, die durch fünf Jahrzehnte führt.

Indianer-Janes Todesurteil sind ihre hüftlangen, schwarz glänzenden Haare. Und ihr Körper mit den ausladenden Hüften und den gigantischen Brüsten, die selbst noch so schlabbrige Sweatshirts nicht kaschieren können. Da aber der zwölfjährige Danny Baciagalupo die Küchenhilfe seines Vaters Dominic nur mit zum Pferdeschwanz gebundenen Haaren kennt, und da er noch nie zwei Menschen beim «Do-si-do» beobachtet hat, ist es nur verständlich, dass der Junge sie für einen Bären hält, als er eines Nachts, aufgeweckt von einem seltsamen Knarren und Stöhnen, noch schlaftrunken das Zimmer seines Vaters betritt.

Ohne nachzudenken greift der Junge zu dem Mittel, mit dem auch sein Vater seinerzeit eine dieser Bestien losgeworden war: zu der schweren, gusseisernen Bratpfanne, die seit jenem Tag an einem Nagel im Flur des Kochhauses hängt. Und so stirbt Indianer-Jane, seine innig geliebte Babysitterin, in dieser Nacht des Jahres 1954 nackt, beim Sex, sauber getroffen an der rechten Schläfe. Sie leben eben in einer Welt voller Unfälle, die Baciagalupos. Und diese Welt, das ist unverkennbar die Welt von John Irving.

Die tragisch-komischen Ereignisse dieser Nacht sind Ausgangspunkt für seinen neuen Roman Letzte Nacht in Twisted River. Bis zu dieser Nacht jedoch hat der Leser schon stolze 130 Seiten hinter sich, die der Autor, der auch in seinem zwölften Roman gewohnt ausschweifend erzählt, mit allen möglichen und unmöglichen Details vollstopft. So erfährt der Leser nicht nur viel über den Koch Dominic und seinen Sohn Danny, ihren besten Freund Ketchum – einen fluchenden, saufenden, aber rauhbeinig-liebevollen Holzfäller – sowie andere Bewohner des merkwürdigen Örtchens Twisted River, er bekommt auch eine ausführliche Vorlesung in der Geschichte der nordamerikanischen Flößerei, nach der man durchaus glaubt, dass Irving all die Bücher, die er in seinem Quellennachweis angibt, auch wirklich gelesen hat.

Seine Identität, die wird man so einfach nicht los

Und doch hält man gut durch bis zu dieser rabenschwarzen Nacht im Leben der Baciagalupos, nach der sie im Morgengrauen die Stadt verlassen, auf der Flucht vor Constable Carl, Indianer-Janes Freund, der ihnen von diesem Moment an von Rache getrieben folgen wird, wohin auch immer sie gehen. Zurück lassen sie Hab und Gut, all die Erinnerungen an Dannys Mutter Rosie, die sich einst der Fluss geholt hat, und Ketchum, der selbst zum Abschied nicht anders kann, als zu fluchen. Doch sie versuchen auch, ihre Identiät in Twisted River zu lassen, verwischen ihre Spuren so gut es geht. Und so werden auf den dann noch verbleibenden 570 Seiten, während einer über 50-jährigen Odysse quer durch die Neuengland-Staaten, Iowa und Kanada, quer durch die US-Geschichte vom Vietnam- bis zum Irakkrieg, die Namen gewechselt wie die Wohnorte. Seine Identität jedoch, seine Vergangenheit, die wird man so einfach nicht los, die schleppt man mit sich wie die Schuld oder seine Gefühle. Und Constable Carl, der «Cowboy», ist ein hartnäckiger Hund. Mit solch einfachen Tricks lässt der sich nicht abschütteln.

Der neue Irving, er ist vollgestopft mit allem, was dem inzwischen 68-Jährigen und auch vielen seiner Fans lieb und teuer ist, womit er jedoch nur haarscharf am Abgrund der Aufdringlichkeit vorbeischrammt. Da gibt es neben den obligatorischen Bären, Ketchums furzendem Hund oder abgetrennten Gliedmaßen alle paar Seiten Sex (vorzugsweise mit älteren Frauen, die Namen haben wie eben Indianer-Jane, Sixpack-Pam oder Lady Sky), Gewalt (meist wird gerungen oder sich schlicht geprügelt) und tragische Unfälle. Da gibt es eine Fülle historischer und politischer Fußnoten, grotesker Momentaufnahmen und falscher Fährten.

Folgt man etwa Danny Baciagalupo, der einige Jahre nach dem tragischen Unglück als Danny Angel ein Literat von Weltruhm werden wird, so liegen auf diesem Weg verstreut unzählige Hinweise auf Irvings eigene Karriere. Nicht nur, dass beide im selben Jahr geboren wurden. Wie Irving studiert auch Angel an der University of Iowa bei Kurt Vonnegut, wie Irving gelingt auch ihm der Durchbruch erst mit dem vierten Roman und wie Irving muss auch Angel nicht nach Vietnam – weil er als junger Vater vor der Einberufung gerettet wird (Ein blondes, ständig betrunkenes und bekifftes Flittchen lässt sich von ihm ein Kind machen). Um nur einige wenige Parallelen zu nennen.

Und nicht zuletzt finden sich die üblichen literarischen Verweise, die Irving genüsslich, jedoch auch ungewöhnlich selbstverliebt in die Handlung einstreut. Dannys exzessives Faible für Semikolons etwa, das in etwa so ausgeprägt sein dürfte wie Irvings eigener Hang zu Sätzen in Klammern oder kursiv gesetzten Wörtern. Oder Irvings Vorliebe für Wiederholungen und Redundanzen, eine Eigenart, die Kritiker auch Danny Angel vorwerfen. Und spätestens auf der letzten Seite des Buches, wenn Danny nach langem Suchen endlich den ersten Satz für seinen neuen Roman findet, schließt sich der Kreis, sollte sich der Leser denn dann noch erinnern können, was er vor 700 Seiten gelesen hat: «Der junge Kanadier – er war höchstens fünfzehn – hatte zu lange gewartet.» Es ist der erste Satz von Letzte Nacht in Twisted River.

«Wo versteckt sich der Junge bloß?»

Irving scheint es Spaß zu machen, dieses Versteckspiel, dass Tony Angel (ehemals Dominic del Popolo, ehemals Dominic Baciagalupo) und Ketchum nur zu gut kennen – von Dannys Romanen. So fällt dem Koch an ihnen auf, «dass sie zwar autobiografisch, aber auch wieder nicht autobiografisch» sind, und Ketchum, der fragt seinen Freund einmal: «Wo versteckt sich der Junge bloß?», nachdem ihm auch die Hauptfigur des vierten Angel-Romans seltsam unbekannt vorkommt und er enttäuscht feststellt, dass er und Tony nicht wirklich zu literarischen Helden verarbeitet wurden. Man kann sich Irving gut vorstellen, wie ihm beim Schreiben so manches Mal ein verschmitztes Grinsen über das Gesicht gehuscht sein mag, während er sich den Leser vorstellte, der gerade rätselt: «Wo versteckt sich der Junge bloß?»

Dabei hätte sein Roman all diese Kniffe und Finten nicht einmal nötig gehabt. Die Geschichte, die Irving da erzählt, ist zum Bersten gefüllt mit absonderlichen Figuren – und nicht wenigen von ihnen würde man nur allzu gerne einmal persönlich begegnen, wenn auch meist nur aus sicherer Distanz. Was sie erleben, denken und fühlen, welche Ängste sie treiben und welche Hoffnungen sie begraben, offenbart die ganze Menschen- aber auch Selbstkenntnis des Autors, die er bereitwillig vor dem Leser ausschüttet. Und daneben ist Letzte Nacht in Twisted River auch noch ganz praktische Lebenshilfe – zumindest für Leser, die einmal nach New Hampshire oder Vermont kommen und sich in dieser rauhen Landschaft mit ihren rauhen Menschen durchschlagen müssen.

Die enorme Fülle an Details jedoch – und dieser Gefahr sollte sich der Leser bewusst sein – fordert ein gerüttelt Maß an Geduld und Aufmerksamkeit. Zwar ist die Geschichte, die Irving erzählt, recht schlicht gestrickt, doch Irvings Erzählweise ist das genaue Gegenteil. Trotz der Spanne von 50 Jahren, über die sich Letzte Nacht in Twisted River erstreckt, scheint in diesem Buch irgendwie die Zeit stillzustehen, ein Gefühl, dass auch Danny immer wieder hat, wenn Ketchum ihn anruft: «Wenn Daniel von Ketchum hörte, hatte er mit seinen inzwischen fünfundzwanzig Jahren immer wieder das Gefühl, er wäre zwölf und würde Twisted River gerade verlassen.» Und so muss der Leser ständig auf der Hut sein, weil Irving selbst innerhalb seiner Chronologie geschickt die Zeiten verwischt, weil er zwar unglaublich detailliert alles mögliche beschreibt, nichts jedoch, was dem Leser verrät, ob er sich gerade im Jahr 1983, 1954 oder 2001 befindet, außer den politischen oder sozialen Umständen, in denen Dominic, Danny und Ketchum gerade leben.

«Du musst Deine Nase in die schlimmsten Ecken stecken»

Und so kann man dieses Buch einerseits als unterhaltsame Lektüre nehmen, als Drama um Treue und Freundschaft, Tod und Liebe, und nicht zuletzt auch über das Kochen, und sich kein bisschen um all die Andeutungen, offenen moralischen und polemischen Auslassungen und historischen Abhandlungen scheren, die Irving einem anbietet. Dann ist Letzte Nacht in Twisted River ein großer – wenn auch nicht Irvings größter – Roman, ein altmodisches Stück Erzählkunst, ein Bildungsroman, teils verkitscht, teils hyperrealistisch, teils ekelerregend und brutal, frei nach Ketchums Motto: «Du musst Deine Nase in die schlimmsten Ecken stecken und dir alles vorstellen.»

Oder man nutzt die Gelegenheit, nimmt sich viel Zeit und folgt Irvings Fährten, beschäftigt sich mit seinen literaturtheoretischen und zeitgeschichtlichen Gedanken, seiner Biografie oder sucht sich eine Karte der Neuengland-Staaten, um dem Weg der Baciagalupos zu folgen, um sich anzuschauen, wo etwa der Androscoggin fließt, wo Berlin, Paris oder Dummer liegen oder wie die Grenze zwischen Vermont und New Hampshire verläuft. Dann liest sich dieser Roman zwar mühsamer, aber auch lehrreicher – phasenweise leider jedoch auch ein wenig belehrend. Es scheint, als werde Irving nicht altersmilde, wie manch anderer Autor, sondern im Gegenteil, als entdecke er gerade jetzt erst sein politisches und soziales Sendungsbewusstsein, mit dem er beispielsweise den äußerst libertären Ketchum ausstattet.

So oder so ist Irvings neuer Roman sicherlich nicht sein ganz großer Wurf, dafür hat er mit Garp – und wie er die Welt sah, Das Hotel New Hampshire oder auch zuletzt Bis ich dich finde schlicht zu große Literatur vorgelegt. Und dafür entbehrt Letzte Nacht in Twisted River auch ein wenig dem Feuerwerk an Überraschungen, dass viele seiner Werke ausmacht. Doch Irving bleibt Irving, und den Leser auch im zwölften Wälzer 700 Seiten lang mit altbekannten Bausteinen und Mitteln und dennoch fast ohne Durchhänger derart phantasievoll zu unterhalten – das muss ihm erst einmal jemand nachmachen.

Autor: John Irving
Titel: Letzte Nacht in Twisted River
Verlag: Diogenes
Seitenzahl: 736 Seiten
Preis: 26.90 Euro (gebunden)
Erscheinungsdatum: 20. Mai 2010

voc/news.de
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