Von news.de-Redakteur Florian Blaschke
Produzent Michael Bay hat sich wieder einmal an einen Klassiker gewagt: Horror-Rentner Freddy Krueger darf noch einmal durch Springwood ziehen und Teenies abmurksen. Wenigstens tut er das optisch beeindruckend. In allem anderen nämlich ist Bays Remake von A Nightmare On Elm Street eine Enttäuschung.
Nun also auch noch A Nightmare On Elm Street. Ausgerechnet. Der Film, mit dem Wes Craven 1984 nicht nur einen überraschenden Kassenerfolg landete, sondern der im Laufe der Jahre auch noch sieben weitere Nightmare-Filme nach sich zog – der letzte davon kam 2003 in die Kinos. Eigentlich schon genug Epigonen, sollte man also meinen, doch da kennt man Michael Bay schlecht. Schließlich war der auch schon verantwortlich für die unsäglichen Remakes von Freitag der 13. und Texas Chainsaw Massacre. Und wer sich einmal an einem Horror-Klassiker vergriffen hat, macht auch vor Freddy Krueger nicht halt.
Geblieben sind in diesem Remake immerhin der Schauplatz, die Elm Street im fiktiven Örtchen Springwood, die Hauptfigur, Freddy Krueger (dessen Part Jackie Earle Haley übernommen hat, nachdem Robert Englund auf diese Rolle schlicht keine Lust mehr hatte), und zumindest grob auch der Plot, der um die fünf Jugendlichen Nancy (Rooney Mara), Quentin (Kyle Gallner), Kris (Katie Cassidy), Jesse (Thomas Dekker) und Dean (Kellan Lutz) kreist – nur an die neuen Namen muss man sich gewöhnen.
Sie alle werden eines Tages von mehr als unangenehmen Albträumen geplagt. Darin spukt ein Mann mit Hut und rot-grünem Ringelpulli, narbenübersätem Gesicht und rasiermesserscharfen Klingen an den Fingern herum, der Jagd auf Teenies macht. So weit, so harmlos, wäre da nicht das Problem, dass die Grenzen zwischen Traum und Realität verwischen und Freddy Krueger (so heißt der Unhold) es nicht beim Jagen belässt. Wer zu spät aufwacht, bekommt mindestens ein paar blutige Schrammen ab, und wer selbst dann noch ungerührt weiterschläft, der wacht gar nicht mehr auf.
Ein großer Eimer Hollywood-Weiß
Der Grund für Freddys nächtliche Streifzüge durch die Albträume harmloser Vorstadt-Teenager liegt tief in der Vergangenheit. Damals, als Nancy und ihre Freunde noch in die Grundschule gingen, war Krueger dort als Gärtner angestellt und Liebling der Kleinen. Sogar ein Lied hatten sie über ihn gedichtet («Eins, zwei, Freddy kommt vorbei»), doch dann wurde der nette Onkel verdächtigt, einige Schülerinnen in seinen Keller unter dem Schulgebäude gelockt und dort missbraucht zu haben (Im Original ist er ein schlichter Kindermörder, doch Missbrauch ist nunmal ein hochaktuelles Thema, auf das sich gut aufspringen lässt). Und so jagt ihn die gesammelte Elternschaft quer durch die Stadt auf ein altes Industriegelände, wo er sich zwar verbarrikadieren kann, seinem Dasein mit einem Molotow-Cocktail jedoch ein grausames Ende als lebende Fackel gemacht wird. Doch war dieser Krueger wirklich schuldig? Oder haben die Eltern überreagiert? Freddy ist diese Frage egal: Er sinnt auf Rache, wenn auch Jahre später.
Eigentlich ist es ein cleverer psychologischer Kniff, die Schuld Freddy Kruegers in Frage zu stellen. So hätte aus dem bitter-ironischen Monster eine wirklich spannende Figur werden können. Doch leider spielen Regisseur Samuel Bayer und Drehbuchautor Eric Heisserer diesen Kniff nicht aus, den sich selbst vorgelegten cineastischen Elfmeter säbeln sie meterweit über das leere Tor. Doch fällt Freddy Krueger nicht nur erstaunlich flach aus, den übrigen Rollen wurde nicht einmal ein Mindestmaß an Intelligenz mitgegeben (Tiefgang erwartet bei einem Horrorfilm wohl niemand). Und die Polizei in Springwood scheint zu allem Überfluss auch noch besseres zu tun zu haben als sich um diese ja nun wirklich rätselhaften Morde zu kümmern.
Bayer und Heisserer haben offensichtlich versucht, diese so deutlich klaffenden Lücken einfach mit einem Eimer Hollywood-Weiß zu überpinseln. Statt sich um die Psychologie zu kümmern, haben sie sich darauf beschränkt, die Opfer von Freddy Krueger hübsch klischeehaft auszustaffieren – vom blonden Highschool-Püppchen über das arrogante Arschloch bis zum nachdenklichen Kauz – und ihnen dämliche Sätze in den Mund zu legen wie «Das hat doch was zu bedeuten?!». Natürlich hat das was zu bedeuten, in der Elm Street hat alles etwas zu bedeuten und so versucht die nach und nach kleiner werdende Clique etwas gegen Kruegers Schlachtorgie zu unternehmen. Doch dafür heißt es wach bleiben (auch im Kino), und das mit allen Mitteln – seien es Energy-Drinks, Drogen oder glühende Zigarettenanzünder (Wirklich: Man wünscht sich manchmal, man hätte einen), die man sich in den Arm drücken kann).
Wenn Blut fließt, dann richtig
Es ist enttäuschend, an was diese aufgewärmte Dosenkost alles leidet. An unkreativen Dialogen, erstaunlicherweise überforderten Darstellern (Übermüdung zu spielen, scheint eine echte Kunst zu sein) und einem Horror, der so schematisch ist, dass er spätestens nach dem dritten Gemetzel nur noch durch das Maß seiner Abnutzung erschreckt. Vor allem aber, und darin unterscheidet sich das Remake wohl am deutlichsten vom Orginal, nimmt sich dieser Film einfach zu ernst. Während Freddy Krueger 1984 und vor allem in einigen der Nachfolger noch durchaus den Schalk im Nacken sitzen hatte, wird das in Bays Remake spätestens durch die vollkommen ironiebefreite Referenz an Pulp Fiction und die legendäre Szene, in der Vincent (John Travolta) der völlig zugedrönten Mia (Uma Thurman) diese riesige Adrenalin-Spritze mitten ins Herz rammt, deutlich. Von der Badewannenszene ganz zu schweigen – die verkommt schlicht zur Lachnummer. Umso erstaunlicher, dass der Streifen in den USA erneut die Kinokassen stürmt.
Die einzigen Abteilungen, die bei dieser Produktion nicht geschlafen haben, scheinen – neben einem bestechenden Jackie Earle Haley – die Kameramänner rund um Jeff Cutter und die Special-Effects-Crew gewesen zu sein. In beeindruckenden Bildern fängt Cutter von der ersten Minute an das Gemetzel in der Elm Street ein, und wenn hier Blut fließt, dann richtig – selbst die legendäre Szene, in der die blonde Kris in ihrem Schlafzimmer durch die Luft gewirbelt und aufgeschlitzt wird, wirkt da blass in der 1984er-Version. Und eigentlich beginnt der Streifen auch vielversprechend, ordentlich untermalt durch die Musik von Steve Jablonsky. Die so heile Kleinstadtwelt mit ihren hübschen Einfamilienhäusern wirkt selbst bei Sonnenschein derart bedrohlich (und bedroht), dass man zumindest einige Minuten lang die Hoffnung hat, dieses Remake könnte gelungen sein. Den Spannungsbogen auch zu halten, das hat das Team von Michael Bay jedoch gründlich verpasst.
Vor allem Jackie Earle Haley kann einem nach diesen 95 Minuten mehr als leid tun. Es wäre ihm, der zuletzt als Psychiatrie-Insasse George Noyce in Martin Scorseses Shutter Island geglänzt hatte, gegönnt gewesen, etwas aus Freddy Krueger zu machen. Und im Rahmen der bescheidenen Möglichkeiten tut er das auch. Am Ende aber bleibt wenig davon hängen. Zumindest aber der Übertitel des Films ist dem Zuschauer nun klar geworden: «Willkommen in Deinem neuen Albtraum». Willkommen in 2010, Freddy Krueger.
Titel: A Nightmare On Elm Street
Regisseur: Samuel Bayer
Hauptdarsteller: Jackie Earle Haley, Kyle Gallner, Rooney Mara, Katie Cassidy, Thomas Dekker, Kellan Lutz
Spielzeit: 95 Minuten
Produktionsland: USA
Produktionsjahr: 2010
FSK: ab 16 Jahren
Kinostart: 20. Mai 2010