Von Rolf Westermann
Die ARD hat Else Buschheuers autobiografischen Roman Masserberg verfilmt. In dem Film geht es um das Leben und Leiden in der damaligen Augenklinik in Masserberg in Thüringen. Im Interview berichtet die Autorin, wie sie selbst den Patientenalltag erlebt hat.
Ursprünglich sollte Monica Bleibtreu mitspielen. Sie starb, als der Film gerade gedreht wurde. Was hat das in Ihnen ausgelöst?
Else Buschheuer: Große Enttäuschung. Es war ja öffentlich nicht bekannt, dass sie schwer krank war, aber ich wäre ungeheuer stolz gewesen, wenn diese Schauspielerin, die ich sehr verehrte, eine von mir ausgedachte Oma gespielt hätte. Allerdings spielen Kyra Mladek, Marion van de Kamp und Dorothea Walde das sehr gut.
Erkennen Sie sich im Film in der Hauptdarstellerin Anna Fischer als «Mel» wieder?
Buschheuer: Ich erkenne meine Mel wieder, aber nicht mich selbst. Mel ist eine Fiktion, mit der ich nur die Eckpunkte teile: Masserberg, Augenkrankheit, Augenspritzen. Es ist ein Segen, dass die Hauptdarstellerin ein ganz anderer Typ ist als ich, so dass der Verdacht der Autobiografie gar nicht entsteht. Allerdings setzt sich so was rasch im Bewusstsein des Publikums fest. Mein Cousin fragte mich vor einem Jahr: Ich hab gehört, dein Leben wird verfilmt? Soweit sind wir noch nicht. Da könnt ich ja gleich sterben gehen.
Sie waren bei einem Teil der Dreharbeiten mit dabei. Wie war für Sie die Rückkehr an diesen schwierigen Ort?
Buschheuer: Ich kann nicht sagen, dass ich voller Überschwang war. Im Gegenteil: Ich war sogar ängstlich. Masserberg ist ein idyllischer Ort, Berge und Höhn, fallera - aber für mich als Patientin war es ein Ort des Schreckens. Gleichzeitig hatte es etwas Triumphales, dass die Bavaria die Folterstätte meiner Jugend, die alte Augenklinik, für die Dreharbeiten herrichtete und ich ja nicht blind, sondern Schriftstellerin und Moderatorin geworden war.
Der Film schildert nicht nur den tristen Patientenalltag in der Thüringer Augenklinik. Es herrscht auch eine Art Schullandheim-Atmosphäre, Sie haben Affären und sind sexy angezogen. War das Leben dort so locker?
Buschheuer: Es gibt ja das West-Klischee vom freizügigen Ossi, der immerzu FKK macht und im Kollektiv kopuliert, und es gibt gleichzeitig die tatsächliche sexuelle Unverkrampftheit der Ossis, die sich wunderbar in Kohlhaases Kurzdialog aus Solo Sunny niederschlägt: «Is ohne Frühstück», sagt Sunny nach dem One Night Stand zu dem fremden Mann, und als dieser murrt: «Is ooch ohne Diskussion.» Aber nicht ich habe die Affären, sondern die Filmheldin. Ich selbst war punkiger angezogen, war düster und vergrübelt. Ich hab immer irgendwo mit einer Lupe herumgesessen und Bücher gelesen oder Briefe geschrieben.
Was vermissen Sie in dem Film?
Buschheuer: Der im Film so gut aussehende Arzt Sanchez ist im Buch hässlicher und älter, er ist also in der Rolle des Romeo nicht so plausibel wie Pasquale Aleardi - beim Film isst das Auge mit. Sie wollten kein Männchen mit Hochwasserhosen, gelben Raucherfingern und olivgrüner Haut.
Haben Sie noch Alpträume, dass man Ihnen wieder mit einer Spritze ins Auge sticht?
Buschheuer: Ja, habe ich tatsächlich. Das ist eine 100 Prozent autobiografische Szene. Ich rolle meinen Ärmel hoch, weil ich eine Spritze bekommen soll. Ich werde auf einem Stuhl festgeschnallt und kapiere, dass die Spitze ins Auge gehen soll. Ich wüsste keinen schlimmeren Alptraum.
Haben Sie noch Kontakt zu den Mitpatientinnen und zu Ihrem Filmliebhaber Dr. Sanchez?
Buschheuer: Sanchez ist komplett fiktiv. Die Koryphäe, die im Buch Professor Heinrich heißt, übrigens hervorragend gespielt von Ernst Jacobi, ist inzwischen tot. Aber zu einem Patienten, der mich zur Figur des kleinen Peter inspirierte, habe ich wieder Kontakt. Er stand plötzlich auf einer Lesung vor mir. Er lebt in Erfurt, heißt Alexander und ist gesund geworden.
Der Film Masserberg wird am 19. Mai, 20.15 Uhr, im Ersten ausgestrahlt.
car/reu/news.de/dpa