Von news.de-Redakteur Florian Blaschke
Katrin Bauerfeind könnte bei 3nach9 einiges gelernt haben, nicht nur, wo genau ihre Seele sitzt oder warum sie so nervös gewesen ist. Sie könnte auch gelernt haben, dass sie an diesem Abend eine echte Chance gehabt hat. Und: Sie hat sie genutzt.
Es ist in den vergangenen Monaten ein wenig still geworden um Katrin Bauerfeind, was zum einen daran liegt, dass aus der einstigen Nachwuchshoffnung mit der Zeit eine gestandene Moderatorin geworden ist (und somit auch die Schlagzeilen nach und nach kleiner wurden), zum anderen jedoch auch daran, dass sich die 27-Jährige recht wohl zu fühlen scheint mit ihren derzeitigen Rollen als Mitarbeiterin von Harald Schmidt und Moderatorin von Bauerfeind – es gibt einfach keine Notwendigkeit, sich in den Vordergrund zu drängen.
Auf der anderen Seite dürfte Bauerfeind ganz froh darüber sein, dass Radio Bremen sie als eine der «Freundinnen von 3nach9» an die Seite von Giovanni di Lorenzo geholt hat, schließlich weiß sie sehr gut darum, wie wichtig Kamerapräsenz für die Karriere ist. Dass der Sender immer noch von einem «vielversprechenden Talent» spricht, ist zwar eigentlich nicht mehr opportun, doch sei's drum. Zudem: So zurückhaltend, wie sich Bauerfeind in Interviews oft gibt, ist sie hinter den Kulissen wohl nicht. «Ich brauche die Herausforderung», sagt sie über sich selbst, man müsse nur ihren Ehrgeiz wecken: «Wenn jemand kommt und sagt: ‹Katrin, ich glaube, das kannst du nicht›, sage ich mir: ‹Moment, das ist noch nicht bewiesen›.» Und in diesem Fall schwebte der Satz «Das kannst du nicht» zumindest als Zuschauerfrage über der vierten 3nach9-Ausgabe nach Charlotte Roche: Kann sie das?
Heikel sind die Gastmoderationen bei einem solchen Prestige-Format ja vor allem deshalb, weil es nicht nur eine gewisse Zeit braucht, bis das Publikum den Moderatoren vertraut, wie di Lorenzo einmal sagte, sondern vor allem deshalb, weil die besten Momente bei 3nach9 stets diejenigen waren, in denen die Gäste ihnen vertraut haben. Insofern haben die bisherigen «Freundinnen» Sandra Maischberger, Annette Dasch und Maria Furtwängler zumindest einen soliden Job gemacht. Und nun also Katrin Bauerfeind, die jedoch eine auf den ersten Blick schwierige Gästeliste erwischt hatte: die Boxerin Susi Kentikian, Entertainer Götz Alsmann, Schauspielerin Caroline Peters (Mord mit Aussicht), den Schriftsteller und Schamanen Galsan Tschinag, die Heilpraktikerin und SennerinEine Sennerin hütet im Sommer in den Bergen das Vieh anderer Bauern. Ute Braun und Investmentbanker Gerald Hörhan – Gäste also, getreu dem Motto, das di Lorenzo einmal verriet, «die es in dieser Mischung in anderen Talkshows sehr schwer hätten».
Zurückhaltung ist eine beneidenswerte Gabe
Und doch: Das erste und größte Lob verdiente sich Katrin Bauerfeind bereits nach wenigen Minuten. Sie widerstand der Versuchung, Michelle Hunziker nachzumachen und konterte di Lorenzos Aufforderung mit dem so wahren Argument, er müsse sich jetzt schonmal ein bisschen freuen, dass sie da sei, und nicht Michelle. Tat er dann auch. Und das vollkommen zurecht. Keine 15 Minuten später nämlich blieb sie einfach auf dem Sofa sitzen – ihr unzweifelhaftes Showtalent ignorierend – und ließ Heino Ferch und Götz Alsmann alleine steppen («Götz, von Ihnen heißt es, es gibt nichts, was Sie nicht können.»). Zurückhaltung ist eine beneidenswerte Gabe im Showgeschäft.
Und so lässt sich auch nicht behaupten, die erste recht lebsame halbe Stunde an diesem Abend sei auf das Konto von Katrin Bauerfeind gegangen. Doch auch die sichtlich nervöse Moderatorin dürfte bemerkt haben, dass die recht strikt eingehaltene Reihenfolge, in der bei 3nach9 sonst mit den Gästen diskutiert wird, an diesem Abend aufgelockert schien. Apropos strickt und aufgelockert: Mit der Sennerin Ute Braun hatte Bauerfeind zwar sicherlich nicht den dankbarsten Auftakt, doch wurde schnell ein Unterschied klar zwischen der Moderation etwa einer Amelie Fried oder Sandra Maischberger und der von Katrin Bauerfeind: Deutlich journalistischer wirkte dieses erste Gespräch, der sonst oft übliche Plauderton wich einer waschechten Interviewsituation. Da wurde die Unterbrechung von Giovanni di Lorenzo («Entschuldigung, Susi lacht schon wieder.») dankbar angenommen.
Einer Talkrunde aber, in der eine Sennerin und ein Investmentbanker beschließen, einmal für einen Tag das Leben des anderen zu leben, kann und darf man keine schlechte Atmosphäre vorwerfen. Und auch Katrin Bauerfeind kann und darf man nicht vorwerfen, der vielleicht etwas ungewohnten Situation und dem sicherlich nicht gerade geringen Druck mit höchstmöglicher Professionalität zu begegnen. Genau das tat sie aber, und diese Professionalität erlaubte es ihr später beispielsweise auch, die etwas wirre erste Antwort des Schamanen Tschinag höflich zu ignorieren, ohne ihn bloßzustellen, und anschließend noch ein ernsthaftes Gespräch mit ihm zu führen, in dem es nicht nur um Geister ging, sondern in dem Tschinag auch noch die Seele der Moderatorin suchen durfte und knapp unter dem Dekolleté auch fündig wurde. Da musste Heino Ferch doch ein wenig schmunzeln.
«Warum zittert meine Seele?»
Vielleicht aber auch deshalb, weil der Schamane Bauerfeind nicht nur den Sitz ihres Selbst zeigte, sondern ihr auch noch die vielleicht wichtigste Frage des Abends, «Warum zittert meine Seele?», beantwortete: «Du bist unruhig», erklärte der Schamane mit leicht mitleidigem Unterton, und fügte hinzu: «Du bist zappelig, Kind! Ich muss dich zur Ruhe bringen, Kind. Du denkst an die Zuschauerquote, du denkst an die Erfolge, die du haben möchtest, du bist in den Handflächen nass. Du musst so ruhig werden wie ein Fels oder wie der alte Mann, der vor dir steht.» Es war so rührend wie amüsant.
Überhaupt war es ein Abend des Spagats bei 3nach9. Da wurden ebenso munter regionale und internationale Unterschiede beim Küheschübsen auf den Tisch gepackt, wie ernsthaft über qualitätvolles Theater diskutiert. Da durfte Caroline Peters ebenso ausführlich über die Autorin Helene Hegemann («Die hat Eier!») monologisieren, wie Götz Alsmann dazu ein verdutztes Gesicht machen durfte. Da fuhr der Investmentbanker Hörhan, Autor von Investment Punk: Warum ihr schuftet und wir reich werden, auf wenig sympathische, aber fundierte Art und Weise mit der in seinem Buch begonnenen Beschimpfung der Mittelschicht fort, und da plauderten Bauerfeind, di Lorenzo und Götz Alsmann, herrlich zwischen Geschwafel und solider Diskussion pendelnd, über Musik und Show und sündige Rythmen.
Und dann sang Tom Gaebel auch noch Bob Crewes Music To Watch Girls By. «Wenn Sie die Augen schließen», sagte Bauerfeind, «dann mag es sie vielleicht ein wenig an James Last erinnern». Für diese hübsche Unverschämtheit wurde die Moderatorin anschließend dreist angeflirtet, und siehe: Es war gut. Alles war gut. Die auf den ersten Blick schwierige Gästeliste, sie entpuppte sich nach und nach als Glücksfall (einzig Susi Kentikian wirkte manchmal etwas deplatziert), und Katrin Bauerfeind entpuppte sich nach und nach als Glücksgriff. Zum ersten Mal seit dem Abgang von Charlotte Roche hatte man bei 3nach9 das Gefühl, eine mögliche Nachfolgerin gesehen zu haben. Nicht, dass die Abende mit Maischberger, Dasch und Furtwängler nicht sehenswert gewesen wären. Doch ernsthaft für den Posten in Frage kommt wohl keine der Dreien, aus verschiedensten Gründen. Katrin Bauerfeind aber dürfte in Frage kommen. Und sollten Radio Bremen und Giovanni di Lorenzo auch nur einmal der Gedanke kommen, die Freundinnen von 3nach9 als Casting zu betrachten und ihr ein Angebot zu machen – sie sollten diesen Gedanken weiterdenken. Und sollte Bauerfeind jemals ein solches Angebot auf den Tisch bekommen – sie sollte keinen Moment zögern, es anzunehmen.
hav/news.de
Also die gelungenen Auftritte der Freundinnen, bestreite ich, Maischberger stottert, Furtwängler langweilt. Da ist Bauerfeind noch die Hübscheste von.
jetzt antwortenKommentar meldenDer Meinung des Autors bin ich nicht Die Sendung hatte durch ihre tollen Gäste großes Potential, was leider durch die Zeitbegrenzung nicht ausgenutzt wurde. Katrin Bauernfeind empfand ich als absolut deplaziert. Ihre gestellt lustige bzw. versucht schlagfertige Art, ihr(scheinbar)fehlender eigener Tiefgang sowie ihr mangelndes Gespür für spezielle Situationen und Menschentypen ließ mich teilweise nur den Kopf schütteln. Sie wirkte in keinster Weise authentisch geschweige denn gefestigt und ihren Gesprächspartnern nicht gewachsen. Für andere Fernseh-Formate scheint sie mir besser geeignet.
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