Mit Pomp gegen die Gier
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Von news.de-Mitarbeiter Dieter Oßwald
Artikel vom 14.05.2010
«Außen hui, innen pfui!», lautet das Motto des Filmfestivals in Cannes. Im Hafen ankern dicke Yachten, Stars stolzieren mit protzigem Schmuck über den roten Teppich. Doch in den Kinos wird Reichtum und Gier der Krieg erklärt. Als Vorhut gab Robin Hood bereits den Rächer der Enterbten.
Klotzen statt kleckern heißt einmal mehr auch das Motto von Hollywood-Revoluzzer Oliver Stone, der mit Wallstreet: Geld schläft nicht die Fortsetzung seine Banken-Fanals von 1987 präsentiert. Michael Douglas gibt wieder die Ur-Heuschrecke Gordon Gekko, der seinem «Gier ist geil»-Motto nach acht Jahren Haft treu bleibt. Im Verlobten seiner Tochter, dem jungen Broker Jacob (Shia LaBeouf) findet der Finanzhai ein williges Opfer seiner Manipulationen.
Zunächst gibt Gekko sich ganz geläutert. «Ist Gier gut?» fragt er in seinem neuen Buch, das er mit klassenkämpferischen Sprüchen begleitet wie: «Ihr seid alle am Ende - ihr wisst es nur noch nicht» oder «Spekulanten sind die Mütter alles Bösen». Alles nur Show: Gekko will Rache am einstigen Verräter, der ihn ins Gefängnis brachte. Dazu soll sein ahnungsloser Schwiegersohn in spe Gerüchte kräftig streuen. Und nebenbei will er die 100 Millionen zurück, die er der widerborstigen Tochter einst überschrieben hat.
Feinsinnige Analysen waren noch nie die Sache von Oliver Stone, auch bei den Gefühlen knirscht es stets erheblich im Gebälk. So auch hier: Das Vater-Tochter-Drama gerät wie die Lovestory zur schlichten Schmonzette, Schwangerschaft inklusive. Auch als Psychogramm jener bösen Banker, wie sie ticken, was sie antreibt, bleibt das Werk deutlich im Minus.
Stark wird Stone bei seiner kleinen Geschichte der Gier, die mit der Amsterdamer Tulpenblase im 16. Jahrhundert begann und der aktuellen Immobilienblase endete - vorerst, wie der Film mehrfach betont. In einer der besten Szenen wird die Rolle der ratlosen Politik demonstriert: 700 Milliarden Dollar verlangen die Banker vom Staat. «Das wäre ja Sozialismus», sagt die verschreckte Finanzaufsicht. «Alles andere wäre das Ende der Welt», kontert der Finanzhai cool.
Ähnlich unbescheiden laden Oliver Stone und Co. zu Interview-Audienzen ins exklusive «Eden Roc», einem der teuersten Hotels der Welt - in solch dekadentem Ambiente lässt sich gewiss höchst authentisch über Gier und Moral plaudern. Auch der Deutsche Christoph Hochhäusler, in der Nebenreihe «Un certain regard» vertreten, widmet sich am Wochenende mit Unter dir die Stadt der Bankenkrise. Statt Kapitalismus-Thriller bietet er ein stilsicheres Beziehungsdrama im Banken-Milieu. Der Manager einer Großbank verliebt sich in die Frau seines Angestellten. Den Gatten entsorgt er elegant, indem er ihn kurzerhand auf einen hoch dotierten Posten nach Indonesien befördert.
Skandalträchtig verspricht der andere deutsche Beitrag Picco von Philip Koch zu werden, der in der Sektion «Quinzaine des Réalisateurs» ins Rennen geht. Basierend auf wahren Begebenheiten erzählt das Kammerspiel vom Leben im Jugend-Gefängnis, das von brutaler Gewalt und Unterdrückung bestimmt ist.
Kevin (eindrucksvoll: Constantin von Jascheroff) landet als Knast-Novize ganz unten in der Hackordnung. Den Misshandlungen entkommt er nur, indem er vom Opfer zum Täter wird, sich die Schwächeren als Zielscheibe eigener Aggression aussucht. Die rigorose Darstellung der Brutalität trieb beim Max Ophüls-Festival in Saarbrücken die Zuschauer aus dem Kino - in Cannes dürfen ähnliche Reaktionen auf die klaustrophobische Studie in Sachen Gewalt und Homophobie zu erwarten sein.
Auf Skandale ist Cannes allemal abonniert: Unvergessen die Buhrufe nach Sex-Szenen in Irreversibel, Brown Bunny oder Antichrist. Politische Proteste gehören gleichfalls zum Ritual unter Palmen: Einst verließ der deutsche Kulturattaché, wegen einer gequälten Maus in Schlöndorffs Der junger Törless den Saal, diesmal boykottiert der italienische Kulturminister das Festival wegen der Berlusconi-Kritik in der Satire Draquila - Italien zittert. Prompt war der Saal überfüllt, das Ergebnis bot eher magere Polemik statt Analyse: Berlusconi als Witzfigur, das war’s.
Auffallend im bislang flauen Wettbewerb ist die vielfältige Suche nach den Vätern: Von China über Ungarn bis Thailand und dem Tschad werden Papis metaphysisch oder metaphorisch dringend gesucht - auch für Familien gilt vielfach: «Außen hui, innen pfui».
car/ivb/news.de
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