Von news.de-Redakteur Michael Kraft
Der Erfolg ist ihr gewiss: Kaum eine Sängerin bekam in diesem Jahr so viele Vorschusslorberren wie Ellie Goulding. Mit Lights, einem Debütalbum voller gelungener Popsongs, rechtfertigt die Engländerin das Lob. Und zeigt trotzdem ein paar Schwächen.
Das ist er also, der Sound von 2010. Dass die Plattenfirma das über Ellie Gouldings Debütalbum Lights behauptet, ist natürlich naheliegend. Aber es behauptet auch die BBC, die Ellie Goulding ganz nach oben auf die Liste der Künstler setzte, von denen man in diesem Jahr etwas Besonderes erwarten darf. Es behaupten die versammelten britischen Kritiker, die der jungen Dame aus dem ländlichen Hereford in diesem Jahr einen Brit-Award bescherten. Und es behaupten all jene, die das in England bereits seit März veröffentlichte Album gekauft und zur Nummer 1 in den Charts gemacht haben.
Verwunderlich ist all das nicht. Denn Ellie Goulding bietet auf Lights genug tolle Popmusik, um Radiomacher und Plattenkäufer zu bezaubern. Und sie hat einen Werdegang, der auch die Faszination der Kritiker verständlich macht. Denn die 23-Jährige verwebt hier die unterschiedlichsten Einflüsse zu einem faszinierenden Werk: Björk und Beyoncé, Alanis Morissette und die Cranberries, Dubstep und Bubblegum-Pop. Im Herzen ist sie eine Folk-Musikerin, die aber mittlerweile dem modernen, synthetischen Popsound verfallen ist. An der Uni kam ihr die Erkenntnis: «Nur weil ich Gitarre spiele, muss ich noch lange keine Folksängerin sein.»
Keine unbedeutende Rolle spielten dabei ihre Mitstreiter. Produzent Starsmith hat schon Katy Perry einen chartstürmenden Sound verpasst. Auch Frankmusik, der Rap mit 80er-Pop verbindet, hat fleißig an Lights mitgebastelt.
Das Ergebnis ist sehr hörenswert. Guns And Horses zeigt schon am Beginn des Albums, dass man hier jede Menge tolle Melodien erwarten darf. Im Hit Starry Eyed ist die einzige Frage, ob diese betörende Stimme, die traumhaften Synthies oder der Beat das Unwiderstehlichste sind. Nach einem Lied wie Wish I Stayed würden sich die Sugababes wohl die Finger lecken.
Trotzdem gibt es auch ein paar Schwächen. Die Ballade The Writer ist hübsch, aber musikalisch so seicht, dass man sie sich auch von Atomic Kitten hätte vorstellen können. Auch das extrem eingängige Your Biggest Mistake lässt eine eigene Identität vermissen. Das ist das Problem an Lights: Den Sound von 2010 hätte man sich ein bisschen weniger konventionell gewünscht.
Vielleicht klappt es ja 2011. Oder mit dem nächsten Album von Ellie Goulding. Zweimal deutet sie an, wie innovativ sie wirklich sein könnte, wenn sie sich weniger auf Hit-Sounds und mehr auf ihre größte Stärke verlassen würde: ihren Gesang. «Meine Mutter sagte mir, dass meine Stimme schräg klingt», erinnert sich Ellie Goulding an ihre ersten Gesangsversuche. Zum Glück hat sie sich trotzdem nicht bremsen lassen, denn das Ergebnis ist ein Organ, das verletzlich klingt und doch voller Mut steckt. Und sich vor allem ganz oft so nah wie möglich an die Grenze zum Umkippen heranwagt. Das macht diese Stimme so mitreißend und bewegend.
Beim vergleichsweise kraftvollen Under The Sheets mit sattem Bass und hinterhältigen Streicher-Attacken und ganz am Schluss bei Salt Skin mit wirren Beats und vielen Chören funktioniert das am besten. Nur hier kommen auch Ellie Gouldings einfühlsame Texte so zur Geltung, wie sie es verdient haben. Aber irgendwie ist das ja auch beruhigend, dass der Sound von 2010 auch noch eine Zukunft hat.
Künstler: Ellie Goulding
Album: Lights
Plattenfirma: Polydor
Veröffentlichung: 14. Mai 2010