Von news.de-Redakteur Michael Kraft
Gemeinsam mit seinem Kollegen Oliver Nagel hat Titanic-Autor Stefan Gärtner eine ziemlich gnadenlose Biographie des Vizekanzlers geschrieben. Im Interview verrät er, was er beim Schreiben von Guido außer Rand und Band entdeckt hat: einen Knallkopf, den alle lieb haben sollen.
Mit dem deutschen Außenminister verbinden viele noch immer in erster Linie Projekt 18, Big-Brother-Container und das Guidomobil. Ist Guido Westerwelle für einen Satiriker das dankbarste Opfer in der aktuellen deutschen Politik?
Gärtner: Das kann man so sagen. Er hat immerhin das Kunststück fertig gebracht, der unbeliebteste Außenminister aller Zeiten zu sein. Dabei bringt dieses Amt normalerweise automatisch gewisse Sympathiewerte mit sich.
Wann haben Sie sich entschieden, Westerwelle ein ganzes Buch zu widmen?
Gärtner: Das war zur Zeit seiner Hartz-IV-Stänkereien. Spätestens da wurde klar, dass er sich auch als Außenminister weiter sehr stark in die Innenpolitik einmischen wird. Dann kam auch noch die Sache mit seiner Entourage für die Auslandsreisen. Da ist Westerwelle in eine Skandalmaschine geraten, die ihn natürlich zu einer sehr lohnenden Figur macht.
Haben Sie bei der Arbeit an Guido außer Rand und Band auch bisher unbekannte Seiten an Guido Westerwelle entdeckt? Oder sogar Sympathie entwickelt?
Gärtner: Durchaus. Das ist so eine Art Stockholm-Syndrom, wo sich die Geisel in den Geiselnehmer verliebt. Wir haben uns drei bis vier Wochen Tag und Nacht mit Guido Westerwelle beschäftigt, und da entwickelt man natürlich eine gewisse Nähe. Ich denke, dass man das dem Buch auch anmerkt. Guido außer Rand und Band ist ja keine komplett erfundene Witzparade, sondern an einigen Stellen auch der Wahrheit auf der Spur.
Und wie sieht die Wahrheit über Westerwelle aus?
Gärtner: Guido will unbedingt geliebt werden. Das gilt natürlich für uns alle. Aber die meisten von uns bekommen das einfach besser hin als er. Das ist sein kleines Identifikationsangebot an uns und der Knackpunkt der Westerwell'schen Vita. Umgekehrt bedeutet das: Wenn er verloren hat, wie in indirekter Weise jetzt bei der Wahl in NRW, dann steht er nackt da.
Zumindest für Satiriker scheint Westerwelles Strategie, durch Wachstum Arbeitsplätze zu schaffen, also aufzugehen.
Gärtner: An diese Strategie glaube ich nicht. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Westerwelle schlaflose Nächte aus Sorge um den Mittelstand hat. Der einzige Arbeitsplatz, um den es ihm geht, ist sein eigener. Als Satiriker ist man natürlich froh, dass es so einen Knallkopf gibt. Die aktuelle Politikerriege besteht ja doch eher aus gesichtslosen Figuren. Da ist Westerwelle der Einäugige unter den Blinden. Er hat zwar genauso wenig Substanz wie die anderen. Aber er ist viel lauter und aggressiver.
Und um wen wird es im nächsten Buch gehen?
Gärtner: Christian Lindner müssen wir unbedingt im Auge behalten. Im Übrigen warten wir ab, was sich Guido Westerwelle noch alles einfallen lässt. Da gibt es bestimmt noch genug Material für die Teile 2 bis 8 seiner Biographie.
car/news.de