So., 27.05.12

The National 14.05.2010 «Wir explodieren atmosphärischer»

Aaron Dessner The National (Foto)
Aaron Dessner auf der Bühne. Bild: Flickr/mrmatt

Von news.de-Redakteur Konrad Rüdiger

Der Gitarrist von The National, Aaron Dessner, begeht im news.de-Interview einen entscheidenden Fehler: Er nimmt das Wort Radiohead in den Mund. Ach, und Coldplay disst er bei der Gelegenheit auch gleich mit.

Das Musikbusiness wird immer schneller. Da sind drei Jahre zwischen zwei Alben sehr viel Zeit. Ist das eine eigene Geschwindigkeit – eine, die sagt: Wir lassen uns nicht reinreden?

Dessner: Naja, wir waren nach Boxer sehr lang auf Tour. Zweieinhalb, fast drei Jahre. Dabei waren wir eben auch dort, wo wir vorher noch nie waren: Brasilien, Mexiko, Russland und Australien. Das ist das eine. Und dann haben wir uns im vergangenen Sommer mit einigem Aufwand ein Studio in meiner Garage gebaut. Dort haben wir High Violet (zum Stream des Albums) aufgenommen. Und: Ja, wir glauben nicht, dass es einen Grund gibt, etwas zu überstürzen. Besser es dauert zehn Jahre, wenn es dann ein besseres Album wird. Und Matt (Sänger Matt Berninger, d. Red) hat sehr lange gebraucht, um die Texte zu schreiben und war wieder erst kurz vor knapp fertig. Vielleicht hat es auch deshalb etwas länger gedauert.

The National
Bloodbuzz Ohio

The National - "Bloodbuzz Ohio" (official video) from The National on Vimeo.

Video: Vimeo

Das neue Album klingt etwas rauer als der Vorgänger. Hat sich der Ton in der Band geändert?

Dessner: Ja, ein wenig. Wir wollten weder noch einmal ein Bekenntnis eines Einzelgängers oder ein reines, sattes Album wie Boxer machen. Das war sehr poliert und nicht wirklich rau. Wir wollten es erlösender machen und wir wollten lauter sein. Aber vor allem wollten wir anders sein. Von den Texten her sieht es Matt diesmal aus einer breiteren Sicht, es ist mehr ein Panoramablick geworden. Wir haben mehr Stimmen integriert, es geht also über das Sich-selbst-beobachten hinaus. Trotzdem hat es immer noch eine sehr persönliche Stimmung. Wir haben wieder an viele andere Menschen gedacht und an unsere Familien.

Du bist schon immer der Multi-Instrumentalist der Band. Wie ist es denn aus deiner Perspektive gelaufen?

Dessner: Der Sound ist sehr, sehr durchdacht auf dieser Platte. Wir haben sehr viel miteinander geredet, wie es klingen soll. Ich hatte zum Beispiel ganz oft das Bild von loser Wolle auf einem selbst gestrickten Pullover vor mir. Der erste Song Terrible Love war mein erstes Demo und ich hatte es zu Anfang Loose Wool genannt. Und dieses Bild zieht sich in meinen Augen durch dieses Album, ganz anders als bei Boxer oder Alligator. Und diesen Sound von loser Wolle haben mein Bruder Bryce und ich mit viel Orchestration hinbekommen. Gleichzeitig haben unsere Songs mehr lose Enden, sie sind in dem Sinne etwas bruchstückhafter. Man hört das Studio ein wenig raus. Das gibt dem Ganzen einen etwas mehr hausgemachten, aber immer noch epischen Sound. Wenn man ein solch episches Album machen will, klingt es nicht gut, wenn es zu glatt ist. Dann denken die Leute nur «Oh, die wollen es aber wissen».

Gleichzeitig klingt es aber so, als ob ihr mehr Aufwand betrieben hättet. Gab es denn jetzt größere Herausforderungen als bei den Vorgängern?

Dessner: Nein, bei jedem Album stellt man sich den gleichen Herausforderungen. Aber mein Bruder und ich wir waren musikalisch in einer wirklich guten Ausgangslage, wir haben davor viele andere Sachen gemacht. Die aufwändige Compilation Dark Was the Night und eine andere 70-minütige Orchester-Produktion. Während Boxer war ich ziemlich depressiv und habe in dem Sinne nicht richtig funktioniert. Diesmal ging es irgendwie leichter von der Hand. Und das gilt glaube ich für alle. Wir haben viel weggeschmissen, sieben oder acht Songs waren fertig, haben dann aber nicht mal einen Text bekommen. Keine Ahnung, was mit denen jetzt passiert, zwei B-Seiten sind jedenfalls fertig.

In einem früheren Interview hat einer von Euch gesagt, einige eurer Songs sind hässliche Entlein. Gibt es denn diesmal auch welche?

Dessner: Naja, ich sehe unsere Lieder immer als ein wenig neben der Spur an. Wenn ich mir einen Coldplay-Song oder auch etwas von Vampire Weekend anhöre, dann – naja, ich will nicht sagen, dass es schlechte Songs sind – aber die sind schön, schick und – ja, einfach. Unsere Songs sind aus unerfindlichen Gründen nie wirklich einfach. Unsere neuen Sachen sind etwas abenteuerlicher. Und wir mögen immer noch Sachen, die etwas dreckig sind oder eben nicht so glattgebügelt. Was zu gut, zu einfach, und zu catchyeingängig ist, landet im Papierkorb.

Lesen Sie auf Seite 2, was Aaron Dessner wirklich schockiert

Du hast Coldplay erwähnt. Ihr Sänger Chris Martin hat einmal gesagt, dass er Songs mit dem Hintergedanken schreibt, dass er sie in den nächsten fünf oder zehn Jahren spielen muss. Wie viele «Live-Gedanken» gehen euch denn durch den Kopf?

Dessner: Hm, viele der neuen Songs sind gitarrenlastiger, eben rauer und lauter geworden. Das ist sicher die Erfahrung des häufigen Tourens. Wir mögen es eben, auch mal laut zu sein. Richtig laut. Bei Terrible Love zum Beispiel. Das explodiert am Ende richtig, so etwas hatten wir noch nie auf Platte. Einige der älteren Sachen machen das ähnlich, aber diesmal explodieren wir etwas atmosphärischer. Um es kurz zusammenzufassen: Ja, wir haben uns schon kräftig Gedanken darüber gemacht.

Eure Musik ist in meinem Erleben eine, die dem Zuhörer etwas abverlangt – Er muss zuhören. Er bekommt dafür etwas zurück, denn das jeweilige Album wächst. Auch das neue klingt...

Dessner: Echt? Ach Mist, wir wollten doch ein mal ein Album machen, das kein GrowerEin Lied oder ein Album, dass sich erst nach mehrmaligem Hören erschließt. ist... Nee, mal im Ernst. Wir machen Alben, die wir selbst gern hören möchten. Und die eröffnen sich eben auch nicht gleich beim ersten Mal. Wenn sie zu durchschaubar ist, dann ist die Musik sehr schnell sehr alt. Auf High Violet sind glaube ich viele kleine Entwicklungen drauf, die nicht sofort rauszuhören sind.

Du gibst also doch zu, dass ihr absichtlich Grower bastelt?

Dessner: Naja, ich selber finde es direkter als Boxer. Aber ja, wir sind unfähig, eingängige Musik zu machen.

Wann bist du denn zufrieden? Wenn das Album fertig ist, gibt es da einen bestimmten Punkt?

Dessner: Oh, zufrieden – das fällt mir schwer. Besonders weil Matt so lange braucht, um die Songs fertig zu machen. Immer in allerletzten Minute, in der Nacht, bevor das Master raus muss. Man arbeitet ein Jahr hart daran und dann bricht da so ein Stress aus. Wenn wir das Album fertig haben, bin ich immer einen Monat lang im Schockzustand. Aber es gibt einfache Sachen – wenn die Identität stimmt, wenn es sich anfühlt, als hätte das alles Sinn oder ein Herz. Oder wenn das Tempo stimmt, einfach zu dem passt, was wir sagen wollten. Und dann die Instrumente, wenn die Cellos, Gitarren, Klarinetten – alles einfache Instrumente, die einfache Noten spielen – mehr preis geben als nur das, was da gespielt wird. Wenn es mehr Ebenen gibt als nur die Noten, etwas, das sich bewegt und bewegen lässt. Das zusammen macht mich zufrieden. Was ich ganz schnell vergesse, wenn Matt mal wieder seine Lyrics nicht fertig hat.

Wer mit Musik heute Geld verdienen will, muss auf die Bühne. Gibt es denn da Momente, die einen zufrieden machen?

Dessner: Naja, das ist ziemlich einfach. In der Halle oder draußen geht es darum, dass man spürt, dass die Fans etwas mit deinen Sachen anfangen können. Wenn die Musik unseren Fans etwas bedeutet. Es ist aber wichtiger, was es für sie bedeutet, als das, was es für uns bedeutet. Es ist aber schon ein komisches Gefühl, die eigenen Sachen mit anderen Menschen zu teilen und dass man Energie zurück bekommt. Unsere Fans sind manchmal ein bisschen eigenartig. Aber wir sind ziemlich glücklich mit denen, die wir haben.

In London habt ihr die Royal Albert Hall innerhalb von vier Minuten ausverkauft. 6000 Leute. Das waren nicht nur Fans, glaube ich jetzt mal. Ihr habt als Reaktion noch eine kleinere Show gespielt und das nur über euer Fanforum bekannt gegeben. Scheint so, als würden eure Anhänger euch wirklich etwas bedeuten...

Dessner: Ja, das war schon komisch. Unser Manager hat uns gesagt, wir sollten uns drüber freuen. Aber wir haben uns nur dumm angeguckt und uns gefragt, ob das alles mit rechten Dingen zugegangen ist. Dann kamen von unseren Fans einige böse Worte und wir waren ziemlich unglücklich. Deshalb die Show wirklich nur für Fans – nicht in dem speziellen riesigen Rahmen, sondern in dem speziellen kleineren.

Könnt ihr euch eigentlich vorstellen, mal eine Stadionshow zu spielen – so richtig Coldplay-mäßig?

Dessner: Wenn dann höchstens im Madison Square Garden, ein Ort, den wir sehr lieben. Aber wir sind glaube ich nicht die Band, die dafür bestimmt ist, zehntausende Tickets zu verkaufen. Jetzt spielen wir schon vor einigen Tausend Leuten, über mehr machen wir uns echt gerade keine Gedanken. Wir hoffen nicht, mal eine Stadionband zu werden. Höchstens auf die Art, wie es Radiohead machen. Und U2 machen es auch gut - wenn man ihre Musik mag.

Lesen Sie auf Seite 3, was Dessner von den Republikanern hält

Ihr habt eine ziemlich enge Beziehung zu Südeuropa. Das liegt doch wohl nicht alles im Wein begründet?

Dessner: Oh, die Freundin meines Bruders wohnt in Katalonien, in Südfrankreich. Deswegen sind wir öfter dort. Und das französische Essen ist wirklich gut. Nichts gegen deutsches Essen, englisches ist noch schlechter.

Was würdet ihr denn sagen, wenn die Republikaner einen eurer Songs auf einer ihrer Conventions spielen würden?

Dessner: Ich denke – nein, ich weiß, dass wir sie verklagen würden, denn dann hätten sie nicht nach Erlaubnis gefragt. If there is any way to fuck with them, we would.Sinngemäß: "Wenn es irgendeine Möglichkeit gäbe, sie in den Dreck zu ziehen, würden wir das tun." Denn wir hassen sie – aus unserem tiefsten Inneren. Sie sind vor allem ein religiöser Kult. Die Demokraten sind auch nicht das Wahre, sie sind schwach. Sie unterminieren Barack Obama, um wiedergewählt zu werden. Aber die Republikaner sind ein unglaublich bösartiger religiöser Kult. Wir würden alles tun, um sie aufzuhalten.

Glaubst du eher an die Politik oder an die Musik?

Dessner: Ich glaube definitiv mehr an die Musik. Es gibt unendliche Möglichkeiten, es ist unendlich hoffnungsvoll. Musik ist eine erhabene, transzendente Sache - vielleicht für immer. Die Musik, die ich höre, ist eben auch romantisch und gibt meinem Leben etwas. Und das kann jedem so gehen, der es zulässt. Egal, ob man jung ist und nicht weiß, wohin mit sich oder ob man eine Beziehung zu denen aufbaut, die da diesen einen unheimlichen Song singt. Ich glaube nicht, dass Politik die Leute irgendwo hinführt. Leider scheint es in der Natur der Menschen zu liegen, dass wir uns Gewalt, Gier und Chaos aussetzen.

Ich frage auch deshalb, weil es so scheint, als ob euch eure Fans auf eine sonderbare Weise sehr viel zutrauen, im Deutschen haben wir ein schönes Wort dafür: Heilsbringer. Merkt ihr das?

Dessner: Naja, es scheint so zu sein, dass wir keine Mittelfans haben. Viele unserer Fans glauben, dass wir die beste Band der Welt sind. Das hat viel mit der Person von Matt zu tun. Er schreibt keine brillant-ausgeklügelten Songtexte. Sie sind abstrakt, aber gleichzeitig voller Beklemmung, mit der wir alle konfrontiert sind. Mir geht es ähnlich, wenn ich Dostojewski lese. Das Buch ist dann für mich wie religiöses Material. Weil es voller Konfusion ist. Eben die Gefühle, die man im richtigen Leben nun mal so hat. Und unsere Songs können eben auch die ganze Achterbahn beinhalten. Manchmal wird es schon ein bisschen zu viel, was da in unsere Arbeit hineininterpretiert wird. Wir mögen unsere Fans trotzdem. Und wenn, dann muss man sie auch alle so nehmen, wie sie sind.

In den vergangenen drei Jahren seit ‹Boxer› hat sich das Musikbusiness in meinem Erleben ziemlich verändert. Stimmt das und wenn ja, wie bekommt ihr das mit?

Dessner: Ja. Also auf die erste Frage. Das Internet hat das Business so verändert, dass mehr Musik einfacher zugänglich ist. Die Leute können einfach mehr entdecken. Und es ist es eben nicht mehr nur wichtig, was die großen Medienkonzerne so in die Welt setzen.

 

Aaron Dessner, 34, ist Gitarrist der US-amerikanischen Indie-Rockband The National. Er schreibt den Großteil der Arrangements für die Gruppe. Zudem spielt er in der Band Clogs.

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