Brutstätte des Bösen
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Von news.de-Mitarbeiter Martin Weber
Artikel vom 12.05.2010
Ein 16-Jähriger tötet einen Schulkameraden, der ihn ständig gedemütigt hat. Die Eltern wollen die Tat vertuschen. Mit Der andere Junge präsentiert das Erste ein TV-Drama, das unter die Haut geht.
Gute Filme müssen nicht teuer sein - das beweist seit Jahren die Hamburger Firma Josefine Filmproduktion, die mit kleinen Budgets regelmäßig große Filme stemmt. Der Boxer und die Friseuse mit Hinnerk Schönemann und Ulrich Noethen oder Väter, denn sie wissen nicht, was sich tut mit Edgar Selge und Armin Rohde waren solche Produktionen, die mit bescheidenem Aufwand ein tolles Ergebnis erzielten und Preise einheimsten.
Jetzt ist im Ersten ein weiteres Werk der kreativen Filmemacher um die Regisseure Hermine Huntgeburth und Lothar Kurzawa zu sehen: Der andere Junge erzählt mit bewusst reduzierten filmischen Mitteln ein Familiendrama, das wahrhaft tragische Dimensionen hat. Der beim Filmfestival von Montreal ausgezeichnete Kinofilm von 2007 hat am 12. Mai zur besten Sendezeit im Ersten (20.15 Uhr) seine TV-Premiere.
Regisseur Volker Einrauchs Film kreist um zwei Kleinfamilien aus einem Vorort Hamburgs, die sich auf den ersten Blick ähneln, in Wirklichkeit aber völlig verschieden sind: Beide zählen zur Mittelschicht, haben ein Eigenheim und jeweils einen Sohn im Teenageralter. Doch während Winnie Morell (Peter Lohmeyer) und Gattin Evchen (Andrea Sawatzki) in den Konventionen des bürgerlichen Lebens nahezu erstarrt sind, haben sich Jakob Wagner (Christian Berkel) und seine Frau Sylvie (Barbara Auer) noch nicht ganz mit dem Spießerdasein arrangiert, trinken schon mal einen und lassen es auch im Ehebett krachen. Was beide Paare nicht wissen: Robert (Willi Gerk), der introvertierte Sohn der Morells, wird vom etwas älteren und wesentlich größeren Wagner-Spross Paul (Tim Oliver Schultz) drangsaliert und fast schon sadistisch gequält.
Als der sensible Junge von seinem Peiniger immer mehr in die Ecke gedrängt wird, eskaliert die Situation: Im Affekt erschießt Robert den Widersacher im elterlichen Heim mit einer Pistole, die Paul seinem Vater aus dem Waffenschrank entwendet hat. Als Evchen und Winnie nach Hause kommen, finden sie ihren traumatisierten Sohn und den toten Paul vor - und beschließen kurzerhand, die Leiche verschwinden zu lassen. Die erste einer Reihe höchst fataler Entscheidungen, die vor allem Familienvater Winnie Morell trifft und die eine Spirale von Trauer, Rache und Gewalt in Gang setzen, mit der er niemals gerechnet hätte.
Natürlich handelt Einrauchs Film (Drehbuch: Lothar Kurzawa) vom Vorstadt-Häuschen, das sich als Spießerhölle und schließlich Brutstätte des Bösen entpuppt. Er handelt aber auch von Vätern und Söhnen, die sich auf fatale Weise ähnlich sind: Der ängstliche Robert ist eine junge Ausgabe seines Vaters Winnie, der sich lieber wegduckt, als sich Konflikten zu stellen. Der sadistische Robert wiederum hat sich viel von seinem extrovertierten, es mit herkömmlichen Moralvorstellungen nicht immer genau nehmenden Erzeuger, dem Alpha-Männchen Jakob, abgeschaut. Das feine Drehbuch und die kluge Regie werden von einem großartigen Darsteller-Sextett umgesetzt, das diesen Low-Budget-Film zu einem echten Erlebnis macht.
Der andere Junge, 12. Mai, 20.15 Uhr, Das Erste
car/ivb/news.de
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