Von news.de-Redakteur Florian Blaschke
Wenn Pater Castell ermittelt, ist es ernst. Zum Auftakt von Staffel 3 sucht er nach einer der heiligsten Reliquien der Katholischen Kirche, während die sich mit internen Querelen herumschlägt. Alles etwas hanebüchen, aber durchaus unterhaltsam – auch dank Francis Fulton-Smith und Christine Döring.
Die katholische Kirche hat es derzeit aber auch wirklich nicht leicht. Da gibt es Vorwürfe über Vorwürfe, sogar gegen einen Bischof wird ermittelt, das Image leidet, die Fassade bröckelt, die Schäfchen fliehen. Da könnte einer wie Pater Castell gerade recht kommen. Einer, der das Bild wieder gerade rückt, der für das Gute kämpft, mit Schirm, Charme und Melone, möchte man fast sagen. Doch ach! Auch hier, in dieser so durchgestylten katholischen Welt, gibt es Bösewichter in den eigenen Reihen – wie in seinem neuen Fall: Die Jesus-Tafel.
Der Auftakt zur dritten Staffel von Ihr Auftrag, Pater Castell hat so einiges zu bieten. Zunächst einmal natürlich die Tafel selbst, eine der heiligsten Reliquien der katholischen Kirche, die Gläubige für eben das Stück Holz halten, das wirklich am Kreuz Jesu gehangen haben soll und auf dem die berühmte INRI-Inschrift stand: «Iesus Nazarenus Rex Iudaeorum» – Jesus von Nazaret, König der Juden. Mit dieser Tafel, deren Echtheit lange nicht so eindeutig ist, wie es uns der Film weismachen will (Experten datieren sie zwischen das 10. und 12. Jahrhundert), plant der Vatikan eine Ausstellung. Hunderttausende werden in Rom erwartet.
Doch die Pläne des Heiligen Stuhls stoßen nicht bei allen Katholiken auf Gegenliebe. Bei Kardinal Sanchez (Reiner Schöne) zum Beispiel nicht, einem reichlich reaktionären Fiesling, der das Ausstellen der Tafel nicht nur für ein Sakrileg hält, sondern gleich auch noch die ganze katholische Kirche reformieren will: «Sie war einst stark und sie muss es wieder werden», pöbelt er im Zimmer des Kardinalstaatssekretärs Scarpia (Hans Peter Hallwachs) und es ist auch klar, wer das bewerkstelligen soll. Doch Scarpia kontert die etwas amateurhaft wirkende Revolution: «Die Zeiten haben sich geändert, Kardinal», eine totalitäre und radikale Einstellung sei heutzutage nicht mehr gefragt. «Wir sind eine offene Kirche.» Da weiß man doch, wo man dran ist.
Eine Takeaway als Feinschmeckerbude
Damit sind die Fronten von Beginn an geklärt und sie verhärten sich, als die Jesus-Tafel vier Tage vor Ausstellungsbeginn gestohlen wird. Der Dieb ist offenbar der renommierte deutsche Materialwissenschaftler Dr. Guido Böll (Alan Meadows), ausgerechnet der Mann, der dem Vatikan kurz zuvor noch die Echtheit der Tafel bestätigt hatte. Doch viel Freude hat er nicht mehr an dem guten Stück, das angeblich heilende Kräfte haben soll. Kurze Zeit später schon findet ihn die Polizei, geschlagen und erwürgt auf Malta – da kann selbst eine Reliquie nicht mehr helfen.
Mit dem Mord betreten die sattsam bekannten Ermittler der Krimireihe das Spielfeld, auf Seiten des Vatikans Pater Simon Castell (Francis Fulton-Smith), auf deutscher Seite – schließlich war Böll ein hochrangiger Wissenschaftler – die Polizistin Marie Blank (Christine Döring). Schnell findet sich der erste Zeuge, der maltesische Junge Leonardo (Aidan Aquilina), der jedoch schweigt beharrlich. Und auch erste Spuren sind zügig gefunden, doch während Blank eigentlich mehr oder minder in Ruhe ermitteln könnte, bleiben Castell nur vier Tage. Die Ausstellung droht zu platzen und Kardinal Sanchez macht hinter den Kulissen Druck.
Die Jesustafel beginnt – wie alle Fälle von Pater Castell – äußerst anspruchsvoll. Herrliche Luftaufnahmen des Vatikans, ein menschenüberfluteter Petersplatz, staatstragende Musik. Wer sich da nicht an Ron Howards Illuminati erinnert fühlt ... Und auch sonst bedienen sich Regisseur Florian Kern und Drehbuchautor Lorenz Lau-Uhle hier und da, vor allem jedoch in der Klischeekiste. Da heißt ein Oberst der Schweizer Garde schonmal Sprüngli (Frank Giering), da wird der Takeaway-Imbiss auf Malta zur Feinschmeckerbude und die richtig bösen Jungs, die haben auch richtig böse Gesichter.
Es braucht viel für eine echte Kirchenkrise
Dazu kommt, dass Kern einige Grundregeln des Fernsehens missachtet. So ist es nur selten eine gute Idee, Verdächtige mit allzu prominenten Schauspielern zu besetzen, denn selbst wenn mehrere solcher Figuren eingebaut werden: Der Zuschauer wird seine Vorauswahl treffen. Dazu und zu kleineren handwerklichen Fehlern gesellt sich das Problem, dass es etwas mehr braucht als nur eine tickende Uhr, um ein Rennen gegen die Zeit zu inszenieren und dass auch ein ermüdend penetranter Kardinal Sanchez noch lange nicht für eine echte Sinnkrise der katholischen Kirche taugt. Zumal: Wenn man sich schon an die Grundfesten dieser Institution wagt und mit einem Auge auf Hollywood-Blockbuster wie Illuminati schielt, dann greife man doch bitte auch gleich zur ganz großen Verschwörung. Wenn schon, denn schon.
Doch da sind ja auch noch Castell und Blank. Sicher, es sind nicht gerade schauspielerische Glanzleistungen, die Francis Fulton-Smith und Christine Döring da abliefern müssen – ihre Dialoge wirken manchmal etwas starr, ihre Ermittlungen dagegen etwas zu flüssig –, doch dafür sehen sie einfach verdammt gut aus dabei. Zudem ist dieser Castell eine herrliche Mischung aus Pater Brown und Indianer Jones, MacGyver und Karl dem Computer. Er ist gläubig, aber sanft durchtrieben, abenteuerlustig und erfinderisch, und dazu noch ist er ein wandelndes Lexikon, dieser «James Bond in Soutane», wie ihn die Frankfurter Allgemeine Zeitung einmal nannte.
Er ist einfach eine charmante Figur, eine, in der Francis Fulton-Smith ganz aufgeht, auch wenn sein Spiel dem als Kommissar LaBréa oder Dr. Christian Kleist schon frappierend gleicht. Doch dieser Charme ist es schließlich – neben der Hochglanz-Inszenierung, die vor allem der Kamera von Christian Paschmann und der Musik von Ludwig Eckmann zu verdanken ist –, der Pater Castell rettet. Da wird gekniffelt und geknobelt, mit historischem Wissen um sich geworfen und eine Menschenkenntnis an den Tag gelegt, wie sie sonst nur die Super-Nanny mitbringt. Und sogar den ein oder anderen kleinen Flirt mit der attraktive Maria Blank muss sich dieser so weltliche Monsignore nicht verkneifen. Sie macht aber auch eine zu gute Figur. Und so startet der Ermittler im Auftrag des Herrn gewohnt solide in seine dritte Staffel. Nicht ganz ernstzunehmen, immer mit einem zwinkernden Auge und phasenweise etwas hanebüchen. Doch für 90 Minuten ordentliche Unterhaltung taugt Die Jesus-Tafel allemal.
Ihr Auftrag, Pater Castell – Die Jesus-Tafel, Donnerstag, 13. Mai, 21 Uhr, ZDF