Berlinale unter Palmen
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Von news.de-Mitarbeiter Dieter Oßwald
Artikel vom 12.05.2010
Roter Teppich und rebellischer Kreuzritter: Mit dem Heldenepos Robin Hood wird das 63. Filmfestival von Cannes eröffnet. Auf dem Roten Teppich werden neben den Hauptdarstellern Russell Crowe und Cate Blanchett auch die Stars der Jury erwartet - allen voran Präsident Tim Burton.
Bislang waren die Vorlieben im Festival-Zirkus klar verteilt: Die Berlinale setzt traditionell auf Politik, Venedig kapriziert sich auf Kunst und Cannes gibt allzu gerne dem Glamour die Kusshand, Hollwood-Hofknicks inklusive. Beim 63. Filmfest an der Côte d'Azur, das am12. Mai mit Robin Hood von Ridley Scott eröffnet wird, scheint das bisherige Koordinatensystem verschoben: «Politik unter Palmen» lautet die Parole.
Mangels Masse an potenziellen Meisterwerk-Kandidaten sollen kontroverse Themen für den medialen Wirbel sorgen. Im Fall des algerischen Beitrags Hors-la-loi (Gesetzlos) von Rachid Bouchareb ist das bereits gelungen: Der kritische Blick auf die Rolle der Franzosen beim Algerienkrieg hat vorab für Proteste rechter Politiker gesorgt, ein Komitee «Für die historische Wahrheit» droht dem Festival gar mit spektakulären Störungen.
Um Vergangenheitsbewältigung der explosiven Art geht es auch dem Tarantino-Produzenten Lawrence Bender. Hatte er im Vorjahr noch Inglourious Basterds im Gepäck, widmet er sich nun mit der Dokumentation Countdown to Zero der Geschichte der Atombombe.
Die aktuelle Bankenkrise steht gleich mehrfach auf dem Programm. Während Inside Job sich dokumentarisch auf internationale Spurensuche nach den Ursachen der Finanzmisere begibt, lässt Oliver Stone in seiner Wall Street-Fortsetzung Michael Douglas als gierigen Bankier Gordon Gekko auferstehen.
Gleichfalls als Star mit politischer Mission tritt der zweifache Oscar-Gewinner Sean Penn im Thriller Fair Game an, dem einzigen US-Beitrag im Palmen-Rennen - immerhin mehr als Deutschland, das nach dem fulminanten Weißen Band-Erfolg Künstlerpause macht. Nach einer wahren Geschichte spielt Penn einen Diplomaten, der die Bush-Regierung mit kritischen Berichten über den Irak-Krieg so verärgert, dass seine Gattin öffentlich als CIA-Agentin enttarnt wird.
Auffallend zurückhaltend gibt sich die Kommerz-Abteilung der Traumfabrik. Pompöse Blockbuster-Spektakel à la Da Vinci Code oder Indiana Jones sind Vergangenheit, selbst der neue Shrek schreckt vor dem Reklame-Einsatz an der Croisette zurück.
Auch die gewohnten Kino-Leuchttürme mit Wow-Effekt sucht man, zumindest im gedruckten Programm, vergeblich. Einen Woody Allen, Mike Leigh oder Stephen Frears kann Cannes allemal aus dem Schatzkästchen seiner Stammgäste zaubern, Jean-Luc Godard sowieso und auch der Methusalem Manoel de Oliveira, dienstältester Regisseur der Welt, darf mit stolzen 101 Jahren obligatorisch sein neues Werk präsentieren.
Unerfüllt bleiben indes die Hoffnungen auf Regie-Genies wie Peter Weir und Terrence Malick sowie auf junge Wilde wie Darren Aronofsky, Sofia Coppola oder Jodie Foster. «Nicht fertig» kann als Entschuldigung kaum gelten. Wer will, der kann Cannes - allerdings scheinen Festivaltermine zunehmend weniger Priorität bei den Planungen der Produzenten zu bekommen. Selbst ein Robin Hood gibt kein Pardon: 24 Stunden nach seiner Premiere reitet Russell Crowe bereits über die Leinwände in aller Welt, schneller kann das Haltbarkeitsdatum von Exklusivität kaum ablaufen.
Aller Mängel zum Trotz wird die nach Olympia medial bedeutendste Veranstaltung wieder für zwölf Tage zur «Pilgerstätte für die Gläubigen der Filmkunst», wie der legendäre Kritiker André Bazin einst schwärmte. Wenngleich es kaum nach großer Kino-WM aussieht, geben das mexikanische Regiewunder Alejandro Gonzàlez Inàrritu, der Iraner Abbas Kiarostami oder Japans Takeshi Kitano immerhin berechtigte Hoffnung auf eine cineastische Champions-League in Cannes. Zudem will Mick Jagger mit einer neuen Rolling Stones-Doku höchstpersönlich für Stimmung sorgen - noch so ein Déjà-vu der Berlinale.
car/amg/ivb/news.de
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