Halali!
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Von news.de-Redakteur Florian Blaschke
Artikel vom 14.05.2010
Mit ihrem achten Studioalbum Für Dich Immer Noch Fanta Sie blasen die Fantastischen Vier wieder einmal zur Jagd auf Beats und Hitparaden. Es ist ein Album voll Egozentrik und Humor, das jedoch zu Missverständnissen führen könnte. Ein Aufklärungsversuch.
Sind sie vielleicht ein wenig dünnhäutig geworden, die Fantastischen Vier? Und das auf ihre noch gar nicht so alten Tage? Da lädt sich das Hip-Hop-Quartett vor Veröffentlichung ihrer neuen Platte Für Dich Immer Noch Fanta Sie einige Journalisten, Medienpartner und unter anderem auch den Blogger Felix Schwenzel (wirres.net) ein, um Studioalbum Nummer acht vorzustellen, und dann kommt sowas dabei raus: Schwenzel schreibt nach dem offenbar durchaus kurzweiligen Abend von einem Smudo, der sofort anfängt zu quasseln und von vier Männern, «ein paar Jahre vor der Midlife-Crisis, die mit ihrem Onkel-Bärtchen, gepflegten Vollbärten, Eheringvollausstattung und Jobatey-Beschuhung haarscharf an der Spießigkeit vorbeigestylt sind und unprätentiös von ihrer Arbeit erzählen und mit ihren iPhones spielten».* Er schreibt aber auch Sachen wie «sympathisch wirkten alle vier» oder «Das Stück gefällt mir», es fallen Worte wie «bewundernswert» und «Stringenz».
Zumindest bei Smudo aber kommt dieser – offen gesagt ziemlich offene und ehrliche – Artikel nicht gut an. Was vielleicht auch daran liegen mag, dass die Fantastischen Vier Schwenzel für einen Journalisten (wenn auch in Anführungszeichen) gehalten haben und somit die Erwartungshaltung vielleicht von vornherein eine falsche war. Smudo zumindest twittert kurze Zeit später: «Der Tag beginnt mit vielen guten Kritiken und einer Unverschämtheit» und verlinkt auf Schwenzels Artikel. Inzwischen aber scheint sich die Lage einigermaßen beruhigt zu haben, Smudo hat sich bei der Süddeutschen Zeitung über den Cherno-Jobatey-Vergleich auslassen dürfen und inzwischen eingesehen, dass die ganze Sache «no big deal» gewesen sei. Was bleibt, ist ein kleines Lehrstück in Sachen PR. Schwamm drüber. Kümmern wir uns wieder um die Platte.
Zunächst zu den Tatsachen: 16 Stücke, 64 Minuten Musik und ein Cover-Bild irgendwo zwischen Hyronimus Bosch, Monty Python und Alice im Wunderland. Und trotz solcher Referenzen ist die erste Einsicht, die dieses Album zu bieten hat, die, dass der Blick der Fantastischen Vier offenbar ziemlich oft nach innen gerichtet ist. In Titeln wie dem düsteren Opener Wie Gladiatoren, der Single-Auskopplung Gebt uns ruhig die Schuld oder dem letzten Stück Was wollen wir nocht mehr? dreht sich das Quartett, das im vergangenen Jahr seinen 20. Geburtstag gefeiert hat, inhaltlich in aller Seelenruhe um sich selbst. Eine Frage der Selbstvergewisserung? Sind wir noch da?
«Wenn du mich hasst, dann: Fick dich!»
Vielleicht auch, doch möglicherweise liegt das auch daran, dass Für Dich Immer Noch Fanta Sie nach dem 2007er-Album Fornika kein leichtes Erbe antritt. Oder daran, dass die Fantastischen Vier sich lange schon nicht mehr auf ihren Pionier-Lorbeeren ausruhen können. Vor 15 Jahren, in Was geht, konnten sie noch vollkommen zu Recht reimen: «Schau zurück Mann, schon ein paar Jahre her, da war das Plattenfach mit Rap in Deiner Sprache noch leer. Jetzt sag mir, wer stand da als erstes drin, wer hatte Recht als er behauptete ‹Vier Gewinnt›? Das waren wir mein Kind.»
Heute ist die Konkurrenz im Rap- und HipHop-Sektor riesig, und die Fantastischen Vier wissen das. Angst vor der Bedeutungslosigkeit? Schließlich ist auch die Aufforderung Gebt uns ruhig die Schuld (Fettes Brot rappten einst mit ähnlichem Tenor Schieb es auf die Brote) eine Bitte um Relevanz. Angst aber ist ganz offensichtlich nicht der Grund für ihre ausgeprägte Egozentrik. Zu gelassen darf Thomas D mit Mantra an seine Lektionen in Demut anknüpfen, zu selbstverständlich mischen sich da HipHop und Rock, Jazz und Blues, Synthiepop und Crossover, zu spielerisch wird etwa Danke mit einem Sound unterlegt, der frappierend an den Fettes-Brot-Klassiker An Tagen wie diesen erinnert. Aus dem «Plattenfach mit Rap» ist ein ganzes Plattenregal unterschiedlichster Stile geworden, und insofern ist der Blick nach innen immer auch verbunden mit einem Blick nach außen – und nach hinten. So manches auf diesem Album klingt traditionell und aufgeräumt, verstaubt aber wirkt es dadurch nicht.
Schwierig werden könnte diese Platte dann aber doch noch an der ein oder anderen Stelle. Bei Kaputt etwa, einem betont unrythmischen und rauhen Stück, in dem Smudo sich einige Explicit Lyrics gönnt und schreit: «Wenn du mich hasst, dann: Fick dich! Und wenn du mich liebst, dann: Fick mich!» Nun haben die Fantastischen Vier leider das Problem, dass die meisten ihrer Texte als Statement verstanden werden, als Ausdruck einer Haltung, sei sie politisch, gesellschaftlich oder auch persönlich. Wenn dann das Management zum neuen Album noch schreibt, es sei «böse», «kaputt» und «entblößend», der ein oder andere das Stück vielleicht nicht bis zum Ende hört und so nicht merken kann, dass hier eine Geschichte erzählt wird, dann ist es programmiert, das große Missverständnis. Dann steht das Image plötzlich Kopf.
«Nicht perfekt, doch verdammt nah dran»
Dabei ist es gerade das Geschichtenerzählen, das die Fantastischen Vier über die Jahre hinweg immer weiter ausgebaut haben. War Die Da – um nur ein Beispiel zu nennen – noch reichlich eindimensional (wenn auch unterhaltsam), sind viele der heutigen Stücke komplexer (nicht kompliziert). Selten nur noch findet man auf dem neuen Album das Reim-dich-oder-ich-fress-dich-Phänomen (Das letzte Mal), der einfache Witz der Anfangsjahre ist einer klugen Ironie gewichen. Und mit der feiert sich die Band – und das ist dann wirklich mal eine echte Selbstreferenz –ganz kräftig selbst, sie geriert sich als eingeschworene Truppe im Kampf gegen den Rest der Welt. Bei Refrains jedoch wie «Gut gebaut und braun gebrannt, Supersound von Anfang an. Wir kommen korrekt und immer gut an, nicht perfekt, doch verdammt nah dran» (Was wollen wir noch mehr?) oder Stücken wie Dann mach doch mal wird man derart penetrant mit der Nase in einen Haufen voller Doppeldeutigkeiten gestupst, dass man gar nicht anders kann, als diese Attitüde nicht ernst zu nehmen.
Dennoch könnte sie einen ersten Hintergrund haben. Sie könnte der Versuch sein, den Vorwurf der Saturiertheit, an dem kaum eine Band im Lauf ihrer Karriere vorbei kommt, von vornherein auszuhebeln. Indem die Fantastischen Vier sich auf ein Podest heben, von dem sie sich im nächsten Augenblick jedoch schon wieder gegenseitig runterschubsen, verhindern sie eine echte Auseinandersetzung mit der Frage, wie glaubwürdig vier HipHopper mit Anfang 40 und einigen Millionen auf dem Konto noch sein können, die sich auch nach 20 Jahren noch gerieren, als seien sie übermotivierte Lausejungs.
Dieser Spagat zwischen Bürgerlichkeit und Spaßrevolte jedoch macht auch eine ganze Menge Spaß. Noch dazu, wenn er so ausgefeilt daherkommt wie auf Für Dich Immer Noch Fanta Sie, ein Wortspiel übrigens, das angeblich von einem Fan stammen soll. Vielleicht fehlt mit genügend Abstand betrachtet ein wenig der musikalische rote Faden, doch den haben die Fantastischen Vier ja ohnehin schon lange verloren, spätestens seit Fornika – die Zeit des überkonsequenten eigenen Stils dürfte endgültig vorbei sein. Es scheint, als wollten sie einfach noch möglichst viel ausprobieren, solange ihre Fans noch die Platten kaufen und zu den Konzerten kommen. Denn «irgendwann ist's aus und vorbei», heißt es in Danke, eine Botschaft, die auch in Für immer zusammen durchschimmert. Bis dahin aber blasen sie mit einem kräftigen «Halali!» (Für Dich immer noch Fanta Sie Teil 2) zur Jagd auf Beats und Hitparaden. Und noch müssen sich die vier Stuttgarter über ein drohendes Ende ja auch keine Sorge machen. Noch haben Sie genug Fanta Sie für dutzende von Platten.
Interpret: Die Fantastischen Vier
Titel: Für Dich Immer Noch Fanta Sie
Plattenfirma: Sony
Erscheinungsdatum: 14. Mai 2010
*Felix Schwenzel nutzt auf seinem Blog konsequent die Kleinschreibung. Wir haben uns erlaubt, diese Eigenart nicht zu übernehmen.
car/ivb/news.de
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