Von news.de-Redakteur Michael Kraft, Leipzig
Zoot Woman sind eine der wichtigsten Elektronik-Bands der vergangenen Jahre. Vor dem Konzert in Leipzig haben wir uns mit Sänger Johnny Blake über den Einfluss auf Lady Gaga, die schicksten Fans der Welt und über den Nostalgiker in ihm unterhalten.
Das Klischee besagt: Wer elektronische Musik macht, tüftelt lieber im Studio, als auf der Bühne zu stehen. Auf Zoot Woman scheint das nicht zuzutreffen.
Blake: Das stimmt. Wir sind sehr gerne unterwegs, und das ist wirklich ungewöhnlich. Vor allem, wenn man bedenkt, dass wir eigentlich aus einer Ecke kommen, wo es ums Komponieren und Aufnehmen geht, nicht so sehr um Konzerte. Aber auch diese Tour läuft bisher ganz wunderbar.
Zwischen 2003, als das Album Zoot Woman erschien, und 2009, als die aktuelle Platte Things Are What They Used To Be herauskam, gab es sogar jede Menge Konzerte, obwohl es gar kein neues Album gab. Wurde es da nicht langweilig, jeden Abend dasselbe zu spielen?
Blake: Nein. Die große Lücke zwischen zwei Platten hat uns auf gewisse Weise sogar geholfen. Früher haben wir viele Sachen im Studio erst entwickelt. Für Things Are What They Used To Be hatten wir viele Songs, die wir live schon oft gespielt hatten, und die wir dann für die Platte nur noch perfektionieren mussten. Aber in jedem Fall hat das Touren noch mehr Spaß gemacht, als die Platte endlich draußen war und die Fans die neuen Stücke dann auch kannten.
Konzerte werden grundsätzlich wichtiger für Bands, weil sich damit - im Gegensatz zu Plattenverkäufen - noch Geld verdienen lässt. Ist auch das einer der Gründe für die Tour-Leidenschaft?
Blake: Das spielt natürlich eine Rolle. Es gibt eben nur eine Möglichkeit, ein Live-Konzert wirklich zu erleben: Man muss hingehen. Man kann das nicht mit einem anderen Medium reproduzieren. Dass Live-Shows dadurch wichtiger geworden sind, ist aber auch eine nette Motivation. Wenn es vielleicht mal Ärger mit der Plattenfirma gibt oder man nicht weiß, ob man noch einmal ein Album aufnehmen kann, gibt es einem neue Kraft, wenn man auf der Bühne steht und sieht, dass die Songs funktionieren. Wenn die Leute ausflippen, wenn wir It's Automatic spielen, führt einem das immer wieder vor Augen, worum es wirklich geht. Außerdem ist ein Konzert immer wieder die beste Möglichkeit, spontan zu sein. Als Musiker sollte das Arbeiten und Schreiben immer spontan sein.
Dann würde ja für Zoot Woman die Strategie gut passen, die Ash jetzt verfolgen: Die Band aus Nordirland hat beschlossen, keine Alben mehr zu machen, sondern nur noch Singles herauszubringen.
Blake: Das klingt nach einer coolen Idee. Es macht sicher Sinn, weil sich auch die Hörgewohnheiten geändert haben. Es gibt einfach nicht mehr so viele Leute, die in den Laden gehen, sich eine komplette CD kaufen und sie dann zuhause anhören. Im Gegensatz dazu sind Singles einfach ein toller Weg, um die Musik an die Leute zu bringen. Aber ich selber bin da trotzdem eher ein Nostalgiker. Ich mag Alben. Ich mag es, ein ganzes Album zu machen und rauszubringen. So bin ich es einfach gewohnt.
Sind Zoot Woman dann eher eine Album-Band oder eine Singles-Band?
Blake: Ich denke, dass wir eine Album-Band sind. Obwohl mir gerade vor ein paar Tagen erst jemand gesagt hat, dass Things Are What They Used To Be wie eine Sammlung von Singles klingt. Ich weiß nicht, ob man das als Kompliment auffassen kann. In jedem Fall sollte das Album nicht bewusst danach klingen. Ein Album sollte immer eine Entwicklung nehmen.
Das Langspielformat scheint auch besser zum Anspruch von Zoot Woman zu passen, alles sehr schick und mit einem großen Augenmerk auf die ästhetische Komponente umzusetzen.
Blake: Das stimmt. Singles erscheinen immer in gewisser Weise austauschbar. Bei einem Album kann man so ein Gesamtkonzept natürlich besser umsetzen. Dazu gehören auch die Live-Shows. Unsere Vorbilder waren immer Künstler mit sehr aufwändigen Shows: Roxy Music, David Bowie, Depeche Mode. Diesen Einfluss haben wir in unsere eigenen Auftritte eingearbeitet. Sie sollen nicht nur ein Konzert sein, sondern eine echte Show - und dazu gehört eben auch, was man mit dem Licht anstellt oder was man trägt. Ich habe auch den Eindruck, dass sich unsere Fans für die Konzerte besonders in Schale werfen.
Apropos Einfluss: Die Musikzeitschrift NME hat kürzlich eine Liste der 50 wichtigsten Alben des vergangenen Jahrzehnts zusammengestellt. Nummer eins war Is This It von den Strokes. Das Zoot-Woman-Debüt Living In A Magazine kam fast gleichzeitig heraus wie diese Platte. Wenn man sich die heutige Popszene anschaut, erscheinen Zoot Woman fast genauso einflussreich.
Blake: Das ist schwer zu sagen. Bei solchen Bewertungen kommt es immer darauf an, dass man etwas Ungewöhnliches tut - und zwar zur genau richtigen Zeit. Als Living In A Magazine herauskam, mussten wir uns eine Menge Kritik anhören. Ein Kraftwerk-Cover und Männer in weißen Anzügen - das wollte damals keiner.
Aber Künstler wie La Roux oder Lady Gaga, die ganz offen mit dem Sound und Look der Achtziger spielen, wären ohne Zoot Woman womöglich gar nicht denkbar.
Blake: Das ist sehr hypothetisch, aber es freut mich, wenn das jemand so sieht. Ich denke schon, dass man unseren Einfluss bei vielen aktuellen Popstars hören kann. Am Ende kriegt jeder Künstler die Anerkennung, die er verdient.
Wird sich auch das nächste Zoot-Woman-Album an diesem Trend orientieren?
Blake: Wir wollen uns lieber weiterentwickeln. Das sollte für jeden Künstler das Ziel sein. Wir haben schon drei oder vier fertige Songs, die gute Chancen haben, es auf die nächste Platte zu schaffen.
Johnny Blake (29) ist Sänger der englischen Elektronik-Band Zoot Woman. Die Gruppe wurde 1995 gegründet. Mit ihrem Debütalbum Living In A Magazine (2001) wurde sie eine der einflussreichsten Elektronik-Bands der vergangenen Jahre. Band-Mastermind Stuart Price arbeitete danach unter anderem mit Madonna, Britney Spears und The Killers. 2009 erschien das aktuelle Zoot-Woman-Album Things Are What They Used To Be.
mik/cvd/ivb/news.de