Hurra! - Das ist das Ende!
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Von news.de-Redakteur Florian Blaschke
Artikel vom 11.05.2010
Da ist was los, wenn die Welt untergeht: Die Schweizer Künstler M.S. Bastian und Isabelle L. haben aus einem 52 Meter langen Comic-Gemälde ein irrwitziges Buch gemacht – die Bastokalypse. Es ist ein umfassender Blick auf das Ende aller Zeiten – voll historischer Anspielungen und hintergründigem Humor.
Es gibt wohl kaum ein Ereignis auf der Welt, das so oft und mit großem Tamtam angekündigt, schließlich aber kleinlaut wieder abgesagt werden musste, wie der Weltuntergang. Nun ist es aber auch zu ärgerlich, dass ausgerechnet die Bibel, die uns dieses Ereignis in der Offenbarung des Johannes so bunt und gleichzeitig verquast ausmalt, kein exaktes Datum für die Apokalypse nennt. Was also soll man anderes tun, als sich auf Spekulationen einlassen, auf Seher und Schamanen, auf Priester und Propheten?
Nun macht es das Surreale, teils Unverständliche der Offenbarung dem Menschen nicht gerade einfach, sich ein Bild von dem zu machen, was da über kurz oder lang auf ihn zukommen soll. Hagel und Feuer, das «mit Blut gemengt» auf uns niederprasselt, ist ja noch vorstellbar, und ein großer Stern, der wie eine Fackel auf die Erde fällt, kommt uns aus Hollywood seltsam vertraut vor. Bei Heuschrecken mit Menschengesichtern hingegen, Haaren «wie Weiberhaare», Löwenzähnen, eisernen Panzern und rasselnden Flügen ist schon eine Menge Phantasie gefragt.
Doch hat es im Laufe der Geschichte so manches blutrünstige Ereignis gegeben, das zumindest in die Nähe einer Apokalypse kommt - Kriege, Naturkatastrophen und lange Zeit unerklärliche Phänomene wie das einer Sonnenfinsternis etwa. Und so hat sich vermischt, was eigentlich nicht vermischt gehört, so ist der Begriff Apokalypse schon lange nicht mehr nur dem tatsächlichen Weltuntergang vorbehalten. Es hat sie schon häufig gegeben in der Geschichte und spätestens mit dem drohenden Atomkrieg wurde sie zum geflügelten Wort. Und heute? Heute sind wir soweit, dass sie sogar für politisches Geplänkel (Die Große Koalition – zwischen Neuanfang und Apokalypse) genutzt wird und auch während der Finanzkrise dutzende Male in den Schlagzeilen auftauchte. Geht das System unter, geht auch die Welt unter, so der Tenor. So weit, so falsch - bis heute zumindest.
«Eine Topografie des Entsetzens und des Terrors»
Es gibt eben auch so etwas wie die Lust an der Apokalypse, wie Thea Dorn 2009 einen Essay für den Spiegel überschrieb. Grausamkeiten sind nicht nur grausam, sie sind auch faszinierend und bieten reichlich Angriffsfläche für die Fantasie. Dieser Angriffsfläche nun widmen sich die Schweizer Künstler M.S. Bastian und Isabelle L. sowie der Kulturjournalist und Kunstkritiker Konrad Tobler (NZZ, Kunst Bulletin, Basler Zeitung, Mittellandzeitung) in einem - nun ja, nennen wir es ruhig erst einmal Buch: der Bastokalypse. Dass die Bezeichnung Buch jedoch nur auf den ersten Blick zutreffend ist, zeigt sich beim Aufschlagen des Werkes, das 128 Seiten umfasst: Denn diese sind nicht klassisch gebunden, sondern bestehen aus einem einzigen, langen Streifen, dessen Rückseite mit einem Aufsatz in Deutsch, Englisch und Französisch sowie 25 Abbildungen versehen ist und auf dessen Vorderseite sich sozusagen der Bildteil befindet. Aus 32 schwarzweißen Gemälden von einem Meter Höhe und 1,60 Meter Breite haben Bastian und L. einen Comic von 51,2 Metern Länge geschaffen, den sie kürzlich auf dem Comic-Festival Fumetto in Luzern der Öffentlichkeit präsentierten und der als Vorlage für diesen immerhin noch 13,44 Meter langen LeporelloEin Leporello ist ein Heft in Form eines langen Papier- oder Kartonstreifens, der nicht gebunden, sondern gefaltet ist. diente.
Die bei Scheidegger & Spieß erschienene Bastokalypse ist so leicht zu fassen, wie sie schwer zu überblicken ist: «Die beiden Künstler beeindrucken seit Jahren mit ihrem konsistenten Universum, in dem die Referenz das zentrale Element ist», sagt Fumetto-Direktor Lynn Kost. Und auch für ihr neuestes Werk, ein Panorama des Untergangs, haben sich die beiden Künstler unzähliger Rückgriffe und Verweise bedient - auf die Kunst-, Film-, Comic- und Mediengeschichte. «Es ist eine Topografie des Entsetzens und des Terrors», schreibt Konrad Tobler in seinem Essay, «auf der kaum aufzuzählende Ortschaften dunkel aufragen. Ihre Namen heißen zum Beispiel: Verdun, Guernica, Oradour, Lidice, Katyn, Stalingrad, Dresden, Hiroshima, My Lai, Kambodscha, Ruanda, 9/11, Abu Ghraib - von den unzähligen Vernichtslangern wie Auschwitz, Treblinka oder Majdanek und von Gulags wie Kolyma oder Workuta gar nicht erst zu sprechen.»
Doch beschränken sich Bastian und L. keineswegs nur auf die neuere Geschichte. Zitate von Goyas Zyklus Schrecken des Krieges (1810-1814) finden sich dort ebenso wie Anspielungen auf Dürers Apokalyptische Reiter von 1498 oder die rätselhaften Bilder von Hieronymus Bosch (1450-1516). Im Kosmos der Bastokalypse tummeln sich, eingepfercht zwischen Gewalt, Vernichtung und Chaos, Fabelwesen und Monster, historische Figuren und allerlei possierliches und weniger possierliches Gewürm. Da steht ein zähnefletschender Hitler inmitten afrikanisch anmutender Kultfiguren, da bewegen wir uns durch eine schauerliche Landschaft mit Galgenbaum und Kreuzigungsszene, da schwirren Bomben und Torpedos mit aggressiven Fratzen durch die Nacht, da treffen wir auf Dracula und Mickey Mouse ebenso wie auf Figuren aus den Werken von Pablo Picasso, George Grosz oder Edvard Munch.
Der Untergang als Vergnügen
Es ist keine fortlaufende Geschichte, die M.S. Bastian und Isabelle L. da erzählen, eher ein Suchbild. Doch es besitzt eine ganz eigene Dynamik, es entwickelt sich mit jedem Bild. Zwar stellen die Doppelseiten in sich geschlossene Szenen dar, wirklich spannend aber wird dieses epische Gemälde, wenn man versucht, es als Ganzes zu begreifen. Das sicherlich dürfte auf dem Original mit seinen 52 Metern etwas leichter fallen, und kaum ein Leser wird den Platz haben, das ganze Buch mit seinen 64 Seiten vollständig auszuklappen - doch ist die Bastokalypse auch kein Werk, das nach einmaligen Genuss wieder ins Regal wandert. Wieder und wieder kann man in diese Welt eintauchen, wieder und wieder wird man Neues finden.
Zudem haben sich die Künstler glücklicherweise dem Trend, den Betrachter solch facettenreicher Kunst mit seinem Wissen und Unwissen einfach alleine zu lassen, bewusst widersetzt. Inmitten eines hart umkämpften Häusermeers baumelt da eine Tafel im Bild, auf der wir lesen können: «Um dieses Kunstwerk zu begreifen, muss man zuerst» ... Doch der Satz endet im Nichts, mit dem Müssen ist es nicht sonderlich weit her bei der Bastokalypse. Toblers Essay zu lesen ist ein Vergnügen, so gründlich und doch leichtfüßig führt er nicht nur durch das Werk selbst, sondern auch durch die Kunst- und Kulturgeschichte. In 25 schwarzweißen Abbildungen greift er Beispiele auf, die den Künstlern als Vorlage gedient haben oder die zum Verständnis des doch recht komplexen Themas dienen können. Angefangen bei Gustave Doré reicht das Spektrum von Kunstwerken und historischen Kriegsfotografien über Filmstills aus Frankenstein, Dawn Of The Dead, Psycho oder King Kong bis hin zu Comic-Künstlern wie Walt Disney oder Art Spiegelmann und im Westen nur wenig bekannten Zeichnern wie Utagawa Kuniyoshi oder Katsushika Hokusai.
Vor allem aber gelingt es Tobler, zwar fundiert und ausführlich Hilfestellung beim «Lesen» dieses Bilderzyklus' zu geben, den ihm eigenen Humor jedoch nicht, etwa durch übermäßiges Geschwurbel, zu zerschreiben. Denn dass die Bastokalypse, und das unterscheidet sie fundamental von der Apokalypse, nicht ohne Komik abläuft, wird schon nach wenigen Seiten deutlich. Ob Ronald McDonald, der vermeintlich kinderliebe Fastfood-Clown, die reichlich seltsamen Straßenszenen, auf denen sich Toco-Loco-Gäng und B-Käfer tummeln oder das kleine, versteckte «Exit»-Schild, das man so leicht übersieht, ein Schmunzeln wird sich der Leser das ein oder andere Mal nicht verkneifen können. Von den vielen, herrlich klischeehaften Comic-Beschriftungen (von «Päng» - wie auch ein anderer Comic-Band von M.S. Bastian heißt - über «Rooaarrr» bis «Boom») ganz zu schweigen. Es ist eine schwarz-weiße und trotzdem bunte Welt. Eine Welt des Untergangs zwar, daran gibt es keinen Zweifel. Doch so gerne hat man dem selten ins zwinkernde Auge geblickt.
Autor: M.S. Bastian und Isabelle L., mit einem Essay von Konrad Tobler
Titel: Bastokalypse
Verlag: Scheidegger & Spieß
Seitenzahl: 64 Teile (128 Seiten)
Preis: 37 Euro
Erscheinungsdatum: Mai 2010
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