Klingt schief, ist es aber nicht
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Von news.de-Redakteur Florian Blaschke
Artikel vom 10.05.2010
Bedenkt man, dass Stefan Raab und Lena Meyer-Landrut das erste Album der 18-Jährigen innerhalb kürzester Zeit eingespielt haben, ist es ein tolles Debüt. Bedenkt man das nicht, ist es immer noch eine hübsche Platte, die alle Erwartungen erfüllt und Hoffnung auf die Zukunft macht.
Die schönsten Passagen sind eigentlich die, in denen Lena nicht singt. Die Lena, deren pseudobritischer Akzent für mindestens ebenso viele Schlagzeilen gesorgt hat wie ihr splitterfasernackter TV-Auftritt. Die Lena, die bis vor einigen Tagen noch Lena Meyer-Landrut hieß. Die Lena, die für uns nach Oslo fährt und laut einigen Buchmachern durchaus Chancen auf den Sieg hat. Mit Singen zwar - und doch: Die schönsten Passagen auf ihrem ersten Album, das sind eigentlich die, in denen diese Lena nicht singt.
Da ist zum Beispiel I Like To Bang My Head, ein Titel, der ganz hübsch verspielt und perlend beginnt, mit dahingehauchten Sätzen vom Regenbogen und einer Sommerbrise, in den sich jedoch nach kurzer Zeit ein funkiges Schlagzeug einmischt, ein satter, vibrierender Bass noch dazu, und bei dem Lena nach dem ersten Refrain ihren Singsang Singsang sein lässt und in dieses Genuschel verfällt, bei dem sie ihre Stimme betont gelangweilt einfach in den Keller sacken lässt, als würde ihren Batterien der Saft ausgehen. Tut er natürlich nicht.
Diese musikalischen Gesten sind es, die den Charme von Lena Meyer-Landrut ausmachen, ebenso wichtig mindestens wie all die kleinen Gesten auf der Bühne, auf der sie auch nach Monaten der Dauerpräsenz immer noch wirkt, als sei sie gerade in ihrer Lieblingsdisco angekommen. My Cassette Player heißt ihr erstes Album, blitzschnell zusammengestückelt von ihr und Stefan Raab - rechtzeitig vor Oslo, das ist es, was zählt. Dass da von den insgesamt 13 Stücken nur neun wirklich neu und davon fünf auch noch Coversongs sind, dass Lena mit ihren 18 Jahren eigentlich viel zu jung sein dürfte, um überhaupt noch den guten alten Kassettenrekorder (Wer von der Generation Golf erinnert sich nicht an Mixtapes, Lieblingskassetten und Bandsalat?) kennengelernt zu haben - geschenkt.
Ein Konzept, das schon einmal funktioniert hat
Was recht persönlich klingt, entpuppt sich also als klug zusammengestelltes Album, für das sich Stefan Raab - trotz des mehr als knappen Zeitplans - offensichtlich so seine Gedanken gemacht hat. Denn das beliebte Prozedere, einen Newcomer erst einmal zu formen, ihm die Titel einfach überzustülpen und darauf zu hoffen, dass er sich - mit ordentlichem Marketing und schicken Videos versehen - von allein verkauft wie geschnitten Brot, schien bei Lena Meyer-Landrut aussichtslos. War die nicht schon fertig, bevor es überhaupt richtig los ging? Ihr Stil, ihre Stimme, ihre musikalischen Vorlieben - blieb da überhaupt noch Spielraum? Eigentlich nicht.
Und so haben sich Raab und all die anderen, die an diesem Debüt mitgearbeitet haben, auch erst einmal Zurückhaltung verschrieben. Die Instrumentierung kommt betont sparsam daher - schließlich ist Lenas Stimme zwar durchaus unverwechselbar, viel Kraft aber, gegen ein Überangebot anzusingen, bringt sie nicht mit. Die Melodien sind so schlicht wie die Arrangements, eine reduzierte Mischung aus Pop, R&B, Soul und Funk, ein Stefan-Raab-Konzept, das schon einmal funktioniert hat: Damals hieß der Sänger Max Mutzke.
Bei Lena nun kommt noch das Glück hinzu, dass sie sich vordergründig einer Musik verschrieben hat, die derzeit enorm en vogue ist. Da stehen Sängerinnen wie Kate Nash, Adele oder Lenka Pate. Dahinter aber, und dieser Einfluss auf Lenas Stil ist enorm, entdeckt man Künstler wie La Roux, Robyn oder sogar Cocorosie. Diese tauchen zwar ebenfalls immer wieder mal oben auf, mit einer Single oder einer Schlagzeile, für die Charts jedoch, für die Massen taugt diese Musik nicht. Und so mussten Raab und Co. Lena dann doch ein wenig glätten, ihr einige Ecken und Kanten nehmen.
Ein bisschen musikalischer Popanz
Das ist schade, aber verständlich. Der Markt verträgt keine zu abrupten Image-Wechsel und Lenas vermeintliche Naivität - die sich schon das ein oder andere Mal als künstlich entpuppt hat - lässt sich eben nicht mir nichts dir nichts eintauschen. Aus dem lieben Mädchen von nebenan macht man nicht binnen Wochenfrist eine Stilikone. Zudem passt die Attitüde der 18-Jährigen ganz wunderbar zu Titeln wie dem Jason-Mraz-Cover Mr. Curiosity, einer waschechten und possierlichen Piano-Ballade, der treibenden Nummer mit dem Titel Not Following oder dem titelgebenden My Cassette Player. Alles bleibt hübsch im Rahmen, obwohl sich Lena das ein oder andere Mal ein wenig, sagen wir, musikalischen Popanz gönnt. Wirklich mutig aber ist keines der Stücke. Muss ja auch nicht.
Und obwohl Lena auf Dauer vielleicht doch den Wunsch verspüren wird, ein wenig exaltierter zu werden, scheint sie sich wohlzufühlen mit dieser Platte, die auf Erfolg getrimmt ist und die den hohen Erwartungen so spielend gerecht wird. Platz 1 in den Albumcharts ist die logische Konsequenz, ob die Kritiker sich nun überschlagen vor Lob oder nicht. Die Sängerin spielt aus, was sie hat, ihre ganze «Verspultheit» etwa, wie Musikkritiker Christian Seidel das so schön umschreibt, oder die manchmal etwas quietischige Stimme, mit der sie zwar jede Note trifft, einem aber doch das Gefühl vermittelt, es nicht so genau zu nehmen mit den Tönen. Klingt schief, ist es aber nicht. Zumindest das muss man erst einmal können.
Mit ihrem ersten Album ist Lena der Spagat zwischen Anspruch und Erwartungshaltung durchaus gelungen. Ohne sich selbst zu verleugnen, hat sie Stücke aufgenommen, die erstens zu ihr passen und die zweitens ihre Fans zufriedenstellen. Für einen erfolgreichen Start ist das das Wichtigste. Was danach kommt, wie lange es braucht, bis sich Lena traut, ihren eigenen Stil durchzusetzen, ist nebensächlich, auch wenn sie es sich nicht allzu gemütlich machen sollte in der Wohlfühlpop-Ecke. Doch nicht umsonst heißt eines ihrer Stücke You Can't Stop Me. Lena weiß schon, wovon sie singt.
Interpret: Lena
Titel: My Cassette Player
Plattenfirma: Unviersal
Erscheinungsdatum: 7. Mai 2010
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