Von Chris Melzer
Schon manch ein Kinderstar ist unter dem Druck des frühen Ruhmes zerbrochen. Nicht so Stevie Wonder, war und ist für ihn Musik doch mehr als nur ein Beruf. Längst ist er eine Legende, die heute 60 Jahre alt wird.
Manche Liebeserklärung funktioniert auch über das Telefon: «Ich habe Dich nur mal angerufen, um Dir zu sagen, dass ich Dich liebe... Und das meine ich aus der Tiefe meines Herzens.» 1984, in einer Zeit vor Handys und SMS, als das Telefon noch ein bisschen etwas Besonderes war, landete ein Amerikaner namens Steveland Hardaway Judkins Morris mit diesen Zeilen einen Welthit, der Wochen nicht von der Spitze der Charts weichen wollte. Der Komponist und Sänger dieses Liebesliedes war schon vorher ein Star, hinterher wurde er immer mit «I Just Called To Say I Love You» in Verbindung gebracht: Stevie Wonder. Heute wird er 60 Jahre alt.
Sorgen- und Wunderkind lagen im Mai 1950 in Saginaw, Michigan, dicht beieinander: Der kleine Stevie war eine Frühgeburt, die nur im Inkubator überleben konnte. Bald wurde klar: Der Junge würde sein Leben lang blind sein. Seine Farben wurden die Töne. Der Knabe sang im Kirchenchor und spielte Mundharmonika, Schlagzeug und vor allem Klavier. Durch Vermittlung von Ronnie White von The Miracles (Love Machine) durfte das Wunderkind beim legendären Motown-Label vorsingen und bekam einen Vertrag. Seine erste Platte nahm Stevie Wonder in einem Alter auf, in dem andere mit dem Fahrrad durch die Nachbarschaft brausen - mit zwölf.
Kein Wunder, dass eine der nächsten Platten The 12 Year Old Genius hieß. Motown hatte auf das richtige Pferd gesetzt: Die Scheibe wurde zur ersten Nummer-Eins-Platte für das damals erst vier Jahre alte Label. In den knapp zehn Jahren der Zusammenarbeit wurde Wonder zu einem der erfolgreichsten Musiker von Motown. Je erwachsener das Wunderkind wurde, desto mehr wollte es allerdings auch Einfluss auf die Kompositionen haben. Also gründete er mit gerade 21 sein eigenes Label: Black Bull Music. Das Multitalent machte in musikalischen Dingen fast alles allein und landete Hits wie Superstition, You are the sunshine of my life oder Sir Duke.
Und dann 1984 der größte Erfolg. Für die Liebeskomödie Die Frau in Rot schreibt er den Song I Just Called To Say I Love You. Der Song schlägt ein wie eine Bombe und klettert in zwölf Ländern auf Platz eins der Hitparade. In Deutschland bleibt er da sechs Wochen. Mehr als ein Dutzend Mal wird er kopiert und gecovert, allein in Deutschland von so unterschiedlichen Künstlern wie Daliah Lavi und den Münchner Symphonikern, James Last und den Ärzten. Ein Jahr darauf bekommt der Popsong, der eigentlich Filmmusik ist, eine besondere Ehrung: den Oscar.
Diesen Erfolg konnte Wonder nie wiederholen. Auch, weil er in den 1990er Jahren wieder vom Mainstream weggeht und seinen eigenen Kopf in der Musik hat. Die Kritik nimmt das unterschiedlich auf. Die Fangemeinde wird kleiner, aber treuer. Als er 2007 auf Welttournee geht, sind die Säle voll.
Wonder hat sich immer auch für Bürgerrechte engagiert. Seinen Oscar widmete er Nelson Mandela, oft meldete er sich gegen Rassenhass zu Wort. Einen seiner größten Auftritte hatte er im August 2008 beim Parteitag der Demokraten in Denver. Als die Delegierten Barack Obama offiziell zum Präsidentschaftskandidaten küren, spielt Wonder «Furcht kann unsere Träume nicht stoppen». Sein 40 Jahre alter Song Signed, Sealed, Delivered I'm Yours wird einer von Obamas offiziellen Wahlkampfschlagern.
Der Musiker ist ein Fan des Politikers. Und umgekehrt. Über seinen Lieblingsmusiker sagte Obama einst: «Wenn es einer ist, dann Stevie Wonder. Music Of My Mind, Talking Book, Fulfillingness' First Finale, Innervisions und dann Songs In The Key Of Life - das ist das beste Quintett von Alben, das ich je gesehen habe.»
juz/nak/news.de/dpa