Von news.de-Redakteur Herbert Mackert
Bayern und bayerische Heimat haben Konjunktur. In dem Film Die Posthalter-Christl wird dem Genre Heimatfilm eine angenehm unverkitschte Version hinzugefügt: Ungeschminkt zeigt er die unseeligen Verstrickungen, in die Menschen auf dem Land geraten können.
Es geht ruppig zu im bayerischen Oberland. Die Sprüche im Gasthof zur Post in Erlbach sind derb («Ein Viertel und ein Achtel trinkt a jede alte Schachtel»), die Bräuche und Sitten streng. Die Gerichtsbarkeit übernimmt die Dorfgemeinschaft in Gestalt von HaberfeldtreibenEin heute nicht mehr gebräuchliches Femegericht auf dem offenen Feld, dem oft Reiche oder Angehörige der Obrigkeit zum Opfer fielen - meist aber Frauen, die unverheiratet schwanger geworden waren. Der Name bezieht sich entweder auf die Verheerung der Felder von Feldmark-Frevlern und Wucherern oder auf das Fell des Ziegenbocks (Haper-Fell), das einige der Haberer getragen haben sollen. selbst und die Brautwerbung die Väter. Arrangierte Heiraten sind ein Gebot wirtschaftlicher Vernunft. Was einer hat und woher er abstammt, ist wichtiger als Liebe und Gefühle. Vor dem eigenen Namen steht zuerst der Name des Hofs, also ist die Wirtstochter Christl «Die Posthalter-Christl».
Nach der Romanvorlage des Heimatschriftstellers Hans Ernst erzählt der Film (Samstag, 8. Mai, 20.15 Uhr im Bayerischen Fernsehen) die Geschichte der beiden wohlhabenden Dorffamilien Gruber und Lafret. Die beiden Hauptrollen-Debütanten Gloria Nefzger (Christl) und Bernhard Piesk (Thomas Lafret) stemmen sich gegen die verhängnisvollen Geschäfte und Verwerfungen zwischen den traditionsreichen Familien, die auf die Liebe ihrer Abkömmlinge keine Rücksicht nehmen.
Christl, die Tochter vom Postwirt, lernt auf der Alm der alten Sennerin Agnes den Medizinstudenten Thomas kennen, den jüngeren von zwei heiratsfähigen Söhnen des Großbauern Anton Lafret. Es ist schon dunkel, als Thomas vom Gipfel absteigt und das Lagerfeuer von Agnes erreicht. Im flackernden Licht der knisternden Flammen begegnen sich Christl und Thomas zum ersten Mal - natürlich ist es Liebe auf den ersten Blick.
Das Drama nimmt seinen Lauf. Denn Thomas ist verlobt mit der Fabrikantentochter Anita aus Innsbruck. Aber das behält er für sich. Außerdem hat Lafret senior, ein geld- und machtversessener Haustyrann, die Christl bereits für seinen erstgeborenen Sohn und Hoferben Korbinian vorgesehen. Doch Christl verweigert sich seiner Brautwerbung und bringt damit den alten Lafret gegen sich und ihre Familie auf.
Thomas will die Verlobung mit der Fabrikantentochter Anita lösen, doch sein Vater und die mit ihm verbündete Verlobte zwingen ihn, Christl aufzugeben. Im Streit um eine abgebrannte Sägemühle, die Anton Lafret ersteigert, werden Christls Mutter Charlotte und der Großbauer zu Todfeinden. Es geht um ein Waldstück und einen gefälschten Schuldschein und um die Familienehre.
Nach dem Tod ihres geliebten Vaters Sebastian Gruber übernimmt Christl das Regiment im Gasthof. Von Thomas will sie nichts mehr wissen. Er trennt sich von Anita und lässt sich als Landarzt in Erlbach nieder. Doch seiner Praxis bleiben wegen einer Intrige der alten Hebamme die Patienten weg. Sie verbreitet das Gerücht, er habe die alte Sennerin Agnes auf ihrer Alm sterben lassen statt ihr zu helfen.
Das Dorf wird für ihn zur sozialen Hölle: Die Erlbacher halten gegen den «Kurpfuscher» ein Haberfeldtreiben ab und wollen, dass «er sich schleicht». Doch wenn die Not am größten, die Nacht am schwärzesten ist, dann tun sich neue Allianzen auf. Sein Bruder Korbinian springt ihm gegen die Haberer bei, und bei Christl flammen alte Gefühle wieder auf. Als schließlich der alte Lafret in seiner Sägemühle verunglückt, wird der von ihm verstoßene Sohn sein Lebensretter. Jetzt brechen alte Mauern ein, die Heirat von Thomas und Christl bekommt doch noch seinen Segen.
Regisseur Alexander Wiedl gelang eine unverkitschte Romanverfilmung und ein Heimatfilm ohne Künstlichkeit und Schnulzeffekte. Wichtiger war ihm, die beklemmende Atmosphäre der Dorfgemeinschaft und die ökonomischen Abhängigkeiten der in ihr lebenden Menschen zu zeigen. Die Vorlage von Heimatautor Ernst spielt zwar in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, für die Ausstattung wählte Wiedl aber die Jetztzeit. Und in der Tat könnte diese Dorfgeschichte (bis auf das Haberfeldtreiben) auch heute so spielen - so traditionsverhaftet ist das Leben im Oberland südlich von München noch immer.
Die Ausstattung dürfte ohnehin vergleichsweise wenig Kosten verursacht haben. Sie profitiert von den schönen Dörfern der Region und der imposanten Kulisse des Wendelsteingebirges.
In den Nebenrollen spielen bekannte bayerische Volksschauspieler wie Ilse Neubauer, Bettina Redlich, Andrea Wildner, Gabriele Dossi, Winfried Hübner, Thomas Schuler, Viktor Schenkel und Florian Simbeck. Auch zehn Laienspieler des Volkstheaters Flintsbach wirken mit und verleihen dem Streifen zusätzlich Charme.
Die Posthalter-Christl am Samstag, 8. Mai, 20.15 Uhr im Bayerischen Fernsehen.