Von news.de-Redakteurin Anne Meyer-Gatermann
Kopie oder Original? Die zweiteilige Dokumentation Zwillinge - Gleich und gleich diskutiert mit spannenden Fallbeispielen den Einfluss der Gene und fördert dabei Erstaunliches zutage.
Für die Wissenschaft sind sie ein Leckerbissen: Eineiige Zwillinge. Weil sie genetisch identisch sind, lässt sich anhand von identischen Geschwisterpaaren besonders gut untersuchen, wie Gene funktionieren. Die zweiteilige Arte-Dokumentation Zwillinge – Gleich und gleich nimmt das Phänomen der natürlichen Klone zum Anlass, neueste wissenschaftliche Erkenntnisse zu erläutern.
Die Macher stellen die Gretchenfrage der Genforschung: Bestimmen die Gene oder die Umwelt wer ich bin? Welche Faktoren sind verantwortlich, wenn wir Fett ansetzen, uns scheiden lassen oder einen Herzinfarkt bekommen? Die Dokumentation berichtet von einer Studie, an der mehr als 20.000 Zwillinge teilgenommen haben und erläutert Antworten auf all diese Fragen anhand von Zwillingspaaren.
Eine schöne Idee der Macher ist, dass uns das Zwillingspaar Chris und Xand durch die Dokumentation begleiten. Die beiden sind Ärzte und diskussionsfreudig: Der eine ist davon überzeugt, dass die Gene ein Käfig sind, der andere glaubt an den Einfluss der Umwelt. Über den Köpfen der beiden schwebt die Frage: Bin ich anders als du? Und so testen die beiden im Eisbad ihre Schmerzgrenze, eiern barfuß über Glasscherben oder treten in Geschicklichkeitsspielen gegeneinander an. Nebenbei diskutieren sie leidenschaftlich die Macht der Gene.
Wie ähnlich sich Zwillinge sind, wird am Beispiel von Mia und Alexandra deutlich. Die chinesischen Zwillingsschwestern wurden als Babys getrennt und wuchsen in unterschiedlichen Adoptivfamilien auf: die eine in Norwegen, die andere in Kalifornien. Die Kamera ist mit dabei, als die beiden sich mit sechs Jahren zum ersten Mal wiedersehen. Da hopst Mia in der Einfahrt, als der Van mit den schwarz getönten Scheiben vorfährt. Es ist eine rührende Szene, als die beiden sich zum ersten Mal gegenüber stehen: Verschämt zupfen sie an ihren T-Shirts, die Hände vor Anspannung zu kleinen Fäusten geballt. Drei Tage später sind die zwei unzertrennlich und wollen nur noch die gleiche Kleidung tragen.
Für die Zwillingspaare ist der andere zwar Spiegelbild, aber auch potentieller Gegenentwurf: Legt die Schwester zu, führt sie der anderen vor, wie sie selbst mit zehn Kilo mehr um die Hüften aussehen würde.
Auch Iain und Paul gleichen sich genetisch, führen aber ein völlig unterschiedliches Leben: Der eine Zwilling lebt gesund, macht viel Sport, isst wenig Fett und Salz. Der andere futtert Fritten in sich rein und bewegt sich höchstens, um sein Bier an die Lippen zu führen - kein Wunder, dass Paul einen Herzinfarkt bekam. Doch eine Untersuchung beim Kardiologen brachte ans Licht, dass auch Iains Herz kurz vor dem Kollaps stand – die verstopfte Arterie fanden die Mediziner an derselben Stelle. Das sei jedoch nicht der Freibrief für einen ungesunden Lebenswandel, mahnen die Wissenschaftler – Iain ist dennoch frustriert, dass all seine Zurückhaltung für die Katz war. Die Gene scheinen mehr festzulegen, als uns lieb ist. Und tatsächlich lautet eine Erkenntnis im Film: Gene bestimmen, welches Haar in der Augenbraue zuerst ergraut.
Wer sich schon als Sklave seiner DNS sieht, wird im zweiten Teil der Dokumentation, der am 14. Mai ausgestrahlt wird, aufatmen: Hier zeigen die Macher, dass die Umwelt durchaus einen großen Einfluss auf uns hat. Das zeigen auf schmerzhafte Weise Olivia und Isabella: Olivia ist mit zweieinhalb Jahren an Leukämie erkrankt, während ihre Schwester gesund blieb. Beide tragen die Anlagen für die Krankheit in den Genen, bei der einen hat jedoch eine Mandelentzündung den fatalen Prozess ausgelöst. Und dann entdecken Chris und Xand auch noch, dass sich ihre Gene innerhalb eines Jahres ganz unterschiedlich verändert haben.
Die Dokumentation geht das Thema Genetik locker und beschwingt an, vermittelt dabei aber auch neueste wissenschaftliche Erkenntnisse. Rührende, lustige und überraschende Fallbeispiele lockern die Theorie auf, mit Animationen werden die genetischen Prozesse veranschaulicht. Das ist eine wunderbar unterhaltsame Art, genetische Phänomene und wissenschaftliche Theorien zu vermitteln.
Zwillinge – Gleich und gleich, Freitag, 7. Mai 2010, 21.40 Uhr, Arte
Teil 2, Freitag, 14. Mai 2010, 21.40 Uhr, Arte