Studie
«Der Ossi ist immer Ossi»

Das Bild der Ostdeutschen in den Medien wird auch 20 Jahre nach der Wiedervereinigung ├╝berwiegend vom Westen dominiert. Der bestimmt dabei, was normal ist, sagt Sozialwissenschaftler Thomas Ahbe im Gespr├Ąch mit news.de.

Studie: Die Ostdeutschen in den Medien. Bild: Leipziger Universit├Ątsverlag

Zusammen mit verschiedenen Forschern hat der Sozialwissenschaftler und Publizist Thomas Ahbe das Buch Die Ostdeutschen in den Medien. Das Bild von den Anderen nach 1990 herausgegeben. Darin analysieren die Wissenschaftler die mediale Darstellung der Ostdeutschen und Ostdeutschlands im vereinigten Deutschland.

Mit dem Mauerfall r├╝ckten die Ostdeutschen pl├Âtzlich in den Fokus der West-Medien. Welches Bild wurde damals von ihnen gezeichnet?

Ahbe: Da gibt es recht gro├če Unterschiede zwischen den Medien. Die S├╝ddeutsche denkt, es ist alles gut gelaufen, nachdem die Ostdeutschen die Diktatur abgesch├╝ttelt haben, so, als wollten und k├Ânnten die Ostdeutschen sofort werden wie die Westdeutschen, nach dem Motto: «Die Herrschaft ist weg und unter der Herrschaft sind wir alle gleich geblieben». Da ist eine gewisse freundliche Naivit├Ąt vorhanden, ganz im Gegensatz zum Spiegel. Der Spiegel ist da weniger euphorisch, sondern distanziert und kritisch, er entwirft ein eher ern├╝chterndes Bild von der neuen deutschen Gemeinsamkeit.

Die F.A.Z. hat 1989 einen sehr dramatisierenden Ton. Da merkt man, dass die Leute dort noch sehr besorgt sind, dass die Revolution noch stecken bleiben k├Ânnte und die SED und die Stasi sich noch einmal reorganisieren k├Ânnten. Hier gibt es relativ viel Volksschelte. Man wirft den Ostdeutschen vor, dass sie erst Jahrzehnte lang von dem Regime profitiert h├Ątten und nach der Mauer├Âffnung lieber zum Konsumieren in den Westen fahren als sich in der B├╝rgerbewegung zu engagieren. Bei der F.A.Z. hat sich aber zwischen 1989 und 1995 der st├Ąrkste Wandel vollzogen. Anfangs dramatisierend und 1995 mit einem normalisierenden Ton. Ostdeutschland ist nun Bestandteil eines per se f├╝r gut erachteten Systems und es wird sich alles einrenken.

Identit├Ąt bestimmt sich aus Fremd- und aus Selbstwahrnehmung. Wie haben sich die Ostdeutschen denn selbst wahrgenommen?

Ahbe: Es gibt da interessante Zahlen vom Institut f├╝r Demoskopie in Allensbach. Die haben im M├Ąrz 1990 gefragt: «Als was f├╝hlen Sie sich? Eher als Deutscher oder als Ostdeutscher?» Zwei Drittel der Ostdeutschen haben damals gesagt: «Ich f├╝hle mich mehr als Deutscher». Da k├Ânnte man sagen: tolle Voraussetzung f├╝r die baldig anstehende Vereinigung. Das hatte sich aber sehr schnell v├Âllig verkehrt. Schon zwei Jahre sp├Ąter haben zwei Drittel gesagt: «Ich f├╝hle mich mehr als Ostdeutscher». Das hei├čt, da hat schon etwas stattgefunden, es ist nur die Frage, was.

Spielen denn die Begriffe «Wessi» und «Ossi» in der Berichterstattung eine Rolle?

Ahbe: Es gibt da eine Studie in unserem Buch, die feststellt: Der Westdeutsche ist immer nur solange Wessi wie er sich im Osten aufh├Ąlt. Der Ossi ist immer Ossi.

Auch in der Selbstwahrnehmung?

Ahbe: Ja. Das mag damit zusammenh├Ąngen, dass der Westdeutschen, wenn er im Osten ist, als der Fremde wahrgenommen wird. Zu Hause befindet er sich in seiner Normalit├Ąt. Die Ostdeutschen k├Ânnen offenbar auf den Effekt, dass sie zu Hause die Normalen sind, nicht bauen. Das liegt daran, dass letztlich Westdeutsche bestimmen, was die Normen sind. Die Ostdeutschen leben in Ostdeutschland unter einem westdeutsch gepr├Ągten Diskurs. Das erzeugt diese Spannung und das Gef├╝hl, dass man auch hier der Andere ist - «Deutsche zweiter Klasse» nennen die Ostdeutschen das oft.

Inwieweit spielen denn Stereotype bei der Berichterstattung eine Rolle und welche?

Ahbe: Stereotype sind wichtig, um sich zu orientieren. Wir haben ja alle unsere Stereotype, das muss man vorausschicken. Die Stereotypisierung der Ostdeutschen durch die Westdeutschen geht in die Richtung, dass die Ostdeutschen doch eher M├Ąngelwesen sind. Sie sind noch nicht so modern, liberal oder weltgewandt wie wir. Sie sind immer noch staatsfixiert, kommen mit der Marktwirtschaft nicht zurecht, und so weiter. Das ist nichts Neues, bemerkenswert ist nur, dass es sich reproduziert. Die Vereinigung war vor 20 Jahren und wir reden immer noch ├╝ber so etwas. Die westdeutsche Wir-Gruppe grenzt sich aber nicht einfach nur von den anderen Deutschen ab, sondern sie st├╝tzt damit auch ein bestimmtes Bild von der eigenen Wir-Gruppe. Wenn sie sagt «Die sind nicht modern», dann meint sie damit gleichzeitig «Aber wir sind es».

Spiegelt sich diese Abgrenzung auch in den Medien wider?

Ahbe: Ja. In meiner Studie habe ich Texte ausgew├Ąhlt, bei denen der Konstruktionsanteil des Autoren relativ hoch ist, also keine Nachrichtentexte, sondern Artikel des Feuilletons und Reportagen. Da kann man den Autoren beim Interpretieren ihres Gegenstandes zusehen.

Das Bild des Anderen kann man aber bei der Berichterstattung alleine schon durch die Themenauswahl beeinflussen.

Ahbe: Wir haben diesbez├╝glich eine quantitative Studie in unseren Band aufgenommen. Sie besagt, dass, wenn ├╝ber Ostdeutschland gesprochen wir, vor allem ganz bestimmte Themen eine Rolle spielen: Innen- und Parteipolitik, Wirtschaftspolitik und Geschichte. Dazu spielen Kriminalit├Ąt und Gewalt eine gro├če Rolle und wenn man ├╝ber Geschichte spricht, dann geht es vor allem um die Stasi. Insgesamt ist das eine vollkommen andere Themenauswahl als bei Westdeutschland.

In Ihrem Buch beschreiben Sie die Reaktionen der Ostdeutschen auf das Bild, das die westdeutschen Medien von ihnen zeichnen. Wie fielen die aus?

Ahbe: Laut einer Allensbach-Studie ├╝ber die Reichweite der Medien haben ├╝berregionale Tageszeitungen im Osten eine Reichweite von 25 Prozent im Vergleich zum Westen. Bei Magazinen zum Zeitgeschehen sind es 51 Prozent. Das hei├čt also, das Ostpublikum liest diese Zeitungen einfach nicht. Man kann viel dar├╝ber spekulieren, warum das so ist. Viel erkl├Ąrt ein Blick auf die Bev├Âlkerungsstruktur Ostdeutschlands. Der Osten hat ja einen enormen Blutverlust erlitten, was junge, qualifizierte Fachkr├Ąfte betrifft. Vor vier Jahren errechnete die Friedrich-Ebert-Stiftung, dass nun 25 Prozent der ostdeutschen Bev├Âlkerung dem «abgeh├Ąngten Prekariat» zuzurechnen sind, im Westen geh├Âren vier Prozent zum Prekariat. Wie auch immer: Der deutliche Misserfolg der ├╝berregionalen Printmedien auf dem ostdeutschen Markt belegt das Fehlschlagen deutsch-deutscher Kommunikation.

Viele Nationen stiften ihre Identit├Ąt durch einen Gr├╝ndungsmythos. Inwieweit spielte das in den deutschen Medien eine Rolle?

Ahbe: Das ist wirklich eine interessante Sache, weil man ja sagen k├Ânnte, dass die friedliche Revolution ja der Goldstaub ist, aus dem man einen Gr├╝ndungsmythos schmelzen kann. Wer hat das schon? Tats├Ąchlich aber ist die Vereinigung der Mythos. Sie aber ist das Ergebnis des Handelns westdeutscher und internationaler Eliten. Die friedliche Revolution ist das Werk der Ostdeutschen, doch die sind was die Menge betrifft, aber auch bez├╝glich einer Deutlichmachung ihrer Interessen, in der Minderheit.

Das hei├čt, man hat sich lieber f├╝r den technischen Aspekt einer Wiedervereinigung entschieden als f├╝r den emotionalen Moment der friedlichen Revolution.

Ahbe: Genau. Aber warum hat es der Vorgang der friedlichen Revolution so schwer, zum Kernmythos der j├╝ngsten Geschichte zu werden? Meine Antwort ist: Weil er nicht von den Westdeutschen gemacht worden ist.

Die waren aber nat├╝rlich auch von der Revolution weitgehend abgeschnitten, weil die von ostdeutschem Boden ausging. Vielleicht ist es deshalb schwieriger, Begeisterung f├╝r die Revolution als Gr├╝ndungsmythos im Westen zu wecken. Es w├Ąre aber mit Sicherheit ein einigenderes Symbol gewesen.

Ahbe: Wenn wir ohnehin die Situation haben, dass die ostdeutsche Minderheit ├╝ber ein Integrationsdefizit beklagt, ob zurecht oder nicht, dann w├Ąre dieser symbolische Akt sicherlich hilfreich gewesen.


Dr. Thomas Ahbe, Jahrgang 1958, studierte von 1981 bis 1987 in Leipzig Philosophie, Soziologie und Psychologie. Nach seiner Promotion arbeitete er an den Universit├Ąten M├╝nchen. Leipzig und Wien, danach als freier Wissenschaftler und Publizist. Zuletzt erschien von ihm
Ostalgie. Zum Umgang mit der DDR-Vergangenheit in den 1990er Jahren.

Herausgeber: Thomas Ahbe, Rainer Gries, Wolfgang Schmale
Titel: Die Ostdeutschen in den Medien. Das Bild von den Anderen nach 1990
Verlag: Leipziger Universit├Ątsverlag
Seitenzahl: 217 Seiten
Preis: 24 Euro
Erscheinungsdatum: Dezember 2009

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3 Kommentare
  • hellboy

    20.09.2010 14:06

    Antwort auf Kommentar 1

    Es ist aber leider die Realit├Ąt! Die Mauer ist Gott sei Dank weg, aber ein tiefer Graben ist entstanden.

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  • Loeffel1

    20.05.2010 14:21

    Wenn Ich meinen Rentenbescheid anschaue lese Ich Rente Ost also doch Staatlicher Ossi

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  • 5vor12

    03.05.2010 15:38

    Also ich finde die ganze Diskussion ├╝ber Ossi┬┤s und Wessi┬┤s als vollkommen unsinnig.Es gibt nur Deutsche. Nach 20 jahren sollte man doch wenigstens im Sprachgebrauch von diesem Unsinn abr├╝cken.Ich halte diese Kategorisierung f├╝r typisch deutsches Rudiment aus den Zeiten der Kleinstaaterei.Leider wird dieses Thema von den Medien regelm├Ą├čig wieder aufgew├Ąrmt und von den Politikern gef├Ârdert.

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