Von news.de-Redakteur Florian Blaschke, Wien
In Wien werden die besten Zeitungen Europas ausgezeichnet. Doch was macht sie besser als ihre Konkurrenz? Meist nur Details, das Gespür für das Wesentliche. Und nicht selten können sogar Branchenriesen noch etwas von den ganz Kleinen lernen.
Es sind deutliche Zahlen, die Norbert Küpper, Zeitungsdesigner und Initiator des European Newspaper Awards, in Wien bei seiner «Rundreise durch einen kreativen Kontinent» im Rahmen des European Newspaper Congress nennt: Der Boulevard, er verliert deutlich an Boden, Wochen- und Qualitätszeitungen aber gewinnen dazu - zumindest bei den Abonnenten: die Süddeutsche Zeitung seit 1999 zwar nur einige wenige, die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung dagegen unglaubliche 93,66 Prozent.
Die Zeitungslandschaft, sie klappt auseinander, in die Blätter, die in der Lage sind sich einzuschränken, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren, und diejenigen, die hintergründigen Journalismus liefern - gerne auch mal ausführlicher als üblich. Diese beiden Typen scheinen zu gewinnen, der Rest - allen voran Lokal- und Regionalzeitungen - verlieren.
Dabei ist gerade das Lokale heutzutage Trumpf, und Küpper weiß: «Print hat noch ein enormes Potenzial» - und das nicht nur bei der Optik. Ihm geht es um eine neue Art, Geschichten zu erzählen, «Visual Storytelling» nennt er das, denn längst bestehen Nachrichten nicht mehr nur aus Text. Längst betreiben auch Tageszeitungen einen «riesigen visuellen Aufwand», um ihre Leser zu halten und vor allem auch neue dazuzugewinnen. Denn in einem ist sich Küpper sicher: Extreme Bildschnitte als ein Beispiel könnten bereits selbst ein altmodisches Layout modern und ein Blatt dynamischer machen und so auch eine jüngere Zielgruppe ansprechen. Und gerade die geht den meisten Zeitungen mehr und mehr verloren.
«Der Mensch ist nun einmal visuell geprägt»
Wie in so vielen Bereichen geht auch im Journalismus der Blick in Richtung Norden, nach Skandinavien. Die Vorbilder, sie sitzen in Schweden, Norwegen, Dänemark. Für Nordeuropa seien etwa Fotoreportagen ein ganz alltägliches Mittel, sagt Küpper, im Rest Europas aber spielten sie keine große Rolle - leider, wie er betont. In Deutschland wenigstens habe sich in den vergangenen Jahren einiges getan, hier liege die Text-Bild-Quote bei den Zeitungen immerhin bei 50 zu 50, in den meisten anderen europäischen Ländern aber komme sie über 70 zu 30 nur selten hinaus. «Der Mensch aber ist nun einmal visuell geprägt», sagt er.
Als «zu routiniert» beschreibt Küpper denn auch die meisten Zeitungsmacher, viele neigten dazu, Geschichte zu schreiben und vielleicht noch ein Foto darzustellen, mehr nicht. Dabei sei - und das zeigt auch ein Blick auf die in diesem Jahr mit den Newspaper Award ausgezeichneten Blätter - so viel mehr denkbar und machbar: Einfach umzusetzende Rubriken wie «Die Welt in Zahlen», grafisch aufgearbeitete Umfragen, prominent platzierte und professionelle Fotos im Lokaljournalismus, all das sei nicht unbedingt neu, werde aber dennoch zu selten umgesetzt. Dabei müssen auch Zeitungen immer stärker visualisieren. Durch das Fernsehen und in den vergangenen Jahren noch stärker durch das Internet sind es Leser längst gewöhnt, nicht mehr nur Texte präsentiert zu bekommen. Und gerade durch das Visuelle hätten sich skandinavische Zeitungen einen Vorsprung erarbeitet.
Das Paradoxon der täglichen Wochenzeitung
Und noch einen Trend sieht Küpper: den zum Magazin. Immer mehr Zeitungsverlage produzierten eigene Hochglanzmagazine, «und das ist natürlich auch ein interessantes Umfeld für Werbung», so Küpper. Das Paradebeispiel derzeit: Das italienische Intelligence in Lifestyle, das mit einer Auflage von 680.000 Stück inzwischen selbst die Tageszeitung Il Sole 24 Ore überflügelt hat, aus deren Hause es stammt.
Doch auch bei den Tageszeitungen gebe es bereits eine Gegenbewegung zur ständigen Beschleunigung etwa durch das Internet, sagt Küpper: «Daily Weekly», die tägliche Wochenzeitung sozusagen, mit längeren Texten auch auf den Lokalseiten. Preisgekröntes Beispiel in diesem Jahr: Die schwedische Lokalzeitung Smålandsposten, die durch ihr grandioses Layout und die konsequente Beschränkung auf lokale Themen zeigt, wohin eine erfolgreiche Reise gehen könnte - und das bei einer Auflage von gerade einmal 38.600 Stück, einer Zahl, bei der einer deutschen Zeitung wohl der zügig drohende Untergang prophezeit würde.
Von solchen Zeitungen könnte die Konkurrenz viel lernen. Über Layout, interessanten Journalismus und darüber, wie man das Interesse der Leser weckt - auch neuer Leser. Zu oft beherrsche etwa die Politik die Titelseiten der hiesigen Blätter, sagt Küpper. Dabei sei gerade in diesem Bereich ein Umdenken angebracht: «Man sollte ganz einfach das nach vorne nehmen, was die Leute interessiert», sagt er. So einfach. Und doch so selten zu sehen.
car/ivb/news.de