Von news.de-Redakteur Florian Blaschke, Wien
Während sich die großen Medienhäuser um die großen Nachrichten schlagen und sich gegenseitig mit exklusiven Geschichten auszustechen versuchen, wird im kleineren Bereich längst um ein vielleicht bald noch wichtigeres Gut gekämpft: die lokale Nachricht.
Es gibt in nicht wenigen Zeitungsredaktionen ein interessantes Gefälle: An der Spitze die Feuilletonisten, die wort- und geistreichen Edelfedern, und am Ende, zumindest was die Wertschätzung angeht, die Lokaljournalisten, die zwischen Gemeinderat, Kaninchenzucht und Volksfest pendeln. Dass dieses Gefälle, das eigentlich noch nie eine Berechtigung hatte, heute vor allem nicht mehr zeitgemäß ist, zeigt die Debatte, die auf dem diesjährigen European Newspaper Congress in Wien geführt wird.
Von der Wiederentdeckung des Lokalen ist da die Rede, und es zeigt sich schnell, warum ausgerechnet die Nachrichten aus der Nachbarschaft diejenigen sein dürften, um die in den kommenden Jahren die härtesten Kämpfe geführt werden. Kein überregional wichtiges Thema fehlt heute in einer der großen Tageszeitungen oder Online-Medien. Was jedoch einen Block weiter, was nebenan geschieht, findet dort kaum statt.
Dabei sind diese lokalen Nachrichten nicht nur wichtig, weil sie gerne und viel gelesen werden. Sie sind auch wichtig, weil durch sie der direkte Kontakt zum Leser hergestellt und aufrecht erhalten werden kann, sagt Joachim Blum von der World Association of Newspapers and News. Und dieser Kontakt beschränke sich nicht etwa auf das Verhältnis einer Zeitung zu ihren Abonnenten: Über Twitter und andere soziale Netzwerke, so Blum, könne er zu einer echten Kommunikation ausgebaut werden, die zudem auch noch die Reichweite steigern kann. Alleine durch ihren Twitter-Account beispielweise, rechnet Blum vor, habe die New York Times inzwischen 2,4 Millionen Follower und somit potentielle Leser dazugewonnen – das zwar weltweit, doch hat jeder dieser Follower eben auch ein lokales Leben.
«Wir haben die Menschen wie du und ich auf der Titelseite»
Vorreiter im Bereich des Lokaljournalismus sind die Vorarlberger Nachrichten. Auch dieses Verlagshaus, sagt Chefredakteur Christian Ortner, habe zwar keine magische Formel, an die Zukunft lokaler Medien glaube er jedoch nach wie vor. Und vor allem sei lokal nicht mit provinziell zu verwechseln, das Leben der meisten Menschen spiele sich nun einmal vorwiegend lokal ab. Und so holt er diese Menschen ins Blatt, in Porträts und Nachrichten, konsequent und jeden Tag, und er hat – als ein Beispiel – für jede Gemeinde in Vorarlberg eigene Nachrichten-Websites unter dem Dach seiner Zeitung eingerichtet, die vorrangig durch User Generated Content befüllt werden. Der Vorteil solcher Nachrichten liegt auf der Hand: Sie bieten neben dem Mehrwert auch ein Alleinstellungsmerkmal. Während eine Nachricht beispielsweise über die Bundespolitik schnell in allen wichtigen Medien aufgegriffen und umgesetzt wird, ist eine Zeitung mit einer Meldung etwa über den Kindergarten vor Ort alleine auf dem Markt.
Wer nun glaubt, ein solches Konzept funktioniere nur auf dem Land, wo die Konkurrenzsituation ohnehin eher dürftig ist, der irrt, wie ein Beispiel aus Osteuropa zeigt. So werden in vier tschechischen Städten derzeit sieben Wochenzeitungen und 25 Nachrichtenseiten in sogenannten Newsroom-Cafés produziert, in denen die Redakteure und je ein Chefredakteur sitzen und auf die Kundschaft warten, die ihnen die Nachrichten bringt: den Bürger. Hyperlocal News nennt sich das Konzept, und es füllt bereits ein Drittel der gedruckten Naše Adresa (Unsere Adresse), deren Zentralredaktion in Prag sitzt. Das Ergebnis: eine eigene Zeitung für jede Stadt. Und die Auflagen steigen.
«Wir haben die Menschen wie du und ich auf der Titelseite», sagt Chefredakteur Matěj Husek, eine Tatsache, die er als die wichtigste Strategie des Verlags bezeichnet – neben dem direkten Kontakt. Mal lädt er etwa Rentner («Die wissen alles, was in der Stadt läuft.») oder Kinder in die Cafés ein, mal stellt er die Räume zur freien Verfügung. Ab und an, gibt er zu, etwa wenn dort getanzt oder gesungen werde, sei es zwar schwierig in diesen Räumen zu arbeiten, doch diese Kommunikation sichere dem Verlag die Loyalität seiner Leser. Und nach der Startphase, in der ständig Menschen im Café gewesen seien und die Redaktion sogar Angst haben musste, die Zeitung nicht fertig zu bekommen, sei nur noch der harte Kern geblieben, mit dem das Konzept wunderbar funktioniere.
89 tschechische Newsroom-Cafés bis 2011
Inzwischen gebe es auch Anfragen anderer Verlage, die ebenfalls gerne ähnliche Konzepte umsetzen wollen und auf die Unterstützung der Naše Adresa hoffen. Die aber hat erst einmal eigene große Ziele: Bis 2011 sollen 89 Newsroom-Cafés eingerichtet werden, die Großstädte wie Prag will der Verlag noch einmal in kleinere Bezirke aufteilen und so bis dahin ganz Tschechien abdecken. Bis jetzt sind es gerade einmal vier Prozent. Doch auch mit dieser Zahl sei man bereits zufrieden, so Husek.
Auch das südschwedische Blatt Smålandsposten, in diesem Jahr als beste Lokalzeitung Europas ausgezeichnet, kümmert sich ausschließlich um das Geschehen vor Ort. Weltpolitik, nationale Wirtschaft, all das spielt in der mit einer Auflage von 38.600 produzierten und stiftungsfinanzierten Zeitung keine Rolle. Zudem hat es die Zeitung geschafft, das dröge, altbackene Image, das dem Lokaljournalismus lange anhaftete, abzuschütteln. Optisch beeindruckend, mit großen Bildern, Infoboxen und Grafiken bereitet sie selbst die kleinste Nachricht attraktiv auf. «Smålandsposten gibt ihnen 50 Minuten Leseerfahrung, wenn Sie die Zeit haben», sagt Chefredakteur Magnus Karlsson, «und fünf Minuten, wenn Sie gestresst sind.»
Der Stress für seine Mitarbeiter indes sei seit der Layoutumstellung geringer geworden. 41 Sekunden, so beweist er, braucht er, um eine Seite einer preisgekrönten Tageszeitung zu setzen und für den Druck fertig zu machen. Die Technik habe bei der Herstellung deutliche Fortschritte gemacht, sagt Karlsson. Und das Layout, es zahlt sich aus – neben der Konzentration auf das Lokale: Auch bei Smålandsposten, sagt Karlsson, steige die Auflage, die meisten der Leser seien zudem unter 45 und an eine hohe Qualität gewöhnt. Und wenn einem von denen etwas nicht passe, dann wandere der einfach aus. Mehr Druck kann eine Zeitung eigentlich kaum bekommen.
car/news.de