Mi., 08.02.12

Luxus Journalismus Wer soll das bezahlen? Wer hat so viel Geld?

Von news.de-Redakteur Florian Blaschke, Wien

Artikel vom 26.04.2010

Die Zeitungen kämpfen nicht nur um ihre Auflage, sie kämpfen auch um jeden Cent, der sich online verdienen lässt. Wie das funktionieren kann, darüber diskutieren derzeit 600 Chefredakteure und Branchenvertreter beim European Newspaper Congress in Wien.

Man könnte sich dieser Tage fragen, ob es ein beruhigendes oder ein beunruhigendes Signal ist, dass die Zeitungsmacher – nicht nur in Deutschland – geschlossen vor ein und derselben Frage stehen, ohne eine echte Antwort zu kennen. 600 europäische Chefredakteure, Ressortleiter, Medienmanager und Nachwuchsführungskräfte treffen sich heute und morgen in Wien zum European Newspaper Congress, einerseits, um die besten Zeitungen Europas auszuzeichnen, andererseits aber auch, um sich eben dieser drängenden Frage zu widmen: ob und wie Qualitätsjournalismus in den nächsten Jahren noch finanziert werden kann.

Auch Romanus Otte, Chef der Welt-Online-Gruppe, kennt keine Patent-Lösung für dieses Problem. Zumindest aber – und das unterscheidet ihn von den meisten seiner Kollegen – verbreitet er etwas, das er skeptischen Optimismus nennt. Und er teilt aus: «Es gibt eine fast schon an Autoaggressivität grenzende Haltung in der Branche, den eigenen Untergang herbeizureden», sagt er und beginnt, von der Erfolgsgeschichte der Springer-Titel im Internet zu erzählen. Davon, dass Welt & Co. keineswegs die Leser weglaufen – im Gegenteil –, davon, dass man die Welt-App für das iPhone mit einer zweistelligen Quote erfolgreich auf das Abo-Modell umgestellt habe und davon, dass Welt Online kurz vor der Schwelle zur Wirtschaftlichkeit stehe.

Details aber nennt auch er nicht. Zahlen können, erst recht, wenn derart viel Konkurrenz vor Ort ist, schnell Gift für das Geschäft werden. Die Branche denkt zwar geschlossen über ihre gemeinsamen Probleme nach, die wichtigen Entscheidungen aber werden offenbar nach wie vor hinter verschlossenen Türen getroffen. Am Ende kämpft eben doch jeder für sich allein.

Wie komplex die Situation ist, zeigt sich anhand der Milchmädchenrechnung, die auch Otte einräumen muss: Online-Medien könnten zwar kostendeckend arbeiten, das jedoch nur, da viele der aufwändigen Recherchen nach wie vor aus den Printredaktionen kämen. Und der Medienjournalist Florian Treiß führt zwei Beispiele an, die zeigen, dass sich kaum ein Rechenmodell eins zu eins von Blatt zu Blatt oder Stadt zu Stadt übertragen lässt: So stiegen etwa die Zugriffszahlen des Hamburger Abendblattes, obwohl die Zeitung kürzlich erst Teile ihrer Regionalberichterstattung im Netz kostenpflichtig gemacht hat, bei der Berliner Morgenpost hingegen habe dieselbe Entscheidung zu einem Rückgang des Traffics geführt – wohl auch, weil die Konkurrenzsituation im Hamburg kaum mit der in der Hauptstadt zu vergleichen ist.

Holt die Branche Paid Content wieder aus der Schublade?

So schwierig Vergleiche auch sein mögen, ein Schlagwort geistert seit Monaten, wenn nicht Jahren durch die gesamte Branche: Synergien. Stefan Weigel, stellvertretender Chefredakteur der Wirtschaftstitel bei Gruner + Jahr, hat die am eigenen Leib erlebt, als der Verlag vor einem Jahr beschloss, die Redaktionen von Financial Times Deutschland, Capital, Impulse und Börse online zusammenzulegen. Menschlich schwierig und schmerzhaft sei dieser Prozess gewesen, bei dem alleine 100 Kündigungen ausgesprochen werden mussten, am Ende jedoch erfolgreich, sagt er. Auch wenn die Blätter, die seitdem mit 20 Prozent weniger Redaktionspersonal zentral produziert werden, 2010 wohl immer noch nicht aus den roten Zahlen kämen.

Dabei sehen gerade im Online-Bereich die Werbezahlen so schlecht gar nicht aus, was auch immer man an Einnahmen in diese Rechnung einbezieht: Sie steigen, langsam, aber stetig – im Gegensatz zum Printbereich. Die Cash Cow jedoch, beispielsweise im Konzern Tomorrow Focus, sei der E-Commerce-Bereich mit Portalen wie Hollydaycheck, so Florian Treiß. Heißt das Zauberwort also doch Quersubventionierung? Oder bereitet sich die Branche, wie der Springer-Konzern, langsam aber sicher darauf vor, Paid Content noch einmal aus der Schublade zu holen?

Zumindest traut man diesem Braten noch nicht so ganz, was auch daran liegen könnte, dass es kaum verlässliche Zahlen darüber gibt, ob die Nutzer wirklich bereit sind, nach Jahren der Kostenloskultur für journalistische Inhalte im Netz das Portemonnaie aufzumachen – unabhängig davon, dass es wohl immer kostenlose Konkurrenzangebote geben dürfte. Alleine vier Studien legt Otte auf den Tisch, vier Studien, nach denen diese Bereitschaft zwischen 13 und 55 Prozent liegt, oder, mit seinen eigenen Schätzungen, nach denen es zwischen 7 und 13 Millionen zahlungsbereiter Kunden in Deutschland gibt. «Nur: Ist das Glas jetzt halb voll oder halb leer?»

Niemand will auf mögliche Einnahmen verzichten

Immerhin aber scheinen einige Verlag die Scheu oder sogar Angst vor dem Internet langsam abgelegt zu haben, zum Teil wohl auch aus Pragmatismus. Springer wolle zum einen schlicht nicht auf mögliche Einnahmen verzichten, so Otte, zum anderen sehe es der Verlag auch als Antrieb, journalistische Inhalte zu erstellen, für die Menschen bereit seien zu zahlen. Und drittens wolle man die Beziehung zu den Lesern nicht verlieren, eine Gefahr, die Otte vor allem bei den Regionalzeitungen sieht. Und beim iPad.

Der von Springer-Chef Matthias Döpfner als Heilsbringer gepriesene Tablet-Computer aus dem Hause Apple ist mit seinem geschlossenen App-Store zwar eine vielversprechende Perspektive für die Verlage, mit der aber geben sie eben auch einen Großteil ihrer Macht aus der Hand. Bei Springer immerhin hat man sich dazu längst entschlossen, in den USA ist die Welt-App für das iPad bereits seit dem Marktstart erhältlich, für Ende Mai kündigt Otte sie auch in Deutschland an. Parallel arbeite man jedoch auch an einem eigenen und vor allem einfachen Bezahlsystem für Online-Inhalte. Auf das wartet wohl die gesamte Branche. Nur ist eine gemeinsame Lösung nach derzeitigem Stand noch nicht in Sicht. Und ohne die dürfte die digitale Zukunft für viele Verlage schwierig werden – alleine schon aus Akzeptanzgründen.

Bleibt die Frage, mit welchen Inhalten die Verlag bei ihren Lesern im Online-Bereich punkten wollen. Mit eins-zu-eins-Kopien, vor denen Florian Treiß eindringlich warnt? Mit der Wundertüte, die Spiegel-Chef Georg Mascolo vorschwebt? Diese Debatte, so Stefan Weigel, sei eigentlich schon längst überholt, die reine Nachricht online und der Hintergrund im Print-Produkt, das habe sich längst als wenig sinnvoll erwiesen und werde – ein Blick auf Spiegel Online genügt – auch kaum praktiziert. Zumindest in diesem Bereich scheinen sich die Verlag einig zu sein. Auch Romanus Otte weiß das: «Schließlich hat das Publikum den Anspruch an ein rundes Produkt.»

car/news.de
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Leserkommentare (2)
  • Kommentar: 2
  • 22.01.2011 08:26
von
Estela31Gonzales

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  • Kommentar: 1
  • 10.08.2010 15:27
von
AtkinsonSUZETTE33

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