Von news.de-Redakteur Michael Kraft
Kate Nash ist nicht nur der erklärte Liebling von Lena Meyer-Landrut. Sie wird auch immer mehr zum Vorbild für eine ganze Generation schlauer, selbstbewusster Mädchen - und hat kein Problem damit. Mit My Best Friend Is You legt sie nun ein fast perfektes zweites Album vor.
Bringen wir es gleich hinter uns: LenaLenaLena LenaLenaLena LenaLenaLena. Kaum eine Rezension des zweiten Albums von Kate Nash in einem deutschsprachigen Medium wird ohne dieses Wort auskommen. War es doch Lena Meyer-Landrut, Gewinnerin von Unser Star für Oslo und Deutschlands Vertreterin beim Eurovision Song Contest, die Kate Nash hierzulande zu einem neuen Popularitätsschub verholfen hat.
Die Hits Foundations und Mouthwash, von Kennern schon vor knapp drei Jahren als Sternstunden der unbekümmerten Popkunst entdeckt, standen plötzlich wieder in den Charts, weil Lena sie bei Unser Star für Oslo gesungen hatte. Und so wenig man von der 18-jährigen Hannoveranerin auch sonst weiß – eines ist gewiss: My Best Friend Is You, das heute erscheint, läuft demnächst rauf und runter in Lena Meyer-Landruts iPod.
Denn diese Platte bietet alles, was schon Kate Nashs Debüt Made Of Bricks so bezaubernd, schlau und mitreißend gemacht hat – und mehr. Die gerade einmal 22-Jährige hat tatsächlich das geschafft, was sich wohl jeder nach einem Nummer-1-Debüt als Ziel setzt: dem eigenen Sound treu bleiben, die alten Fans mitnehmen, und sich doch musikalisch weiterentwickeln.
Es gibt die bekannten Stärken: ein enormes lyrisches Talent, diesen stets etwas exzentrischen Gesang, und den Willen, auch das peinlichste, schockierendste, schmerzhafteste Gefühl nicht zu verstecken. Natürlich klebt auf dieser CD ein Sticker mit der Warnung: «Explicit Content». Bei Kate Nash steht das aber nicht nur für Kraftausdrücke, sondern auch für die völlige emotionale Offenbarung.
Und es gibt jede Menge Hits. Das extrem enthusiastische Take Me To A Higher Plane dürfte bei den Konzerten dafür sorgen, dass kleine Klavierschülerinnen ein Moshpit bilden (ein Bild, das bis vor kurzem noch so absurd erscheinen musste wie die Vorstellung von Jörg Kachelmann als Vergewaltiger). Die umwerfend eingängige Single Do-Wah-Doo ist ebenso lässig wie elegant. In Paris sorgen ein nervöses Klavier und eine Revue-Atmosphäre für Unmengen an Lebensfreude, über der jedoch ein winziges bisschen Unsicherheit schwebt wie eine einzelne Gewitterwolke an einem strahlend blauen Himmel. Auch Later On und das herrliche Kiss That Girl, eine klassische Girlgroup-Nummer im Sixties-Sound, wissen um diese Angst, nie gut genug zu sein; es den Eltern, dem Partner, der Welt einfach nicht recht machen zu können.
Man muss kein Chauvinist sein, um das als Mädchen-Mentalität zu bezeichnen. Und auch Kate Nash selbst hat kein Problem damit, sich als Vorreiterin im Kampf gegen feminine Paranoia und weibliche Minderwertigkeitskomplexe zu sehen. «Ich glaube an Gleichberechtigung, also bin ich Feministin. So einfach ist das. Ich schaue in die Gesichter der Mädchen, die bei meinen Konzerten in den vorderen Reihen stehen, und ich sehe förmlich, wie sie bei sich denken: ‹Sie ist ganz normal! Sie sieht ausnahmsweise nicht magersüchtig aus! Sie scheint sich in ihrer Haut wohl zu fühlen! Das ist cool!›»
Dass sie im Großen und Ganzen mit sich im Reinen ist, wird hier ebenfalls sehr deutlich. Don’t You Want To Share The Guilt? mit arabischen Einflüssen oder der zarte Rausschmeißer I Hate Seagulls sind kaum verhüllte Liebeserklärungen an Kates Boyfriend Ryan Jarman. Der Sänger bei den Rockrabauken The Cribs spielt nicht nur die Geige auf dem Hidden Track, sondern scheint die Platte auch sonst beeinflusst zu haben. Denn im Vergleich zu Made Of Bricks gibt es vergleichsweise viele Gitarren.
Das gewagte I Just Love You More lehnt sich mit viel Monotonie (und noch mehr Feedback) bei Sonic Youth an – und gelingt ebenso wie die meisten anderen Experimente, die sich Kate Nash diesmal herausnimmt. I’ve Got A Secret ist verhuscht und doch muskulös, quasi Shoegazer-Hardrock. Der Mansion Song beginnt mit einer gesprochenen Hasstirade im Stil von John Cooper Clarke, mit der Kate Nash sicher auch bei manchem Poetry Slam abgeräumt hätte, und mündet dann in so etwas Ähnliches wie ein afrikanisches Horror-Kinderlied. Pickpocket setzt nur auf Klavier und Gesang, und wird doch packend, You Were So Far Away braucht nur eine Gitarre, Kate Nashs Stimme und eine ganz leise Orgel, um zu erschüttern.
So viel Mut ist erstaunlich, so viel Talent bestechend. Lena Meyer-Landrut würde wohl sagen: Alter Finne.
Interpret: Kate Nash
Album: My Best Friend Is You
Plattenfirma: Polydor
Veröffentlichung: 23. April 2010