So., 27.05.12

Wir gegen Die! 21.04.2010 Warum man Blogger hassen kann

Internetsperren (Foto)
Die Politik will sie, die Netzgemeinde hasst sie: Internetsperren. Bild: Istockphoto

Von news-de-Redakteur Jens Kiffmeier, Berlin

Seit Wochen prügeln Politiker und Netzgemeinde im Streit um die Internetsperren aufeinander ein. Das Schwarz-Weiß-Denken nervt sogar manchen Blogger. Vier von ihnen haben deshalb den Versuch einer Selbstkritik gewagt.

Neulich bei der re:publica: Ein Zuhörer musste sich Luft machen. Eine halbe Stunde hatte er dem Vortrag von Alvar Freude bei der Blogger-Konferenz in Berlin gelauscht, dann hielt er es nicht mehr aus. Er schritt ans Saal-Mikrofon. Für einen ernsten Zwischenruf: «Ich bin tief enttäuscht von Dir», grummelte er. «Du hattest hier ein Super-Podium und Du hast es nicht genutzt.» Der verbale Schlag saß.

Freude wirkte plötzlich auf der großen Bühne im Friedrichstadtpalast seltsam verloren. 30 Minuten hatte er doziert, über das Thema Nummer eins: Jugendmedienschutz und Internetsperren. Die Politik will sie, die Netzgemeinde hasst sie. Weil sie nicht funktionieren, wie Freude in seinem Vortrag ausführlich erläuterte. Was aber fehlte: eine Lösung. «Offenbar hast Du keine», zürnte deshalb der Zuhörer. Das sei sehr schade. Denn man könne doch nicht wegdiskutieren, dass Kinderpornografie im Internet ein Problem sei, das irgendwie angegangen werden müsste.

Die Kritik war scharf, doch so ungewöhnlich ist sie nicht. Durchaus gibt es viele Blogger, die eine ultimative Verherrlichung des unzensierten Internets nicht problemlos mittragen wollen. Im medialen Chor der aktuellen Wir-gegen-die-Politik-Stimmung gehen sie allerdings oftmals unter. «Diese ewige Schwarz-Weiß-Malerei nervt», sagt zum Beispiel Jens Scholz, Berater von Online-Agenturen und leidenschaftlicher Blogger. Die Internetsperren-Diskussion ist dabei für ihn nur eines von vielen Beispielen. «Wir finden auch nicht alles gut, was das Internet zu bieten hat.»

Mit seinen drei Blogger-Kollegen Carolin Buchheim, Anne Roth und Bov Bjerg hat er sich deshalb einmal Gedanken gemacht und Gründe gesammelt, warum man auch als Netzfan das Internet hassen kann. «Das muss einfach mal herausgeschrien werden», begründet er seinen Vorstoß, von dem seiner Meinung nach alle Seiten etwas lernen sollen: «Die Fähigkeit zur Selbstkritik», wie Scholz es nennt.

Problemlos kann das Vierer-Gespann mit dem Vortragen ihrer Sammelliste eine Stunde füllen. News.de hat ihnen einmal zugehört und die wichtigsten Punkte aufgeschrieben. Hier ein Auszug:

Dämliche Kommentare: Das Internet ist ein Marktplatz für Inkompetente, die sich für kompetent halten. Ein Klick und ein bisschen Getippe auf der Tastatur – fertig ist oftmals der schnell produzierte Kommentar. Doch was kommt dabei heraus? «Die selbe Grütze, die die selbst ernannten Meinungsmacher auf anderen Seiten aufgeschlabbert haben», kritisiert Bjerg und fügt eine Bitte hinzu: «Kippt Euren Müll nicht in mein Internet.»

Notgeile Kellerasseln: So nennt Scholz diejenigen Menschen, die sich auf offener Straße nicht trauen, andere anzusprechen. Stattdessen hocken sie vor ihrem Computer und suchen tagsüber nach scharfen Erotikbildern. Das allein sei aber noch nicht einmal das schlimmste. Schlimmer seien die Bewertungen, die sie nach dem Aufspüren des hochbrisanten Materials abgeben. «Kommentare wie <Tolle Beleuchtung> unter dem Bild einer nackten Blonden braucht die Welt wirklich nicht mehr.»

Fehlgeleiteter Hass: Manchmal kann man sich nur wundern. Es gibt doch tatsächlich Leute, die ihre Freizeit damit verbringen, einer anderen Person 48.000 Protest-Emails zu schicken. Der Grund: Sie vertritt eine andere Meinung. «Ey Leute», findet Carolin Buchheim, «verschwendet Eure Zeit und Energie nicht mir irgendeinem untoleranten Internetscheiß. Macht einfach etwas sinnvolles.»

Anbiedernde Politiker: Hipp und cool, immer am Puls der Zeit – dieses Bild wollen nicht gerade wenige Abgeordnete von sich vermitteln. Deshalb tummeln sie sich zuhauf bei Facebook, Twitter und Co. - und lassen dabei Ausschau halten nach immer neuen Freunden. Und genau das ist das Problem: Sie tun es nicht selbst, sie beschäftigen Mitarbeiter dafür. Ein Ärgernis, findet Bjerg. «Politiker bei Facebook – das ist ja wie der Besuch der Eltern auf der eigenen Party.»

Irrwirtzige Zensurpanik: Man muss nicht alles dulden. Auch nicht im Internet. Und vor allem nicht auf der eigenen Homepage. Für Leute, die sich darüber aufregen, dass ihre Kommentare unter den Blogeinträgen gelöscht werden, hat Carolin Buchheim kein Verständnis. Wenn es Mist ist – weg damit, sagt sie. «Die sich darüber empören, müssen mal verstehen, dass es ein Privileg ist, auf meiner Seite zu schreiben. Wer das nicht richtig hinbekommt, hat halt Pech.»

car/news.de
Leserkommentare (3) Jetzt Kommentar zum Artikel schreiben
  • Sven S
  • Kommentar 3
  • 22.04.2010 08:02
 

@Jo: Es ging nicht um die "Internetsperren" sondern um den JMStV - da geht es eben nicht ums "Löschen statt sperren" sondern um die Frage, wie z.B. harte Pornographie, die für erwachsene legal ist, für Kinder unzugänglich "gemacht" werden könnte u.ä. - und ja, in diesem Fall habe ich auch noch keine alternative Lösung gehört. Was nicht heißt, dass ich die, die gerade droht, gut fände, denn sie ist keine brauchbare. Das hat aber ja auch keiner behauptet.

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  • chris
  • Kommentar 2
  • 22.04.2010 01:54
 

Was für ein langweiliger Bericht... Ich dachte ja, jetzt kommt was interessantes. Stattdessen nur das uralte Rumgeheule über hater-Kommentare, Müll-Kommentare und Porno-Gucker. Mein Gott, dass es die gibt ist doch nun nichts Neues. So ist das nunmal an einem Platz, wo viele Menschen zusammmenkommen. Toll auch die Lösung dieser angeblichen "Blogger": "Leute ladet euren Müll nicht im Internet ab. Hahaha - die leben doch in ner Traumwelt...

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  • JoSchaefers
  • Kommentar 1
  • 22.04.2010 00:32
 

Freude und der AK Zensur haben eine Lösung präsentiert. Bekanntlich ist der inzwischen auch von der Politik übernommene Ansatz "Löschen statt/vor Sperren!" die logische Schlußfolgerung aus einem Experiment des AK Zensur: http://ak-zensur.de/2009/05/loeschen-funktioniert.html Das merkwürdige Paradigma, dass man falsche Ansätze nur kritisieren darf, wenn man gleichzeitig eine Lösung präsentiert, werde ich auch nie verstehen. Das Problem bei Kinderpornographie ist nun einmal, dass diese nicht an dauerhaft sperrbaren Webadresse zu finden ist (dort kann man sie auch löschen).

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