Robert Stadlober «Nichts ist schlimmer als Bono von U2»

Robert Stadlober (Foto)
Schauspieler und Musiker Robert Stadlober. Bild: ddp

Von news.de-Redakteur Florian Blaschke
Mit seiner Band Gary bringt Robert Stadlober nach acht Jahren das zweite Album heraus. Im Interview spricht er über Kitsch und Melancholie, Vorbilder und den steinigen Weg zum Erfolg sowie über die harten Kritiken der vergangenen Jahre.

Wie schön, dass Sie immer noch Interviews geben, Herr Stadlober.

Stadlober: (lacht) Wieso?

Wenn man sich einige Interviews der letzten Jahre durchliest, bekommt man doch das Gefühl, Sie seien recht genervt gewesen, weil wieder und wieder die selben Klischees aufgerollt wurden ...

Stadlober: Es sind schon immer die selben Fragen, die mir gestellt werden, das ist richtig, und ich bin es langsam ein wenig leid, darüber zu reden, dass ich mit 15 die Schule abgebrochen habe. Ich bin mittlerweile 27, das hat mit meiner Lebensrealität nicht mehr so wahnsinnig viel zu tun. Aber es kommt ganz auf die Interviews an, es gibt durchaus auch positive Erlebnisse. Es ist nicht alles schrecklich.

Gary
«Will You»
Video: Siluh Records

Bevor wir überhaupt über irgendetwas anderes reden können, müssten wir mal über den Titel des neuen Gary-Albums sprechen.

Stadlober: One Last Hurrah For The Lost Beards Of Pompeji. Also erstmal reimt er sich. Und dann ist er eine Metapher für eine untergegangene Kultur. Man versucht, an etwas festzuhalten, weiß aber schon, dass es nicht bleiben wird, ein bisschen auch eine Metapher auf eine untergehende Musikkultur, die mein Leben und das vieler anderer meines Alters sehr stark geprägt hat. Die Art und Weise, wie mit Musik mal umgegangen wurde, dass man mit schwitzigen Händen in den Plattenladen gerannt ist, um sich irgendeine neue Importsingle zu holen oder bei irgendwelchen obskuren Mail-Orders versucht hat, irgendwelche Seven-Inch-Singles zusammenzubestellen, Mixtapes gemacht und nächtelang Platten sortiert hat. Das ist glaube ich etwas, das es bald in dieser Form nicht mehr geben wird, beziehungsweise ja jetzt schon nicht mehr gibt.

Das klingt melancholisch.

Stadlober: Ja, wir sind ja auch durchaus eine melancholische Band.

Wobei ich gerade bei dem neuen Album festgestellt habe, dass es eine ganz absonderliche Mischung ist aus Melancholie und Optimismus. In Leave Me gibt es die schöne Textpassage «Don't leave me in the summer, leave me in the winter when I'm down anyway. Don't leave me tomorrow, leave me today. I'll be okay.».

Stadlober: Ja, der klassische, bittersüße Schmerz, den man gerne hat, wenn man sich von Dingen verabschieden muss oder wenn Veränderungen in ein Leben treten, was auf der einen Seite natürlich traurig ist, auf der anderen Seite aber auch positiv stimmt, weil Veränderungen meistens auch wieder aufregende neue Sachen mit sich bringen.

Gary
«Leave Me»
Video: Siluh Records

Ich hatte vor allem das Gefühl, dass Sie auf dieser Platte den Kitsch auf die Schippe nehmen ...

Stadlober: Das ist durchaus alles mit einem Augenzwinkern, aber wir orientieren uns da glaube ich an einer großen britischen Poptradition der 1980er und frühen 1990er Jahre, an Bands wie The BMX Bandits, The Pastels oder Teenage Fanclub, die ja auch in ihren Texten mit diesen klassischen Rocksong-Klischees spielen und damit versuchen, ein Gefühl zu evozieren, das vielleicht nicht eins zu eins ernst zu nehmen ist, aber trotzdem diese klischeebelasteten Dinge eine gewisse Stimmung bei einem erzeugen. Das ist glaube ich der Plan. Eben dadurch, dass es Rockmusiktexten solche Klischees gibt, kann man damit halt auch spielen, was ich spannender finde, als irgendwelche großen Messages zu verbreiten.

Auch bei der Band werde ich das Gefühl nicht los, dass sie sich selbst nicht ganz ernst nimmt.

Stadlober: Nee, überhaupt nicht. Das haben wir aber auch als Personen noch nie gemacht.

Das ist mir das erste Mal aufgefallen, als ich mir die Internetseite angucken wollte und gesehen habe, dass sie deathtogary.de heißt. Wie kommt man auf die Idee, seinen eigenen Tod zu proklamieren?

Stadlober: Die heißt schon von Anfang an so, das hat glaube ich damit etwas zu tun, dass wir damals bei einem Majorlabel waren und die versucht haben, uns als neue Rocksensation zu pushen und wir uns mit Händen und Füßen dagegen gewehrt haben. Und eine dieser Strategien war halt, von Anfang an zu sagen: death to Gary. Whatever. Lass ihn halt sterben, den alten Gary-Onkel.

Ist diese Haltung auch der Grund dafür, dass auf diesem Album Titel drauf sind wie If God Invented The Imbus Popimbus oder Tchip Tchip Tcherip? Das verkackeiert sich alles ein bisschen selbst, oder?

Stadlober: Ja, durchaus. Man sollte glaube ich auch Humor nicht außen vor lassen, wenn man Musik macht. Ich finde nichts anstrengender als Menschen, die glauben, das Rad neu erfunden zu haben. Ich finde, nichts ist schlimmer als Bono von U2 oder sowas. Weil solche Leute mit einer unglaublichen Ernsthaftigkeit an alles rangehen, aber das Leben ist halt nicht nur ernst.

Lesen Sie auf Seite 2 mehr über die Träume von Robert Stadlober und die Pläne für das nächste Gary-Album

Zum Schlagwort «Rad neu erfinden»: Man hört auf dieser Platte ganz deutliche Einflüsse, einige Bands haben Sie ja auch schon angesprochen. Andere Bands legen unglaublich viel Wert auf Eigenständigkeit. Woher kommt diese Haltung, ganz bewusst seine Inspirationsquellen offenzulegen?

Stadlober: Weil die unser Leben bestimmt haben, diese Bands. Und das ist einfach die Musik, die mich immer noch bewegt, weil es für mich nichts Tolleres gibt als Teenage Fanclub und ich da deshalb einfach schamlos stehlen möchte. Popmusik ist ja immer referenziell, Teenage Fanclub bedienen sich ganz offensichtlich bei Big Star, und wir bedienen uns bei Teenage Fanclub und The BMX Bandits und vielleicht gibt es irgendwann eine Band, die sich bei Gary bedient und irgendwie bleibt es dann alles im Kreis.

Daneben ist mir aufgefallen, dass das Album eine ganz große Gelassenheit ausstrahlt. Sie haben die Erfahrungen mit dem Major Label bereits erwähnt, mir scheint es fast so, als hätten Sie gar keinen Bock mehr, noch mal ganz groß rauszukommen.

Stadlober: Naja, was heißt, keinen Bock mehr, ganz groß rauszukommen? Aber ich finde halt nicht, dass man da irgend etwas über's Knie brechen sollte. Wir sind sehr zufrieden mit der Art und Weise, wie wir im Moment dastehen, wir haben eine Platte gemacht, die uns gefällt und wir wollen auf Tour gehen. Aber es geht nicht darum, Nummer eins zu werden. Eines unserer höchsten Ziele ist, im europäischen Ausland auf Tour gehen zu können. Da wäre für uns schon das größte Glück der Welt erreicht.

Liegt das vielleicht auch daran, dass Sie das gar nicht nötig haben? In einem Interview von 2003 haben Sie noch davon gesprochen, dass Sie nur in abgeranzten WGs leben, das mit der Schauspielerei klappe auch nicht so richtig, diese Zeiten dürften vorbei sein, oder?

Stadlober: Nö, ich wohne immer noch in zwei abgeranzten WGs. (lacht) Aber das hat auch was damit zu tun, dass ich sehr viel Geld statt in materielle Sachen in das Label reinstecke. Was heißt, dass wir es nötig haben? Wir haben es genauso wenig nötig wie alle anderen auch und genauso viel. Wir haben alle Berufe neben der Musik, und das ist glaube ich bei den meisten Bands, zumindest in Deutschland, mittlerweile so. Und von daher haben wir uns dem Traum nie hingegeben, dass wir von der Musik irgendwie leben könnten, was einem wahrscheinlich eine gewisse Form von Gelassenheit gibt.

So ähnlich klingt das auch in dem Interview von damals. Da sagten Sie, Sie wollten eigentlich nur auf Tour gehen und Ihren kleinen Rock'N'Roll-Traum ausleben, egal, wie viel das einbringt. Nun hat es immerhin acht Jahre gebraucht, bis sie mit Album Nummer zwei diesem Traum ein Stückchen näher gekommen sind. Waren das harte Jahre?

Stadlober: Och, nö, wir hätten ja durchaus auch schon früher dieses Album machen können. Wir haben es bloß aufgrund verschiedenster Faktoren nicht auf die Reihe bekommen, weil jeder mit anderen Dingen beschäftigt war, sowohl privat als auch beruflich. Aber die Band ist trotzdem noch eine Projektionsfläche für unsere Träume und dass es kaum etwas Schöneres gibt, als auf Tournee zu sein und live zu spielen, gerade in kleinen Clubs, Menschen kennenzulernen und in nahem Kontakt zu stehen. Wir haben ja auch auf großen Bühnen gespielt und es war nie das, was uns am meisten Spaß gemacht hat.

Gerade in kleinen Clubs haben Sie früher durchaus die Erfahrung machen müssen, auch mal ausgebuht zu werden. Würde so etwas heute immer noch passieren oder ist die Band dafür inzwischen zu professionell geworden?

Stadlober: Wenn's heute passieren würde, dann wär das eine Kritik, die ich annehmen könnte, weil ich wüsste, dass es nicht unbedingt an mir oder an uns liegt. Es war halt vor ein paar Jahren noch so, dass wir von unseren Fähigkeiten noch nicht in der Lage waren, das umzusetzen, was wir eigentlich umsetzen wollten. Mittlerweile finde ich nicht, dass man uns irgendwas groß ankreiden kann, außer, dass man vielleicht die Musik nicht mag. Aber das ist dann Geschmackssache. Aber es ist nicht mehr so, dass man sagen kann: «Ey, Ihr habt nen Major-Plattenvertrag und könnt noch nicht mal richtig spielen.» Das war früher durchaus der Fall. Und da war es dann verletzend, wenn man eine megafiese Kritik bekommen hat, weil man sich darüber bewusst war, dass die Kritik irgendwie berechtig ist. (lacht)

Die Band-Besetzung hat sich seit dem ersten Album ja auch verändert ...

Stadlober: Ja, die hat sich andauernd verändert. Die einzigen, die konstant immer dabei waren, waren Rasmus und ich ...

... der auch noch bei der Band Herrenmagazin spielt ...

Stadlober: ... genau, und Paul von Herrenmagazin spielt bei uns jetzt Bass, weil unsere Bassistin ein Kind bekommen hat. Und sonst ist Astrid seit 2007 dabei, die Keyboard spielt und die zweiten Stimmen singt. Und wir treffen heute Abend einen Gitarristen, den wir für die Tour engagieren und vielleicht auch für länger.

Woran liegt dieser ständige Wechsel?

Stadlober: Das ergibt sich einfach so, weil sich halt die Leben verändern und in zehn Jahren, die es uns jetzt als Band gibt, verschiedene Dinge passiert sind. Unser damaliger Bassist Kai hat geheiratet und Sport auf Lehramt studiert und hatte keine Zeit mehr, auf Tour zu gehen. Astrid kam zufällig dazu. Dass Johanna jetzt ein Kind bekommen hat, war halt auch eine Entscheidung, die sie in ihrem Leben getroffen hat, dadurch ist jetzt Paul dabei. Es ist immer mehr so zufällig, aber eigentlich ist schon durchaus der Wille da, dass wir uns als Band jetzt so langsam mal festigen. Wir arbeiten jetzt seit drei Jahren zu dritt und werden so auch weitermachen.

Gehört zu diesem Plan auch, dass vielleicht etwas regelmäßiger Platten rauskommen?

Stadlober: Also eigentlich sind wir jetzt schon dabei, das nächste Album zu planen. Wir wollen im Herbst, beziehungsweise im Winter wieder ins Studio gehen, damit es nicht wieder acht Jahre dauert.

Bis jetzt waren beide Platten auf Englisch, weil du von dir sagst, dass du dich mit Deutsch nicht so richtig wohl fühlst. Wird das so bleiben?

Stadlober: Das wird englisch bleiben. Ich kenne durchaus Texter, die großartige deutsche Platten machen, Ja, Panik sind der beste Beweis, dass es funktioniert mit deutschen Texten. Ich sehe da aber nicht mein stärkstes Talent drin. Ich kann besser auf Englisch texten, was natürlich auch was mit der Sozialisation zu tun hat. Wenn man größtenteils mit englischen Bands groß geworden ist, ist es klar, dass, wenn man die ersten Songs schreibt, man das in der Sprache macht, in der man die meiste Zeit Musik gehört hat. Und ich finde auch, dass es bei solcher Musik einfach schöner klingt.


Robert Stadlober wurde 1982 in Kärnten geboren und wuchs in der Steiermark und in Berlin auf. Seinen Durchbruch als Schauspieler hatte er 2000 mit dem Film Crazy von Hans-Christian Schmid, seine letzte Rolle hatte er in diesem Jahr in Oskar Roehlers Jud Süß – Film ohne Gewissen. Im Jahr 2000 gründete er in Berlin die Band Gary. Daneben betreibt Stadlober das Indie-Label Siluh Records in Wien.
 


Schonmal reinhören ins neue Album? Hier geht es zum Prelistening, präsentiert von news.de.

ruk/ivb/news.de

Leserkommentare (1) Jetzt Artikel kommentieren
  • Elli
  • Kommentar 1
  • 28.05.2010 12:18

Wer bist Du überhaupt??? Von Dir redet überhaupt niemand... Findest Du das auch lustig???

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