«Nichts ist schlimmer als Bono von U2»
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Von news.de-Redakteur Florian Blaschke
Artikel vom 28.05.2010
Mit seiner Band Gary bringt Robert Stadlober nach acht Jahren das zweite Album heraus. Im Interview spricht er über Kitsch und Melancholie, Vorbilder und den steinigen Weg zum Erfolg sowie über die harten Kritiken der vergangenen Jahre.
Wie schön, dass Sie immer noch Interviews geben, Herr Stadlober.
Stadlober: (lacht) Wieso?
Wenn man sich einige Interviews der letzten Jahre durchliest, bekommt man doch das Gefühl, Sie seien recht genervt gewesen, weil wieder und wieder die selben Klischees aufgerollt wurden ...
Stadlober: Es sind schon immer die selben Fragen, die mir gestellt werden, das ist richtig, und ich bin es langsam ein wenig leid, darüber zu reden, dass ich mit 15 die Schule abgebrochen habe. Ich bin mittlerweile 27, das hat mit meiner Lebensrealität nicht mehr so wahnsinnig viel zu tun. Aber es kommt ganz auf die Interviews an, es gibt durchaus auch positive Erlebnisse. Es ist nicht alles schrecklich.
Bevor wir überhaupt über irgendetwas anderes reden können, müssten wir mal über den Titel des neuen Gary-Albums sprechen.
Stadlober: One Last Hurrah For The Lost Beards Of Pompeji. Also erstmal reimt er sich. Und dann ist er eine Metapher für eine untergegangene Kultur. Man versucht, an etwas festzuhalten, weiß aber schon, dass es nicht bleiben wird, ein bisschen auch eine Metapher auf eine untergehende Musikkultur, die mein Leben und das vieler anderer meines Alters sehr stark geprägt hat. Die Art und Weise, wie mit Musik mal umgegangen wurde, dass man mit schwitzigen Händen in den Plattenladen gerannt ist, um sich irgendeine neue Importsingle zu holen oder bei irgendwelchen obskuren Mail-Orders versucht hat, irgendwelche Seven-Inch-Singles zusammenzubestellen, Mixtapes gemacht und nächtelang Platten sortiert hat. Das ist glaube ich etwas, das es bald in dieser Form nicht mehr geben wird, beziehungsweise ja jetzt schon nicht mehr gibt.
Das klingt melancholisch.
Stadlober: Ja, wir sind ja auch durchaus eine melancholische Band.
Wobei ich gerade bei dem neuen Album festgestellt habe, dass es eine ganz absonderliche Mischung ist aus Melancholie und Optimismus. In Leave Me gibt es die schöne Textpassage «Don't leave me in the summer, leave me in the winter when I'm down anyway. Don't leave me tomorrow, leave me today. I'll be okay.».
Stadlober: Ja, der klassische, bittersüße Schmerz, den man gerne hat, wenn man sich von Dingen verabschieden muss oder wenn Veränderungen in ein Leben treten, was auf der einen Seite natürlich traurig ist, auf der anderen Seite aber auch positiv stimmt, weil Veränderungen meistens auch wieder aufregende neue Sachen mit sich bringen.
Ich hatte vor allem das Gefühl, dass Sie auf dieser Platte den Kitsch auf die Schippe nehmen ...
Stadlober: Das ist durchaus alles mit einem Augenzwinkern, aber wir orientieren uns da glaube ich an einer großen britischen Poptradition der 1980er und frühen 1990er Jahre, an Bands wie The BMX Bandits, The Pastels oder Teenage Fanclub, die ja auch in ihren Texten mit diesen klassischen Rocksong-Klischees spielen und damit versuchen, ein Gefühl zu evozieren, das vielleicht nicht eins zu eins ernst zu nehmen ist, aber trotzdem diese klischeebelasteten Dinge eine gewisse Stimmung bei einem erzeugen. Das ist glaube ich der Plan. Eben dadurch, dass es Rockmusiktexten solche Klischees gibt, kann man damit halt auch spielen, was ich spannender finde, als irgendwelche großen Messages zu verbreiten.
Auch bei der Band werde ich das Gefühl nicht los, dass sie sich selbst nicht ganz ernst nimmt.
Stadlober: Nee, überhaupt nicht. Das haben wir aber auch als Personen noch nie gemacht.
Das ist mir das erste Mal aufgefallen, als ich mir die Internetseite angucken wollte und gesehen habe, dass sie deathtogary.de heißt. Wie kommt man auf die Idee, seinen eigenen Tod zu proklamieren?
Stadlober: Die heißt schon von Anfang an so, das hat glaube ich damit etwas zu tun, dass wir damals bei einem Majorlabel waren und die versucht haben, uns als neue Rocksensation zu pushen und wir uns mit Händen und Füßen dagegen gewehrt haben. Und eine dieser Strategien war halt, von Anfang an zu sagen: death to Gary. Whatever. Lass ihn halt sterben, den alten Gary-Onkel.
Ist diese Haltung auch der Grund dafür, dass auf diesem Album Titel drauf sind wie If God Invented The Imbus Popimbus oder Tchip Tchip Tcherip? Das verkackeiert sich alles ein bisschen selbst, oder?
Stadlober: Ja, durchaus. Man sollte glaube ich auch Humor nicht außen vor lassen, wenn man Musik macht. Ich finde nichts anstrengender als Menschen, die glauben, das Rad neu erfunden zu haben. Ich finde, nichts ist schlimmer als Bono von U2 oder sowas. Weil solche Leute mit einer unglaublichen Ernsthaftigkeit an alles rangehen, aber das Leben ist halt nicht nur ernst.
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