Mo., 13.02.12

Joachim Dorfs «Journalisten können von Produktmanagern lernen»

Von news.de-Redakteur Florian Blaschke

Artikel vom 26.04.2010

Die Stuttgarter Zeitung wird als beste Regionalzeitung Europas ausgezeichnet. Im Interview spricht Chefredakteur Joachim Dorfs über die sinkende Auflage, Entlassungen und den schwierigen Weg in das Internet-Zeitalter.

Herr Dorfs, schaut man sich an, welche Preise die Stuttgarter Zeitung in den vergangenen Jahren bekommen hat, könnte man sagen, die Auszeichnung als Europas beste Regionalzeitung sei da nur die logische Konsequenz ...

Dorfs: (lacht) Dem stimme ich natürlich völlig zu. Die Stuttgarter Zeitung ist schon ganz lange eine sehr gute, wenn nicht sogar hervorragende Zeitung. Ich glaube einfach, dass wir jetzt die Stärken, die sie von jeher hatte, noch ein bisschen besser herausgearbeitet haben.

Welche sind das in Ihren Augen?

Dorfs: Die Stuttgarter Zeitung ist eine Regionalzeitung, hat aber den Qualitätsanspruch einer überregionalen Zeitung. Das heißt, wir haben die Mittel, die Leute und auch den Anspruch, unsere Leser auch über ihren Tellerrand hinaus zu informieren. Wir haben auch das Publikum, das nicht nur eine reine Lokal- oder Regionalzeitung will, sondern explizit überregionale Themen - ein sehr bildungsnahes Publikum. Das alles sind natürlich sehr gute Voraussetzungen.

Sie betonen gerade das Regionale als Stärke, was ja nicht für alle Regionalzeitungen gilt. Gerade damit tun sich viele Blätter offensichtlich schwer ...

Dorfs: Viele Regionalzeitungen sind ja zu Abspielstationen von dpa oder anderen Agenturen geworden. Für uns ist der Luxus, dass wir regionale Themen dann machen können und auch gut machen können, wenn sie wirklich groß und auch in unseren Augen wichtig sind, und dass wir uns ansonsten jederzeit im Themen-Set der Überregionalen bedienen können.

Sie sind seit Anfang 2008 Chefredakteur in Stuttgart. Was haben Sie seitdem verändert?

Dorfs: Im Wesentlichen drei Dinge: Das Erste war eine optische und inhaltliche Neugestaltung. Das Zweite war, dass wir eine eigene Online-Redaktion aufgebaut haben und jetzt selbst für unseren Online-Auftritt verantwortlich sind. Und als Drittes haben wir einen NewsroomUnter einem Newsroom versteht man einen Arbeitsplatz, in Redaktionen, bei denen Mitarbeiter aus verschiedenen Ressorts und Abteilungen in einem gemeinsamen Arbeitsraum sitzen und gemeinsam das Produkt produzieren. eingeführt, wo unsere Online-, unsere Printredaktion sowie unsere optische Abteilung sitzen. Viele Themen halten sich ja leider nicht an Ressortgrenzen. So können wir deutlich effizienter und schneller arbeiten.

Das klingt sehr positiv. In der Regel sorgt das Thema Newsroom in einer Redaktion erst einmal für Angst oder zumindest Sorge. Können Sie das nachvollziehen?

Dorfs: Ja, kann ich. Und es ist auch bei uns kontrovers diskutiert worden. Natürlich ist das mit viel Sorge verbunden, was neue Arbeitsinhalte, Arbeitsverdichtung oder die persönliche Situation angeht. Wer vorher in einem Zweimannbüro gesessen hat und jetzt in einem Raum mit 40 Leuten sitzt, schreit nicht auf Anhieb Hurra. Auf der anderen Seite haben am Ende doch viele in der Redaktion anerkannt, dass man so besser Zeitung produzieren kann. Mit den alten räumlichen Strukturen hätte man die Zeitung, wie wir sie heute machen, nicht machen können.

Die Layoutumstellung 2009 war erst die vierte nach 1948, 1978 und 1998. Ein schöner Turnus, bei dem allerdings die Intervalle immer kürzer werden. Wird das so weiter gehen?

Dorfs: Ehrlich gesagt ist das eigentlich der letzte Relaunch, den ich mit der Stuttgarter Zeitung machen möchte, was aber nicht heißt, dass die Zeitung, solange ich da bin, auch so bleiben wird. Eigentlich sollte man so etwas nicht in einem großen Wurf machen, sondern sich regelmäßig hinterfragen und auch kleine Dinge ändern. Eine Zeitung ist ja auch ein Markenprodukt, sie ist mit Emotionen verbunden, steht für Werte. Da können Journalisten von Produktmanagern lernen. Bei dem Relaunch ging es ja nicht nur um die Optik.

Worum ging es darüber hinaus?

Dorfs: Darum, ob die Art, wie wir Geschichten erzählen, noch die richtige ist, ob wir die Leser noch richtig in die Artikel holen, ob wir die richtige Navigation haben. Wir haben Marktforschung betrieben und oft gehört: «Es stresst mich, jeden Tag Zeitung lesen zu müssen. Ich komme da nicht durch.» Es hat eben nicht mehr jeder die Zeit, morgens die Zeitung von der ersten bis zur letzten Seite durchzublättern. Daraus sind beispielsweise die Tagesthema-Seite und das große Inhaltsverzeichnis auf Seite 2 entstanden. Das sind Navigationshilfen.

Haben Sie einmal darüber nachgedacht, eine Kompaktausgabe herauszubringen?

Dorfs: Nein. Ich finde, die Stuttgarter Zeitung hat ein gutes Format. Wir erscheinen ja nicht im Nordischen FormatDas Nordische Format hat eine Größe von 40 mal 57 Zentimetern pro Seite. . Das Handelsblatt, wo ich früher war, ist diesen Schritt gegangen, Die Welt ist ihn auch gegangen, aber es ist auch kein Zufall, dass das alles Zeitungen sind, die im Nordischen Format erscheinen. Die Stuttgarter Zeitung ist ja als solches schon kleiner. Und das jetzt nochmal beispielsweise zu halbieren, wäre mir zu klein.

Regionalzeitungen sind in etwa 40 Prozent aller Landkreise Monopolisten. In Ihrem Fall ist das zwar anders, dennoch: Sehen Sie das als Gefahr?

Dorfs: (zögert) Grundsätzlich natürlich schon. Diese Ein-Zeitungs-Kreise beschäftigen die Medienwissenschaftler ja seit 30 Jahren. Und ich sehe das zwar für uns nicht als Thema und ich möchte mich auch nicht in diese Richtung bewegen, aber wenn Sie sich diese Pool-Lösungen ansehen, die es jetzt gibt, sei es bei Gruner + Jahr, sei es bei Dumont: Die haben als solches schon das Ziel, die Qualität hochzuhalten, aber um den Preis der Vielfalt. Und das ist eine Abwägung, die ich so glücklicherweise nicht treffen muss.

Sie haben in Stuttgart eine besondere Situation, da die Stuttgarter Nachrichten im selben Haus erscheinen, eine ähnliche Situation herrscht beispielsweise in Aachen. Ist das eine echte Konkurrenzsituation?

Dorfs: Ja. Ganz klar.

Wie wird die gewährleistet?

Dorfs: Ach, ich würde mal sagen, das liegt in den Genen. (lacht) Wir sitzen im gleichen Haus, wir haben den gleichen Verlag, die gleichen Anzeigen und wir sind trotzdem die wesentlichen Konkurrenten. Und wir haben unterschiedliche Ausrichtungen. Das ist wirklich eine ganz klare Konkurrenzsituation und das ist auch gut so.

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