Von news.de-Redakteur Florian Blaschke
Nach acht Jahren endlich veröffentlicht Gary, die Band von Robert Stadlober, ihr zweites Album. Aus der etwas verkopften Truppe ist ein Trio voller Spielfreude und Selbstironie geworden, das voller Stolz seine musikalischen Einflüsse vor sich her trägt.
Ein großartiger Song braucht keinen großartigen Titel, das hat die Popgeschichte oft genug bewiesen. Angefangen beim Schlager La-Le-Lu (1950) über Al Greens Sha-La-La – Make Me Happy (1973) bis zum Rigga Ding Dong Song der Gruppe Passion Fruit (1999) – noch nie haben selbst banalste Buchstabenfolgen einen echten Hit vom Einstieg in die Charts abhalten können. Trotz des Erfolgs jedoch ist es eine fragwürdige Tradition, in der sich die Band Gary da hineinbegibt: Track elf ihres zweiten Albums, das heute erscheint, heißt Tchip Tchip Tcherip.
Das wundert vor allem deshalb, weil der Titel der Platte selbst umso kryptischer ist: One Last Hurrah For The Lost Beards Of Pompeji heißt das Werk, auf dem sich zudem noch Songs befinden wie If God Invented The Imous Popimbus, Then Where Does He Live Now?, John Peel And The Dragon Of Steel oder Detroit Destroyed The Trunk Dragon. Da sitzt er nun, der Zuhörer, und soll sich einen Reim darauf machen, dass das erste, was Sänger Robert Stadlober zum Albumtitel einfällt, die Tatsache ist, dass er sich reimt. Nein, da braucht es schon ein bisschen mehr, und so fügt er wenigstens noch hinzu, er sei eine Metapher für eine untergegangene Musikkultur.
Selbst der tiefste Herzschmerz taugt für eine Pointe
Das trifft wohl auch auf die Platte an sich zu, die so rückwärtsgewand ist, wie man es lange nicht mehr erlebt hat. Gary sind ein lebendes Denkmal für den Indierock der 1980er Jahre. Sänger Robert Stadlober, Keyboarderin und Sängerin Astrid Noventa und Schlagzeuger Rasmus Engler sind sich ihrer musikalischen Einflüsse mehr als bewusst, sie tragen sie voller Stolz vor sich her. Diese Platte, sie klingt nach Bands wie Teenage Fanclub, The Pastels oder den BMX Bandits, und man merkt Gary nicht nur an, dass sie das auch soll, sie geben es auch noch zu.
So ernst jedoch dieser Rückgriff auch ist, so wenig ernst scheinen sich Gary selbst zu nehmen. Nicht nur der Albumtitel oder oben genanntes Stück, auch die vielen augenzwinkernden Zeilen beweisen das. Diese etwa aus Leave Me: «Don't leave me in the summer, leave me in the winter when I'm down anyway. Don't leave me tomorrow, leave me today. I'll be okay.» Selbst der tiefste Herzschmerz taugt noch für eine ordentliche Pointe, und jeder, der diese Platte einmal gehört hat, wird den lieben Gott beim Eintritt ins Paradies wohl als erstes nach dem Imbus Popimbus fragen.
Nein, diese Platte haben Musiker produziert, denen der Spagat zwischen einer ordentlichen Portion Wahnsinn, Ehrgeiz und Selbstironie gelungen ist. Musiker vor allem, die der Gefahr aus dem Weg gegangen sind, zu viel zu wollen. Es sind altbewährte Muster, mit denen Stadlober seine gitarrenverliebten Songs komponiert, seine eingängige Leadstimme wird regelmäßig mit Hilfe von Astrid Noventa zu hinreißendem Satzgesang, und das Schlagzeug von Rasmus Engler (der auch bei der Band Herrenmagazin spielt) ist zurückhaltend solide, ein waschechter Taktgeber, der, wenn er denn mal die Hauptrolle übernehmen darf, zeigt, dass das Sprichwort «Es gibt Musiker und es gibt Schlagzeuger» eine Lüge ist.
Der Sommer des Jahrzehnts kann kommen
Dazu gibt es hier und da ein paar Bläser oder Cello-Untermalung, ganz selten macht sich Stadlobers Stimme mal auf zu schreien, ein wenig agressiver zu werden, und am Ende, nach elf grundsoliden Stücken, schließen Gary ihre Platte mit dem herzzerreißenden My Pace, im dem es heißt: «In novels, it always sounds so pretty, but in live, it's just gritty.» Und dieses staubige Leben, das haben Gary im Blut, der Weg zum zweiten Album war hart, noch immer liegen die teils heftigen Kritiken am Wegesrand. Doch Gary sind weitergegangen, haben sich weiterentwickelt, musikalisch und handwerklich, ohne diesen Hauch von Improvisation, der dem ersten Album The Lonely Cnorve Machine noch anhaftete, ganz abzulegen.
So verkopft all das klingen mag, entpuppt sich One Last Hurrah For The Lost Beards Of Pompeji doch als ein Album voller Spielfreude. Hinter den wichtigtuerischen Titeln und der intellektuellen Attitüde verbergen sich im positivsten Sinne schlichte Musik und schlichte, poetische Texte, und hinter der Melancholie lauert ein ansteckender Optimismus, mit dem Gary etwa den Summer Of The Century ausrufen. Mit dieser Platte im Gepäck kann er kommen.
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