Fr., 10.02.12

«Kommissar Stolberg» Kammerspiel des Verbrechens

Von news.de-Redakteur Florian Blaschke

Artikel vom 16.04.2010

Kommissar Stolberg ermittelt wieder und gleich der erste Mord gibt Rätsel auf: Ein Staatsanwalt wird in seinem Sessel erschossen, ohne Spuren, ohne Motiv. Ein kniffliger Fall mit einer ungewöhnlichen und großartig inszenierten Hauptfigur: einem Haus.

Gerade eben saß Oberstaatsanwalt Ulrich Gehrmann (Krystian Martinek) noch gemütlich in seinem Sessel, klassische Musik im Hintergrund, seine Frau Violetta (Marie Lou Sellem) telefoniert nebenan mit ihrer besten Freundin, gerade einmal eine Minute lang. Als sie zurückkommt, fröhlich plaudernd, sitzt ihr Mann zwar immer noch dort, aber gemütlich sieht das nicht mehr aus, mit diesem kleinen, aber tödlichen Loch im Kopf. Friedlich dafür umso mehr.

Es ist ein Mord, der eigentlich nie hätte passieren dürfen. Erst kürzlich hatte Gehrmann ein Mitglied des Erkal-Clans, einer türkischen Rotlicht-Familie, hinter Gitter gebracht, seitdem bekommt er Morddrohungen und sein Haus wird Tag und Nacht bewacht. Doch irgendwie ist es dem kaltblütigen Täter gelungen, lautlos in das Wohnzimmer zu gehen, Gehrmann zu erschießen und ebenso lautlos wieder zu verschwinden. Kein Einbruch, keine Spuren, kein Motiv. Nur ein ganzer Haufen Fragen, den Kommissar Stolberg (Rudolf Kowalski) und seine Kollegen nun beantworten müssen.

Ein Mörder wie ein Phantom

Der erste Fall der neuen Staffel, den das ZDF heute Abend (20.15 Uhr) zeigt, knüpft nahtlos dort an, wo der letzte aufgehört hat. Wie einer Theaterbühne entsprungen wirkt das Haus der Erkals und wenn Vater Kazim (Adnan Maral) bei jedem Besuch der Polizei aus einem kleinen Fenster im obersten Stockwerk lugt, um nachzusehen, wer jetzt schon wieder stört, ist das so komisch wie originell. Und wie in einem Einmannstück schleicht Stolberg immer wieder durch den Düsseldorfer Bungalow der Gehrmanns, versucht sich in die Lage des Täters zu versetzen, mögliche Szenarien zu rekonstruieren und diesen seltsamen Ort zu verstehen, an dem ein Mörder wie ein Phanton einfach so auftauchen und wieder verschwinden kann.

Einige wenige Spuren graben Stolberg und seine Assistenten Florian Glade (Aurel Manthei) und Catharina Brandt (Annett Renneberg) dann aber doch noch aus. Die zu Rajko Cranz etwa, einem der Polizisten, die Gehrmann beschützen sollten, der aber auffällig gute Beziehungen zur Familie Erkal, allen voran zu Sohn Sami (Manuel Cortez) pflegt. Oder die zu Fabienne Brodersen (Marita Marschall), der Ex-Frau des Oberstaatsanwalts, die behauptet, ihre Ehe damals sei die Hölle gewesen. Oder die zu Gehrmanns Ehefrau. Hatte sie vielleicht auch ein Motiv? War vielleicht auch ihre Ehe die Hölle?

Immer tiefer stößt Stolberg in die Vergangenheit des vermeintlich so sauberen Juristen vor. Die eigentliche Hauptfigur aber ist weder der Ermittler, noch einer der Verdächtigen, die eigentliche Hauptfigur ist das Haus: Gehrmanns Bungalow. Von Claus Kottmann düster und stimmig in Szene gesetzt und von Andreas Zickgraf in kontrastreichen Bildern eingefangen, strahlt dieser Bau eine seltsame Anziehungskraft aus. Schön, gediegen und elegant, doch irgendwie auch dunkel, unheimlich und böse.

Kluge Verhöre, Kopfarbeit und konzentrierte Ermittlungen

Dazu hat Regisseur Michael Schneider nach dem Drehbuch von Sönke Lars Neuwöhner die Figuren und ihre Beziehungen untereinander drastisch zurückgefahren. Kaum etwas Persönliches erfahren wir, weder von Stolberg, der ohnehin eher Einzelgänger und Sonderling ist, noch von Gehrmann oder seiner Familie, den Erkals oder Rajko Cranz. Bei Anruf Mord - ein Titel, der eher nach Provinztheater klingt, denn nach erstklassigem Krimi - ist ein Kammerspiel des Verbrechens, mit Marie Lou Sellem, Marita Marschall, Adnan Maral oder Manuel Cortez wie immer hochrangig besetzt und bis in die Nebenrollen hinein äußerst sehenswert.

Und es ist ein Krimi, der durch seine Intelligenz besticht. Während das ZDF mit Ein Fall für Zwei und zuletzt auch Soko Leipzig von Woche zu Woche schlichter und einfallsloser wurde - das Brimborium um die Verbrechen etwa bei Soko Leipzig dafür umso größer - muss Stolberg noch wirklich denken. Keine wilden Verfolgungsjagden, keine unnötigen Schauplätze, dafür glaubwürdige Charaktere, kluge Verhöre, jede Menge Kopfarbeit und stille, konzentrierte Ermittlungen. Bloß wenn es sein muss, kann Stolberg auch anders, da muss ihm nur die Familie Erkal krumm kommen oder drohen.

Vier Folgen strahlt das ZDF an den kommenden Freitagen aus, etwa 4,3 Millionen Zuschauer hat die Serie bisher im Schnitt erreicht, und nach diesem Auftakt zur fünften Staffel dürfte diese Quote eher noch steigen. In einer solchen Besetzung und mit solchen Drehbüchern gehört Kommissar Stolberg ganz klar in die erste Riege der deutschen Fernsehkrimis.


Kommissar Stolberg: Bei Anruf Mord, Freitag, 16. April, 20.15 Uhr, ZDF.

juz/ivb/news.de
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