«Die Siedler 7» Wuselvolk in Ketten

Die Siedler 7 (Foto)
Auf Tuchfühlung mit dem Wuselvolk: Die stufenlose Kameraperspektive sorgt für ein Mittendrin-Gefühl. Bild: Ubisoft

Von news.de-Redakteurin Mandy Hannemann
Trotz kleiner Tiefschläge ist die Simulationsreihe Die Siedler ein Garant für Erfolge. Für den siebten Teil der Computerspielserie darf den Entwicklern die Brust schwellen. Es ist ein Spiel, zu dem Fans gern greifen. Eigentlich.

Die deutsche Gründlichkeit ist berühmt-berüchtigt. Doch es geht noch penibler: Ein kleines Völkchen stiehlt den echten Menschen die Show. Hier sitzt jeder Stein auf dem anderen. Und das schon seit Jahren. Die Siedler - das Wuselvolk der Ubisoft-eigenen Spieleschmiede Blue Byte - sind Erfolgsgaranten. Als Spiegelbild der technischen Revolution sind sie nicht nur bestes Beispiel für die immer höhere Leistung von Computern, sondern zeigen auch eindrucksvoll die Evolution, die die digitale Spielewelt in den vergangenen 20 Jahren erlebt hat.

Aus den einst bunten Pixelflecken, die gerade so eben als Figuren erkennbar waren, sind in Die Siedler 7 Charakterköpfe geworden. Kleine Individualisten, deren Gesten sich zwar ständig wiederholen, die aber trotzdem immer menschlicher wirken. Nur von der Freiheit werden sie wohl ewig träumen. Denn Ubisoft schnürt die Ketten immer enger um das Volk, dessen emsiges Treiben von oben beschaut einem Ameisenhaufen gleicht.

«Die Siedler 7»
Mitten im Wuselperium

Dafür allerdings wird der schwäbischen Figuren-Mentalität, die in Düsseldorf verwurzelt ist, immer mehr Raum geboten. Nachdem Die Siedler 5 selbst bei vielen Fans als zu komplex kritisiert war, hatten die Siedler-Macher mit dem sechsten Teil Aufbruch der Kulturen noch einmal auf klassische Vereinfachung gesetzt.

Nach dem Motto «Schaffe, schaffe, Häusle baue» bekommen die Siedler im siebten Teil wieder einiges mehr zu tun. Im Rahmen ihrer digitalen Grenzen sind sie globalisiert. Zumindest, was Möglichkeiten angeht, über die der Spieler seine Siegstrategie verfolgen kann. Obendrein spielt auch das für die Siedler-Reihe völlig neue Siegpunktesystem eine Rolle.

«Die Siedler 7»
Handel' dir die Finger wund
Video: Ubisoft

Taktieren statt blinder Aktionismus

War das Siedler-Imperium bislang vorrangig von militärischer Strategie abhängig, ist es nun nicht mehr zwangsläufig die Truppe, die die Konkurrenz vom Spielfeld jagen muss. Wer sich als geschickter Händler profiliert oder junge Glaubensbrüder aus der eigenen Dorfkirche dazu motiviert, sich in Bibliotheken dem technologischen Fortschritt zu verschreiben, kann die KI-Gegner ebenso vom Platz stellen wie seine Freunde, mit denen sich per Multiplayer-Modus ein Wettwuseln veranstalten lässt.

Manchmal zählt aber auch die gute Mischung aus allem. Wer die Kirche im Dorf lässt, seine Händler in alle Welt schickt und immer ein wachsames Auge auf seine Ortschaften hat, kann damit bis zur Königskrone gelangen. Mehr Rohstoffe als die virtuellen oder echten Gegner zu besitzen, die Geschäfte rollen zu lassen, seine Städte bis an den Rand der Bevölkerungsexplosion zu bringen - es gibt viele Möglichkeiten, Siegpunkte zu erzielen.

«Die Siedler 7»
Mit Strategie zum Wuselsieg
Video: Ubisoft

Und dann setzt Ubisoft neuerdings auf eine Kundenbindungsmethode, die World of Warcraft-Spielern seit geraumer Zeit bekannt ist: das Erfolgssystem. Bei Die Siedler 7 werden digitale Münzen gesammelt. Die verdienen sich die Spieler, wenn sie bestimmte Abschnitte der Simulation erfolgreich hinter sich gebracht haben. Eintauschen lassen sich diese Punkte dann online - etwa um neue Spielinhalte freizuschalten.

Hat das erfolgreichste digitale Volk derlei tatsächlich nötig? Wenn überhaupt, werden es wohl langfristige Effekte sein. Doch der Spielerfolg an sich hängt davon nicht ab. Was zählt sind Story, Grafik und Anspruch. Und technische Funktionalität.

Davon bietet Die Siedler 7 reichlich Gutes. Liebevoll feinsinnige Details stecken in einer weitblickenden Landschaft, der sich der Spieler aus stufenloser Vogelperspektive nähert, bis die Kamera praktisch an die Nase eines Siedlers stupst. Eingebettet in eine spätmittelalterliche Welt, zeugt die Story um Prinzessin Zoé, die zum Ränkespielball des eigenen Vaters wird, von maßvoll würdigem Stil.

«Die Siedler 7»
Die Gerechtigkeit siegt
Video: Ubisoft

Einsame Helden vs. Wettkämpfer

Fast ein wenig infantil begibt sich das junge Edelfräulein in die - im realen Leben - fast nicht zu erfüllende Herausforderung, einem niedergegangenen Reich eine neue Blütezeit zu bescheren. Ohne von der Territorialgier des Vaters zu ahnen, macht Zoé mit Hilfe der fleißigen Handwerker, Handelsleute und Soldaten aus den heruntergewirtschafteten Ländern wieder eine florierende Welt. Eine, in der auch Siedler-Neulinge Schritt für Schrit und mit viel Spaß lernen, die komplexen Möglichkeiten der neuen Spielwelt in allen ihren Facetten auszureizen.

Allein bei den Spielmodi bleibt rein auswahltechnisch kein Wunsch offen: die Kampagne steht den Story-Spielern offen, das Scharmützel denen, die einen herausfordernden digitalten Gegner schätzen, den sozialen Gamern der Mehrspielermodus und nicht zu vergessen die Option «Imperium», in der die Messlatte für jene gelegt wird, die sich auf den Online-Ranglisten wiederfinden wollen.

Die Videosequenzen zwischen den einzelen Spielabschnitten innerhalb der Kampagne reichen bereits bestens an Blockbusterqualität heran, was die Gestaltung angeht. Die dreidimensionalen Effekte und liebevollen Animationen im spielerischen Bereich machen Laune - und verbannen den Zeitgedanken bisweilen aus dem Kopf. Nur bei etwas langwierigeren Bauphasen, schmerzt dann doch, dass es keine Möglichkeit gibt, das Spieltempo zu erhöhen.

Wer sich langweilt, zoomt dann einfach den Kamerawinkel auf den kleinsten Ausschnitt, und wandert den Figuren nach. Das lohnt sich, denn die Aktionen der Siedler sind runder geworden. Was hier im Kleinen stimmt, zeigt sich auch in größerem Zusammenhang. Die Ecken und Kanten aus der Ortschaftsgestaltung sind fast gänzlich verschwunden. Wer auf stadtplanerisches Chaos steht, kann sich so richtig austoben. Jedes baubare Gebäude lässt sich um 360 Grad drehen, die Zielsuche der Handwerksleute variabel gestalten. Gehen den Förstern im nahen Umkreis die Bäume aus, lassen sich weiter entfernte Waldgebiete problemlos als Ziel ansteuern, ohne gleich neue Gebäude bauen zu müssen. Die Siedler stört es wenig, dass sie, um ihre Arbeit zu verrichten, einmal quer durch die größte Ortschaft rennen müssen.

Drama um den Kopierschutz

Um Die Siedler 7 voll auszukosten, können Tage draufgehen. Es ist wohl eine der lebendigsten Umsetzungen, die die gesamte Strategiereihe bisher aufgeboten hat. Dieser siebte Teil macht wett, was die beiden Vorgänger nicht leisten konnten. Und es bietet noch immer Potenzial, das die Entwickler in Zukunft hoffentlich noch ausreizen werden.

Mit Wirtschaft, Handel und Militär als Strategiewege hat der Spieler schon viel zu tun. Doch ein Bildungssystem oder Siedlernachwuchs - auch wenn die Gefahr, dann Sims-ähnlich zu werden, nahe liegt - war bislang nicht zu sehen. Die Grundzüge dafür sind mit dem globaleren Aktionsreichtum gelegt, dem noch die Vielvölkerei fehlt. Ein glanzvoll eingängiger Sound erweist sich als Sahnehäubchen.

Doch bevor all das funktioniert, braucht es Geduld. Die Installation des Spiels von der DVD dauert unter Windows 7 gerade einmal zehn Minuten. Doch die Updates, die von den Ubisoft-Servern danach gezogen werden müssen, nehmen bei einer schnellen DSL-Leitung viermal so viel Zeit in Anspruch.

Wer Pech hat, bekommt es anschließend mit dem Pferdefuß der Ubisoft-Verkaufsstrategie zu tun. Und die ist knallhart kompromisslos. Wuseln ohne Internet? Keine Chance. Die Online-Fußfessel, die den Kopierschutz absichern soll, ist zugleich der Spieler größtes Ärgernis. Weit mehr als 100 Seiten groß ist inzwischen der Threat im Forum, unter dem die vergrätzten Siedler-Fans die Ausfälle der Ubisoft-Server akkribisch notieren.

Und so macht eben mancher Siedler 7-Käufer sogleich nach der Installation unliebsame Bekanntschaft mit der Bildschirmmeldung «Server nicht verfügbar». Andere Spieler berichten von Aussetzern, die mit dem Hinweis «Netzwerkprobleme» vom Spiel ausgegeben wurden. Besonders schlimm war das um Ostern herum zu spüren. Bei dem durchaus stolzen - aber auch angebrachten - Preis, ist der Ärger der Spieler, nicht immer dann spielen zu können, wenn sie gerade lustig sind, absolut berechtigt. Eben weil Die Siedler 7 kein Online-Spiel im Sinne des Erfinders sind.

Das spricht nicht gerade für Gründlichkeit. Und noch weniger für den zweiten Aspekt, den sich Ubisoft mit der Dauerinternetverbindung erhofft: Die Spieler stärker dazu zu bewegen, die hauseigene Community Uplay zu nutzen. Denn umgehen lässt sich der Treffpunkt nur bedingt. Immer braucht, wer den neuen Siedler-Teil spielen will, von Anfang an ein Konto, unter dem die Spielstände abgespeichert werden. Die eigenen Leistungen und Fortschritte mit anderen Spielern zu vergleichen ist dafür nur ein Grund.

Fazit: Die Vorschusslorbeeren, die sich Ubisoft gleich selbst auf die Spielhülle prägt - nämlich das «Spiele-Highlight 2010» - ist für den siebten Siedler-Teil durchaus berechtigt. Ein Höhepunkt des Jahres ist es mit Sicherheit. Dafür sorgen die feine Grafik, die neue Vielfalt spielerischer Elemente, herrliche Animationen und eine durchaus sinnige Story. Dass zudem Macianer und Besitzer einiger hochgezüchteter Laptops in den Genuss kommen, ist ein längst überfälliger Pluspunkt.

Aber bei aller Liebe: Muss der wirtschaftlich durchaus verständliche Wille, die kreative Leistung zu schützen und die Unternehmensbilanzen aufzupolieren, wirklich derart rigoros sein? Ist die Maxime «einfach spielen» nichts mehr wert? Einen Gefallen tut sich Ubisoft mit der Online-Fußfessel definitiv nicht. Heute nehmen Spieler (die testende Redakteurin eingeschlossen) das bereits 14 Jahre alte Die Siedler 2 noch immer mal gern aus dem Regal, um spielend in Erinnerungen zu schwelgen. Die Siedler 7 wird diese Ehre in zehn Jahren vielleicht nicht mehr zuteil - allein des Kopierschutzes wegen. Das aber hat das inhaltlich solide Spiel nicht verdient.

Titel: Die Siedler 7
Genre: Strategiesimulation
Publisher: Ubisoft
Entwickler: Blue Byte
Preis: zirka 44 Euro
Sprache: Deutsch
USK: freigegeben ab 6 Jahren
Altersempfehlung der Redaktion: 12 Jahre
Plattform: PC/Mac
Veröffentlichungsdatum: März 2010
Weiterspielen: Die Siedler II (PC), Anno 1404 (PC)

che/news.de

Leserkommentare (1) Jetzt Artikel kommentieren
  • Abzocke
  • Kommentar 1
  • 10.04.2010 14:11

Alles reine Abzocke und Kundenbindung. Wer braucht so etwas ?

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