Von news.de-Mitarbeiter Torben Waleczek
Mit ihrem Brief an Facebook-Chef Mark Zuckerberg hat CSU-Ministerin Ilse Aigner eine Debatte um die Sicherheit im Netz angestoßen. Bei Maybrit Illner geht der Streit in eine neue Runde.
Es ist vielleicht eine Besonderheit der politischen Verhältnisse in Deutschland, dass eine Ministerin sich gleichzeitig für die Landwirtschaft und das Internet zuständig fühlt. Ilse Aigner jedenfalls blüht in dieser Doppelrolle gerade so richtig auf. In Talkshows redet die CSU-Frau normalerweise über Genkartoffeln und Milchquoten. Aber neuerdings legt sich die Verbraucherministerin gern mit den Großkonzernen der digitalen Welt an.
Seit einigen Monaten warnt Aigner vor dem Google-Projekt «Street View», bei dem das Unternehmen ganze Straßenzüge abfotografiert und die Bilder ins Netz stellt. In dieser Woche kritisierte die Politikerin nun die Datenschutzbestimmungen beim sozialen Netzwerk Facebook. In einem offenen Brief an Unternehmens-Chef Mark Zuckerberg drohte sie, ihren Facebook-Account zu löschen, wenn das Unternehmen nicht sensibler mit persönlichen Daten verfahre.
Bei Maybrit Illner legt Aigner noch einmal nach. «Wie gefährlich ist das Internet?» heißt das Thema der Sendung - und geht es nach der Ministerin, dann muss die Antwort wohl lauten: Ziemlich gefährlich. Aigners Worst-Case-Szenario sieht ungefähr so aus: Riesige Datenkraken erstellen personalisierte Profile von Millionen Internetnutzern, verhökern die Informationen an Dritte und lassen sich dabei von niemandem in die Karten schauen.
Schützenhilfe beim Internet-Bashing bekommt Aigner von FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher, der in seinem Buch Payback zuletzt die pathologischen Folgen der Informationstechnologie beschrieben hat. «Das Multitasking der digitalen Gesellschaft zermanscht unser Gehirn», erklärt Schirrmacher - und schildert die digitale Entwicklung unserer Zeit als geradezu historische Zäsur. Die Suchmaschine Google sei das «mächtigste intellektuelle Unternehmen, das die Geschichte der Menschheit je gekannt hat», meint Schirrmacher. Um diese Umwälzung zu bewältigen, brauche es nicht weniger als eine zweite Aufklärung.
Politisch-technischer Unverstand
Google-Sprecher Kay Oberbeck bemüht sich derweil, seinen Arbeitgeber als sanften Riesen zu präsentieren. «Weltherrschaft ist nicht unser Ziel», versichert der PR-Mann. Datenmissbrauch sei schon deshalb kein Thema, weil die Nutzer dann schleunigst zu anderen Suchmaschinen wechseln würden. Auf diese Weise unterliege auch ein mächtiger Konzern wie Google einer demokratischen Kontrolle.
Ja, die Demokratie. Für einen kurzen Moment verpufft bei Maybrit Illner dann der ganze Kulturpessimismus. Denn da gibt es schließlich noch die guten Seiten des digitalen Zeitalters: Iranische Oppositionelle, die via Twitter ihre Freiheitsbotschaften in die ganze Welt schicken. Anonyme Hinweisgeber, die über die Plattform WikiLeaks Skandale öffentlich machen - zuletzt ein US-Militärvideo, das die Tötung von Zivilisten im Irak zeigt. Oder - das zeigt ein Einspielfilm - die Bewohner eines Leipziger Altenheims, die sich mit einer Spielekonsole beim virtuellen Kegeln vergnügen.
Dennoch besteht in Sachen Internet immer noch Handlungsbedarf, darüber sind sich die Talkgäste einig. Constanze Kurz vom Hacker-Verein Chaos Computer Club erwartet von Ministerin Aigner konkrete Vorschläge für mehr Sicherheit im Netz und klagt über den «technischen Unverstand» vieler Politiker. Dem Staat falle die Aufgabe zu, die Bürger vor Datenmissbrauch zu schützen.
Ob man in Europa nicht viel zu spät aufgewacht sei, will Maybrit Illner am Schluss noch wissen. «I sag immer: Lieber später als gar nie», so Ilse Aigner. Mit der Hilfe von Experten werde sie sich des Themas schon annehmen. Immerhin: Demnächst trifft sich die CSU-Ministerin mit Spitzenvertretern von Facebook zum Krisengespräch.
cvd/reu/news.de