Fr., 10.02.12

«Gesetz der Straße» Die Hölle von Brooklyn

Von news.de-Redakteur Florian Blaschke

Artikel vom 31.03.2010

Drei Cops, ein Schicksal: Gesetz der Straße - Brooklyn's Finest von Regisseur Antoine Fuquas (Training Day) läuft mit großartiger Besetzung auf ein düsteres Finale zu. Ein Film voller Gewalt und Pessimismus mit einem Happy End, das keines ist.

31.03.2010
Trailer
«Gesetz der Straße»
Video: Kinowelt

Wirft man aus der Luft einen Blick auf die Cypress Hills Houses, diese 15 siebenstöckigen Klinkerbauten aus den 50er Jahren, mitten in East Brooklyn zwischen Euclid und Fountain Avenue, umgeben von Bäumen und Wiesen, dann wirkt es fast friedlich, das Bild. Dieser Block, er sieht aus wie eine Insel inmitten des Molochs New York, einer von unzähligen grünen Flecken. Doch das Grün, es täuscht. Die Cypress Hills, sie sind die Hölle.

In dieser Hölle, den Brooklyn Projects, machen Eddie (Richard Gere), Sal (Ethan Hawke) und Tango (Don Cheadle) ihre Arbeit. Die drei Cops, die hier Streife fahren, kämpfen gegen eine der höchsten Kriminalitätsraten der Stadt, gegen Gewalt, Drogen und Korruption, gegen den Hass der Bevölkerung auf die Polizei - und gegen sich selbst, allen voran Eddie. Nach jeder Schicht streicht der Alkoholiker einen weiteren Tag aus seinem Kalender, sieben sind es noch bis zu seiner Pensionierung, ginge es nach ihm, wäre es schon vorbei, dieses Leben, diese Qual, jeden Tag den gleichen Scheiß wieder und wieder erleben zu müssen.

Ausgerechnet in seinen letzten Tagen aber muss er sich noch einmal mit Berufseinsteigern herumschlagen und sie auf einen Alltag vorbereiten, mit dem er eigentlich längst abgeschlossen hat. «Der Job macht einen fertig, Junge», sagt er zu einem der RookiesEnglisch für Neuling, Anfänger, Frischling. , «nimm ihn nicht mit nach Hause». Und damit ihm das nicht mehr passiert, geht er statt nach Hause lieber zu einer Nutte, mit der ihn eine seltsame Mischung aus väterlichen Gefühlen und sexueller Abhängigkeit verbindet.

Auf der Suche nach dem Weg ins kleine Glück

Und auch Sal will am liebsten nichts wie raus. Zuhause sitzt seine schwangere und asthmakranke Frau in einer völlig verschimmelten Bude, doch die Kasse ist leer, eine neue, eine größere, saubere Bleibe kann sich der junge Familienvater nicht leisten - noch nicht. Bei jeder Drogenrazzia ist der Hitzkopf kurz davor, das schmutzige Geld einzustecken, ständig ist er auf der Suche, nach einer Idee, nach Geld, nach dem Weg ins doch so verdiente Glück.

Am tiefsten im Sumpf aber steckt Tango. Als Undercover-Cop hat er sich über Jahre an die dicken Fische herangewanzt und ahnt, dass es ein böses Ende mit ihm nehmen wird, wenn er nicht bald abgelöst wird. Zu oft schon weiß er nicht mehr, auf welcher Seite er eigentlich steht, zu oft schon musste er mit ansehen, was in diesem Viertel hinter den Kulissen passiert, ohne eingreifen zu können. Als dann auch noch der Drogendealer Caz (Wesley Snipes), mit dem ihn eine enge Freundschaft verbindet, aus der Haft entlassen wird, fordert Tango eine Entscheidung von seinen Vorgesetzten.

Wie schon in Traning Day setzt sich Regisseur Antoine Fuquas auch in Gesetz der Straße - Brooklyn's Finest mit dem Genre des Cop-Films auseinander. Da trifft Charakterkopf auf Charakterkopf, da werden harte Worte und manchmal auch Kugeln ausgetauscht, da werden die Häuserschluchten zwischen den Wohnblocks überhöht und romantisiert, da wird die Ehre der Cops gegen die Ehre der Gangs aufgewogen, da verschwimmen die Grenzen zwischen Gut und Böse, zwischen Oben und Unten.

Und wie schon in Training Day unterwandert Fuquas dieses Genre auch in Gesetz der Straße konsequent. Beinahe eine Dreiviertelstunde braucht er, um mit Hilfe des großartig aufgelegten Trios Gere/Hawke/Cheadle überhaupt in die Geschichte einzuführen - dialoglastig, atemberaubend nah dran, unaufgeregt. In einem Reizklima aus angespannten Nerven, offensichtlicher Gewalt und unterschwelliger Angst malt er in aller Ruhe seine Charaktere aus und strapaziert damit die Geduld seines Publikums aufs Äußerste.

Klischeetüte über dem Kopf

Und selbst wenn Fuquas in der zweiten Stunde das Tempo merklich anzieht, Gesetz der Straße wird nie - auch nicht annähernd - ein Action-Film. Da mag es laut werden und hektisch, da mag es Razzien und Verfolgungsjagden geben, in vorderster Front aber kämpfen bei ihm Menschen. Sicher, auch er stülpt etwa dem Drogenboss Caz eine hübsche Klischeetüte über den Kopf, und auch seine drei Cops sind nicht ganz frei von der ein oder anderen Attitüde. Doch allein, was er über die Ausstattung, die Kamera von Patrick Murguia und die Sprache zu erzählen vermag, ist beeindruckend, auch wenn in der deutschen Version die Dialekte und Akzente völlig verloren gehen.

Vor allem mit ihren bis zu den Nebendarstellern großartig und stimmig besetzten Figuren scheren Fuquas und Drehbuchautor Michael C. Martin (der in East New York aufgewachsen ist und mit Gesetz der Straße sein Debüt gibt) immer wieder aus. Aus dem klassischen Paar aus altgedientem Cop und gelehrigem Schüler, wie es Denzel Washington und Ethan Hawke in Training Day verkörpern, machen sie die unheilige Allianz aus einem Säufer und einem blutigen Anfänger, aus dem coolen Undercover-Ermittler, wie wir ihn aus Scorseses Departed kennen, einen in die Ecke gedrängten und allein gelassenen Polizisten. Und aus dem Verlierer, den der Zuschauer ins Herz schließt, mit dem er mitfühlt, machen sie einen skrupellosen Egoisten, der nur noch sein Glück und das seiner Familie und keine Grenzen mehr kennt.

Dabei ändert der Film ständig die Distanz zum Geschehen. Mal nimmt er den Zuschauer so tief mit hinein in die Projects, in die schimmligen Flure und dunklen Höfe, diesen Sumpf aus Elend und Gewalt, dass man meint, man finde nie wieder den Weg hinaus in die Sonne - so wie Eddie, Sal und Tango. Und mal fliegt er mit ihm über die Häuser, ganz weit oben, über diese kleine Insel inmitten des Molochs New York hinweg, diesen grünen Flecken. Doch nach seinem Finale, auf das jede Szene, jeder Dialog und jede Bewegung unbeirrt hinausläuft, diesem Finale, das nur auf den ersten Blick optimistisch ist, das den Untertitel Brooklyn's Finest zu einer hämischen, hässlichen Lüge macht, weiß man: Das Grün, es täuscht. Die Cypress Hills, sie sind die Hölle.

Titel: Gesetz der Straße - Brroklyn's Finest
Regisseur: Antoine Fuquas
Hauptdarsteller: Richard Gere, Ethan Hawke, Don Cheadle, Wesley Snipes
Spielzeit: 132 Minuten
Produktionsland: USA
Produktionsjahr: 2009
FSK: ab 16 Jahren
Kinostart: 1. April 2010

amg/ivb/news.de
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