Von news.de-Redakteurin Anne Meyer-Gatermann
Ein Schnüffler, der mit einer Kröte spricht, findet ein Zehenknöchelchen in Paris - ganz klar: In Port-Nicolas ist ein Mord geschehen. Von der ungewöhnlichen Logik des Louis Kehlweiler erzählt das Hörbuch zu Fred Vargas Roman Das Orakel von Port-Nicolas.
Louis Kehlweiler ist ein schräger Typ: Er schleppt eine Kröte mit sich herum, tauft sie «Bufo» und spricht auch noch mit ihr. Er stochert in den Hinterlassenschaften von Hunden herum und findet darin ein Zehenknöchelchen - ein Mord ist geschehen, Kehlweiler ist sich sicher. Blöd nur, dass ihn das Innenministerium rausgeschmissen hat und so geht der Ex-Inspektor einer Menge Menschen mit seinem unappetitlichen Fund auf die Nerven.
Den Roman Das Orakel von Port-Nicolas von Fred Vargas gibt es jetzt als schönes Hörbuch. Auf vier CDs erzählt Sprecherin Suzanne Borsody den Krimi mit dem Zeh. Das ist stimmungsvoll und auch spannend gelungen, wenngleich sich ungeübte Vargas-Leser leicht in den vielen Figuren verirren können. Die Schauspielerin Borsody, bekannt aus Tatort, Bella Block oder Rosa Roth versteht es allerdings mit ihrer facettenreichen Stimme jeder Figur eine ganz eigene Stimmfarbe zu geben. Besonders gut gelingt ihr das mit der knarzigen Stimme der gealterten Dirne Marte. Sie versteht es auch, der Geschichte Tempo und Spannung zu geben.
Mit ihrer Stimme im Ohr sieht der Hörer Louis Kehlweiler durch den Ort Port-Nicolas streifen und unangenehme Fragen stellen. Dabei versteht er es, eine Menge Leute für sich einzuspannen: Mediävist Marc Vandoosler hatte sich eigentlich nur auf einen Nebenjob bei Louis eingelassen und hat überhaupt keine Lust, mit ihm nach Port-Nicolas zu fahren. Aber was er einmal angefangen hat, bringt er auch zu Ende. Zur Hilfe kommen den beiden auch noch der Prähistoriker Matthias Delamarre, der durch die Erde schauen kann und Historiker Lucien Devernois.
Verschlafen und verlottert: Port-Nicolas
Den Zeh findet Louis in Paris, ein Hund auf Reisen wird verfolgt und führt den Schnüffler aus Passion nach Port-Nicolas, ein verschlafenes Örtchen, das aber mit der Ankunft des Ex-Inspektors hellwach wird - vor allem der Bürgermeister ist auf der Hut, mit Recht, wie sich herausstellt. Mit dem Zeh hat der aber nur am Rande zu tun und schon bald wird Louis von der Vergangenheit eingeholt. Und natürlich ist Port-Nicolas nicht nur Touristenidylle, sondern auch ganz schön verlottert. Und dann ist da auch noch diese merkwürdige Maschine, die orakelhafte Sprüche ausspuckt, wenn man ihr eine Frage stellt.
Nebenbei ist Kehlweiler beschäftigt mit seiner Männlichkeit: Seine Freundin hat ihn verlassen, wie er glaubt, weil er nach einem Unfall eine Gehbehinderung hat. Vielleicht hätte er sich der Frau gegenüber doch nicht so verschwiegen cool verhalten sollen? Ein bisschen dicker mit seinem Kampf im Namen der Gerechtigkeit auftragen? Was für ein Zufall, dass der neue Fall ihn in den neuen Wohnort seiner Verflossenen treibt.
Mächtig viel Stoff? Stimmt, aber der ist wohl proportioniert auf vier CDs verteilt, die in einem schönen matten Pappschuber stecken. Das Orakel von Port-Nicolas ist ein Krimi voll feinsinniger Psychologie und gewitzter Kombinatorik, allerdings muss auch der Hörer hellwach sein, um bei der virtuosen Detektivarbeit am Ball zu bleiben.
Titel: Das Orakel von Port-Nicolas
Autor: Fred Vargas
Sprecherin: Suzanne von Borsody
Verlag: DAV
Spielzeit: 304 Minuten, 4 CDs
Preis: 19,99 Euro