Georg Klein Im Keller des Bären

Im Gestrüpp des Erzählens: Georg Klein erzählt in seinem Buch Roman unserer Kindheit die monströse Geschichte eines Sommers und führt uns über Abenteuerspielplätze direkt ins Herz des Grauens.

Georg Klein (Foto)
Ein preisgekürtes Buch: Roman unserer Kindheit von Georg Klein. Bild: Rowohlt Verlag

Mit den Texten von Georg Klein ist es so eine Sache: Entweder man liebt oder man hasst sie. Der Autor pflegt eine eigenwillige Erzählkultur, er breitet den Lesern keinen roten Teppich aus, sondern weist ihnen einen verschlungenen Pfad durch dichtes Gestrüpp. Aber was gibt es da nicht alles zu entdecken, während man mit dem Ärmel an Widerhaken hängen bleibt! Allzu leicht wäre man sonst durch die Geschichte gestürmt und hätte dabei so vieles verpasst.

So ähnlich hat das wohl auch der Großteil der Jury gesehen, die den Preis der Leipziger Buchmesse verliehen hat - an Georg Klein für sein aktuelles Buch Roman unserer Kindheit. Besonders spannend daran ist, dass Klein es schafft, dem Blick und der Erfahrungswelt der Kinder tiefe intellektuelle Schichten einzuflechten. Die muss man nicht unbedingt entfalten, um das Buch zu lesen, doch wer will, kann sich in Querverweisen intellektuell austoben.

Georg Klein erzählt die tief autobiografisch eingefärbte Geschichte eines Sommers in Augsburg. Das ist kein nostalgisch verklärtes Suhlen in Kindheitserinnerungen, sondern präzise und schonungslose Rückschau.

Abenteuer auf dem Sperrmüll

Es sind Ferien, das El Dorado der Kindheit: Kein Stundenplan gliedert die Zeit, nur eines zählt: Regentag oder Sonnentag? In einer Bande ziehen die Helden des Romans los: der ältere Bruder, die Zwillinge, der Wolfskopf, der Ami-Michi, die Schicke Sibylle und deren kleine Schwester. Die Truppe kutschiert den verletzten älteren Bruder in einem umgebauten Kinderwagen umher, flieht vor den fiesen Huhlenhäuslern, die in der Nachbarschaft wohnen und ergötzt sich am Testbild. Das ausrangierte Sofa im Gebüsch ist ein Abenteuerspielplatz und kein Sperrmüll.

Doch wer einen unbeschwerten Kindheitsroman voller Glückseligkeit zwischen Schwimmbad und Fahrradrennen erwartet, dem sagt Georg Klein schon im ersten Satz, was Sache ist: «Es blutet und blutet.» Ein böser Unfall zerfetzt dem älteren Bruder die Ferse und nicht nur das Fleisch seines Fußes bricht auf, in diesem Sommer sollen noch ganz andere, monströse Dinge an die Oberfläche geraten und Grausames anrichten. Was zunächst scheint, wie die kauzige aber harmlose Geschichte eines Kindheitssommers verdichtet sich zum Ende der Geschichte wie das zusammengequetschte Ende eines Akkordeons zu zutiefst verstörendem Horror.

Der klare Blick der Kinder

Anfangs nimmt Klein sich Zeit, führt in das Milieu der frühen sechziger Jahre ein und leitet das verknäulte Beziehungsgeflecht der Figuren her. Im letzten Drittel schwenkt er zur Nachtseite des Romans und erzählt atemlos, zerrt den Leser zwischen den Schauplätzen hin und her, als wälze sich die Geschichte im Albtraum. Die Kinder kämpfen sich durch ein unterirdisches Labyrinth, eine Tote birgt ein schauerliches Geheimnis unter der blütenweißen Bettdecke. Die Bilder der Erzählung werden phantastisch und gerade in ihrer Symbolkraft verstörender als jedes schnöde Beschreiben der Fakten es je könnte. In und zwischen den Zeilen tobt es.

Doch das Buch erzählt nicht nur vom Grauen, sondern auch vom Zauber dieser Kindheit. Klein nimmt uns an die Hand und führt uns zurück in die Hocke, in die Perspektive der Kinder. Er zeigt uns, wie es noch einmal war, als eine Neubausiedlung voller Mythen und Abenteuer steckte. Wie eine Erzählung alles in ihren Bann zieht und wie klar der Blick der Kinder ist.

Und er erinnert uns auch daran, wie empfänglich Kinder für Erzählungen sind. Der Ältere Bruder wird von den Freunden für seine Erzählkraft verehrt, wenn er seine Geschichten erfindet, dann wird die Welt drumherum ganz klein und die Kinder saugen jedes Wort von seinen Lippen. Auch seine Brüder, die Zwillinge, haben dieses Talent: Sie können Witze erzählen, wie kein anderer. Auf die Pointen muss sich der Leser gedulden, oft verschweigt sie der Autor aber auch. Das sei nicht etwa Quälerei, sondern ein Spiel mit der frühesten und einfachsten Form der Erzählungen, wie der Autor im Interview mit news.de verrät. Ein Witz ist dieser virtuos erzählte Roman nicht und gerade deshalb haut seine Pointe den Leser auch um.

Titel: Roman unserer Kindheit
Autor: Georg Klein
Verlag: Rowohlt
Seitenzahl: 448 Seiten
Preis: 22,95 Euro
Erscheinungsdatum: 12. März 2010

bla/news.de

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