Von news.de-Redakteur Michael Kraft
Nach 120 Minuten Pokalspiel ging Frank Plasberg mit einem brisanten Fußball-Thema in die Verlängerung. Es gab Machos, Ausrutscher und keine Gelben Karten. Dafür die Frage, wie man eigentlich ein Mann sein soll.
Zunächst: Diese Sendung kommt zu spät. 35 Minuten nach dem ursprünglich geplanten Sendebeginn, weil Bayern München gegen Schalke eine Verlängerung brauchte, um ins DFB-Pokalfinale einzuziehen. Sechs Wochen nach dem eigentlichen Aufhänger, der Affäre um Ex-Schiedsrichter Manfred Amerell, der andere Referees sexuell belästigt haben soll. Und 16 Jahre, nachdem sich Marcus Urban geoutet hat – und dafür eine hoffnungsvolle Karriere als Fußballprofi aufgab.
Der ehemalige Jugend-Nationalspieler ist diesmal der eindrucksvollste Gast bei Hart aber fair und scheinbar der lebende Beweis dafür, dass eine Karriere als Fußballprofi mit offen gelebter Homosexualität hierzulande unmöglich vereinbar ist. Urban schildert seine eigene Suche nach der sexuellen Identität, seine Angst, entdeckt zu werden. Sein Versteckspiel, das so weit geht, dass er Gegenspieler als «schwule Sau» beschimpft.
Zudem dabei: Der schwule Grünen-Politiker Volker Beck, der momentan arbeitslose Fußballtrainer Peter Neururer, der angebliche Sportjournalist Johannes B. Kerner und Rüpel-Schauspieler Claude-Oliver Rudolph. Es ist eine angenehme Runde. Man duzt sich, man ist verständnisvoll, man ist ja im Fernsehen. So gesittet wünschte man sich auch den Umgang auf manchem Fußballplatz und in den meisten Fanblöcken.
Die Höflichkeit erfreut angesichts der sonst üblichen Talkshow-Kultur kurz - wird aber stellenweise auch so langweilig, dass man sich wünscht, die Männerrunde würde in die Umkleidekabine oder das Vereinsheim eines beliebigen Amateurklubs verlegt. Es wäre spannend gewesen, ob etwa Neururer dann noch so offensiv tolerant aufträte oder ob Kerner der Versuchung hätte widerstehen können, sich mit ein paar Zoten anzubiedern.
So bleibt es Rudolph überlassen, für etwas Kontroverse zu sorgen. Er gibt den Macho vom Dienst, für den Fußballspieler «testosteronwandelnde Monster mit Killerinstinkt» sein müssen. «Ich weiß wie das Volk tickt», behauptet der selbsternannte «beste deutsche Arbeiterdarsteller». Und für ihn ist klar: Das Volk will keine Schwulen, schon gar nicht im Stadion.
Wann ist man ein Mann?
Dem hat der Rest der Runde nur politische Korrektheit entgegenzusetzen. Selbst Kerner gibt sich extrem aufgeklärt. Als Skandal-Schiri Amerell noch in seiner eigenen Sendung zu Gast war, hatte JBK aber nicht einmal ein oberflächliches Interesse an der juristischen Sachlage oder dem Verdacht, dass Amerell sein Amt missbraucht hat. Stattdessen löcherte er ihn scheinheilig mit Fragen, hinter denen nur eine Frage stand: Bist Du schwul? «Die sexuelle Neigung ist nicht entscheidend», erdreistet er sich jetzt zu sagen.
Dazwischen steht Plasberg, quasi als Spielmacher, und versucht, für die nötige Lockerheit zu sorgen. Der Macho tätschelt den Grünen – läuft da was? Putin oben ohne – ein Hoffnungsträger für die Schwulen in Russland? Am Ende gar die Frage, wer sich mit wem ein Bett teilen würde. Die Späße des Moderators misslingen durchweg – und führen zu einem Verdacht, der das Spannendste an der Sendung ist: Keiner der Heteros in der Runde fühlt sich mit dem Thema so ganz wohl. Sie wissen: Wenn es um Fußball geht, darf man Mann sein. Wenn man von Fußball spricht, muss man Mann sein. Doch nicht nur einer von ihnen steht offenbar vor der Frage: Wie geht das eigentlich?
Das ist wohl die Krux beim Thema «Schwule im Fußball». Der Sport pflegt sein Image als die denkbar härteste, ursprünglichste, virilste aller Auseinandersetzungen. Der Ball ist das Anti-Weichei. Der Fußball wird zur letzten Bastion der traditionellen Männerbilder - und zum Zufluchtsort für alle, die durch deren Auflösung in Verwirrung gestürzt wurden. Es geht um Ehre und Kampf, Zusammenhalt und Treue, Mut und Feigheit (die Beck dann auch noch Rudi Assauer vorwirft, weil sich der Ex-Schalke-Manager trotz schwulenfeindlicher Bemerkungen nicht der Diskussion stellt). Und Spieler, Trainer, Fans, Funktionäre sind allesamt Männer von altem Schrot und Korn.
Dass dies längst nicht mehr der Realität entspricht, wird in der Sendung nur kurz angerissen. Längst sind auch jede Menge Frauen unter den Fans, für die schwule Kicker allenfalls eine Enttäuschung, aber definitiv keine Bedrohung sind. Harte Hunde wie Erfolgstrainer Ottmar Hitzfeld weinen ohne Hemmungen und ohne Scham live vor einem Millionenpublikum. Und Pin-Up-Profis wie David Beckham oder Cristiano Ronaldo sind Paradebeispiele für Metrosexualität. Im Kontext des Sports hinter diese neuen Rollenbilder zu blicken, hätte sehr erhellend werden können. Doch dafür war es nach 60 Minuten Plasberg dann auch zu spät.
mat/news.de
Die Sendung war langweilig, aber das Thema ist spannend. Bezeichnend, dass sich der DFB vor so einer Runde drückt. Und dass keine Namen genannt werden. Bei fast 1000 Fußballprofis in Deutschland müsste es doch zumindest ein paar geben, bei denen es Gerüchte um Homosexualität gibt. Dass nicht einmal die thematisiert wurden, zeigt wie rückständig der Fußball da ist.
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