Von news.de-Redakteur Michael Kraft
Nach einem Roman und einem Band mit Erzählungen hat Clemens Meyer nun eine Art Tagebuch vorgelegt. In Gewalten profiliert er sich erneut als großartiger Erzähler. Und wird langsam zum deutschen Hemingway.
Die Tätowierungen. Die Zeit im Jugendknast. Der mittlerweile fast obligatorische Auftritt im Lodenmantel mit Whiskeyglas. Clemens Meyer ist nicht der typische Jungliterat. Er weiß es. Und er liebt es. Ob in Interviews oder unlängst auf der Leipziger Buchmesse: Meyer präsentiert sich gerne als der Rebell unter den wichtigen Schreiberlingen der Gegenwart, als Bukowski unter den Bildungsbürgern.
Das ist eine Attitüde, die schon durch die leichteste stilistische Unsicherheit ins Alberne kippen würde. Doch in diese Gefahr gerät der Leipziger nie. Denn zum einen weiß Meyer genau, wie wichtig Inszenierung ist und welche Freiheiten man sich dabei nehmen darf. Da kommt der Bücher- und noch mehr der Filmfreak in ihm durch. Als Junge von der Straße weiß er aber auch um die Bedeutung von Glaubwürdigkeit. Er führt beides zusammen, und deshalb ist die Rolle des unangepassten Außenseiters bei Meyer keine Pose. Er ist authentisch. Und das ist, viel wichtiger, auch sein Werk.
Kein Gramm Fett, kein Strich Schminke und kein Korn Staub
Dass er es auch darin meisterhaft versteht, mit den Notwendigkeiten des Autobiographischen und den Möglichkeiten der Fiktion zu spielen, zeigt Gewalten. Ein Tagebuch. Der Untertitel führt in die Irre. Nach dem Roman Als wir träumten (2006) und dem Erzählungsband Die Nacht, die Lichter (2008) hat er sich keineswegs an die nächste Gattung herangewagt. Aber sein neuestes Buch entstand im Rahmen der Tagewerk-Reihe der Guntram und Irene Rinke Stiftung. Und so sind alle Texte an einem Termin im Jahr 2009 verortet.
Es finden sich neben sehr privaten auch viele wichtige Ereignisse des Jahres: Winnenden, der Fall Kurnaz, der Michelle-Mordprozess. Doch anders als im klassischen Tagebuch werden die Themen überhöht, verwandelt, literarisiert. Sie werden zu Kurzgeschichten in bester (und sehr amerikanischer) Tradition.
Vor allem ein Name drängt sich auf: Ernest Hemingway. Auch der hatte diese Sprache, an der kein Gramm Fett ist, kein Strich Schminke und kein Korn Staub. Auch er hatte den lakonischen Ton von einem, der alles schon gesehen hat und sich trotzdem noch über vieles wundern kann. Und auch er spielte gerne und immer mit dem Mix von Empirie und Fiktion. Getrude Stein hat Hemingway einmal vor dem Dasein als Journalist gewarnt. Wenn er in diesem Metier arbeite, werde er keine Dinge mehr sehen, sondern nur noch Worte. Meyer will – um das Bild umzugestalten – die Worte finden, die die Dinge sichtbar machen.
Die Angst des Gejagtwerdens
In Im Bernstein, der längsten der hier enthaltenen elf Erzählungen, wird das besonders deutlich. Die Handlung ist fast banal: Der Erzähler wird gebeten, ein Drehbuch über den Guantànamo-Häftling Murat Kurnaz zu schreiben und macht sich dann ans Werk. Gerade hier, wenn Meyer über das Schreiben schreibt, wird deutlich, wie unbedingt er Kunst schaffen will und wie sehr er dennoch darauf brennt, die Wirklichkeit zu zeigen. Die Geschichte führt ein fast manisches Wandeln zwischen psychedelischen Filmszenen und marternder Recherche vor Augen.
Die Angst des Gejagtwerdens – von Ärzten, vom Geheimdienst, von Toten – und das Gefühl des Gefangenseins durchziehen gleich mehrere Geschichten. Und gerade dann kommt der Charakterzug durch, der alle Figuren Meyers so groß macht: das Begehren nach dem Ausbruch, der absolute Wille zur Freiheit – unabhängig davon, wieviel sie im Leben ausgeteilt haben oder einstecken mussten. Für Meyer gilt spätestens jetzt, was Marcel Reich-Ranicki über Hemingway gesagt hat: «Er zeigt, dass sich das Individuum erst in der Niederlage bewähren kann. Er feiert die Würde des Gescheiterten.»
bla/reu/news.de
ich habe noch nie einen lodenmantel getragen. ich weiß nichteinmal,was das ist. tätowiert bin ich seit 16 jahren und habe auch vor 16 jahren keinen aufriss darüber gemacht. als außenseiten sehe ich und sah ich mich nicht. hemingway ist mr wichtig, aber genauso hilbig, döblin, fauser, celine und viele andere. inszenieren muss ich mich nicht. wer glaubt,dass ich ein poser bin, bitte. kann er mir gerne persönlich sagen. ich bin schriftsteller, mehr nicht. was die presse oder wer sonst für bilder über mich zeichnet, kann ich nicht beeinflussen. was andere menschen über mich denken, auch nicht.
jetzt antwortenKommentar melden...und er ist trotzdem ein poser :-)
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