Gottes vergessene Kinder
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Von news.de-Mitarbeiter Tobias Köberlein
Artikel vom 21.03.2010
Max Ballauf und Freddy Schenk sind ja irgendwie doch das Krimi-Pendant zum Kölner Sozialaufklärer Günter Wallraff. Auch in ihrem 45. Fall Kaltes Herz ermitteln die Kommissare wieder da, wo es besonders weh tut: Ganz unten. Und das ist auch gut so.
Kein Tatort aus Köln ohne den passenden Song. Diesmal kommt er von Lou Reed. Perfect Day heißt er – und so melancholisch wie Reed ihn singt, weiß jeder sofort, dass der Text doppelt codiert ist. Nein, dieser Tag ist verdammt noch mal alles andere als perfekt. Ein Sozialarbeiter tot, erschlagen in der Wohnung einer allein erziehenden jungen Mutter. Ein vierjähriges Mädchen – verschwunden, wahrscheinlich entführt. Und Kriminalassistentin Franziska Lüttgenjohann (Tessa Mittelstaedt) schwanger. Von einem Frosch.
Die Sache mit dem Frosch ist schon witzig. Ganz anders als der Rest des Films. Einmal im Karneval nicht aufgepasst, schon hat Kermit ein bleibendes Andenken hinterlassen. Franziska zeigt ihren Chefs ein Foto: Ein Typ mit knallgrünem Froschkostüm pirscht sich in koitaler Absicht von hinten an sie ran. Zack! Karneval vorbei, Frosch weg, Baby an Bord.
Franziskas Verzweiflung ist groß. Aber nicht so groß wie die Wut von Stefanie Karstmann (Miriam Horwitz), der Hartz-IV-Mutter des verschwundenen Mädchens. Hat sie Sozialarbeiter Steinbrück ermordet, weil der ihr Kind ins Heim stecken wollte? Wäre zu einfach. Weiß jeder, der den Kölner Tatort verfolgt. Die kleinen Leute sind eigentlich nie die Täter. Immer nur Opfer. Kann einem bisweilen auf die Nerven gehen. Doch nicht in diesem Fall, bei dem der Zuschauer lange zappelt. Das Motiv des Täters wird erst spät entlarvt – ein Verdienst der Autoren Ralf Leuther und Peter Dommschk, die mit Kaltes Herz ihr erstes Tatort-Drehbuch geschrieben haben.
Liebe und Hiebe
Ein Routinier, Thomas Jauch, hat den Film inszeniert. Und Köln sieht diesmal noch ein Stück grauer und trister aus als sonst. Ballauf (Klaus J. Behrendt) und Schenk (Dietmar Bär) bleibt nichts erspart. Sie müssen ihre Nase wieder ganz tief reinstecken in das Elend anderer. Stefanie Karstmann war mit ihrem Kind völlig überfordert, stellte es mit Schlaftabletten ruhig und schlug sich in Bars die Nächte um die Ohren. Der Vater durfte die Kleine nicht sehen, hat kein Sorgerecht. Und das Sozialamt? Die Mitarbeiter sind hilflos, hocken apathisch in ihren Büros wie Matthias Hellwig (Charly Hübner), der Kollege des Ermordeten.
«Zu wenig Geld, zu wenig Personal» – das alte Klagelied wird auch im Tatort angestimmt. Nur ein Klischee? Nein, die Wahrheit. Klischee ist die Mär vom engagierten Sozialarbeiter, der sich in eine Klientin – eine drogenabhängige Prostituierte – verliebt. Steinbrück, der Tote, war einer von denen, die so etwas machen. Und der Dank? Seine Freundin drückte weiter, bestahl ihn und schrieb mit Lippenstift «Fuck You!» an die Wohnungswand, als er sie rauswarf.
Ein Mordmotiv ergibt das aber noch lange nicht. Ballauf und Schenk retten die Frau, bevor sie sich den goldenen Schuss setzen kann. Jetzt wird es ein bisschen viel mit dem Elend. Die Geschichte hat sich da schon in eine andere Richtung entwickelt. Inzwischen geht es um Pflegekinder, die zwischen Heim und Pflegefamilie hin- und hergeschubst werden. Und um den Missbrauch von Pflegegeldern. Ja, auch mit dem Elend lassen sich Geschäfte machen. Wenn auch keine guten, wie dieser Tatort eindringlich zeigt.
Am Ende dieses sehr soliden Falls wird es dann sogar noch richtig dramatisch. Und nicht nur, weil Schenks geliebter Oldtimer während einer Verfolgungsjagd abschmiert. Kolbenfresser. Exitus für die schicke Karosse. Als der Fall geklärt ist, gibt es aber für den autovernarrten Kommissar ein Happy End. Bei Currywurst und Kölsch lächelt Schenk auf einmal eine chromblitzende Schönheit mit heißem Fahrgestell an. Wie sagt der Kölner so schön: «Et hätt noch immer jot jejange.»
Tatort: Kaltes Herz, Sonntag, 21. März um 20.15 Uhr im Ersten
cvd/tfa/news.de
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