Die jungen Milden
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Von news.de-Redakteur Michael Kraft, Leipzig
Artikel vom 19.03.2010
Ein bisschen sah es aus wie bei einem Rockfestival, und ein bisschen fühlte es sich auch so an. Die Lange Leipziger Lesenacht bot viel Spannendes aus der Welt der deutschsprachigen Nachwuchsautoren. Nur keinen Skandal.
«Die jungen Wilden des Literaturbetriebs», alle in einer Nacht. Sechs Stunden lang Lesungen in vier verschiedenen Räumen - das klingt nach einem spannenden Konzept. Und in der Tat erinnert die Lesenacht ein bisschen an ein Rockfestival: Das Publikum wandert zwischen den einzelnen Bühnen, lässt sich überraschen, entdeckt Neues. Die beinharten Fans sichern sich rechtzeitig Plätze, um bei den großen Stars auch gute Sicht zu haben.
Im größten Raum gibt es sogar eine Videoleinwand. Zu später Stunde kann sich Lokalmatadorin Ulrike Almut Sandig deshalb auch nicht verkneifen, die Leute ganz hinten im Saal über die Kamera willkommen zu heißen. «Ich hoffe, ihr haltet durch!» Doch hier ist es keine verlogene Geste von Rockstar-Solidarität, sondern wohl nur Verwunderung darüber, vor so vielen und so jungen Menschen lesen zu dürfen.
Das Konzept, Literatur so zu inszenieren und so zu konsumieren wie Popmusik, ist fast rührend romantisch. Junge Menschen begeistern sich für Schriftsteller! Sie sitzen gebannt in Räumen, in denen sonst getanzt wird! Sie lesen in den Pausen selbst bei schlechtestem Licht noch Bücher, statt zu rauchen/twittern/randalieren! Doch natürlich läuft niemand in einem Walter-Kempowski-T-Shirt rum, und das Publikum spricht auch nicht die schönsten Passagen aus Kristof Magnussons grandiosem Das war ich nicht im Chor mit.
Auch sonst geht es höchst unwild zu. «Bitte leise eintreten», mahnt ein Schild, bevor man in den größten der vier Räume kommt. Über den Toiletten hat jemand noch rasch ein paar Zettel «Damen» und «Herren» angebracht (keine Ahnung, was da sonst steht). Der Moderator wird von MDR Figaro entsandt, schwarzer Anzug, weißes Haar.
Auch das Publikum sieht brav aus. Wenn an Stellen gekichert wird, wo man sich nicht ganz sicher sein kann, ob sie wirklich lustig gemeint sind, gibt es schon mal ein paar böse Blicke vom Nachbarn oder vom Podium. In den Sitzreihen mit acht Stühlen finden sich im Durchschnitt drei Brillenträger. Die Quote an Rollkragen- und Krawattenträgern lässt sich leider nicht ermitteln, denn in dem unterirdischen Bau, der früher zu Leipzigs Stadtbefestigung gehörte, ist es bitterkalt. Zwischen den Lesungen läuft harmlose Musik, The Byrds und Lena Meyer-Landrut. Immerhin: Die junge Dame an der Theke bestätigt, dass bei all der Bildungsbürgerbeschaulichkeit mehr Bier bestellt wird als Wein.
Brustwarzen und Facebook
Josefine Berkholz darf noch gar kein Bier trinken. Sie wird erst im April 16 und ist die jüngste der Autorinnen, die bei der Lesenacht auf der Bühne stehen.«Ich lese gerne live vor Publikum», sagt die Zehntklässlerin, die schon lange bei Poetry Slams dabei ist und zu den Preisträgern des Deutschlandfunk-Wettbewerbs «Lyrix» gehört. Ihren Klassenkameraden gibt sie ihre Gedichte aber nicht immer zur Lektüre: «Manche können damit einfach nichts anfangen. Aber viele von meinen Freunden schreiben auch selber.» Es ist erst ihre dritte Lesung, aber das merkt man ihr nicht an.
Wenig später liest eine weitere Nachwuchshoffnung, in ihrem Text kommt das Wort «Brustwarzen» vor. Zweimal ist von Facebook die Rede, einer macht aus seiner Lesung eine Art Performance, indem er aufsteht. Wilder wird es nicht, auch nicht in Zeiten von Feuchtgebieten und Internet-Plagiaten. Das Skandalöseste ist noch, dass die meisten Autoren nicht «Guten Abend» sagen. «Danke» schon gar nicht.
Es bleibt Clemens Meyer überlassen, doch noch für Punkrock zu sorgen. Als er kommt, ist es im Saal so voll, dass er die Massen teilen muss, um zur Bühne zu gelangen. Und bei seinem Heimspiel lässt er sich die Chance nicht entgehen, es wenigstens noch ein bisschen aufregend werden zu lassen. Aus seinem neuesten Werk Gewalten liest er ausgerechnet die Erzählung German Amok und schlüpft darin scheinbar in die Rolle eines Serienkillers. Seine Stimme ist nach dem ersten Tag des Buchmesse-Marathons genauso tief, rau und gefährlich wie seine Texte. Und zwischendurch schickt er leicht patzig einen Fotografen weg, der ihm allzu nah gekommen war - ausgerechnet als im Text die Worte «Klick, klick» auftauchen.
Wild war es nicht, aber zweifellos jung - und schon allein deshalb muss die Lesenacht als Erfolg gewertet werden. Junge Menschen lehnten an den Wänden, drängten sich auf den Treppenstufen, als sei dies ein Hörsaal, in dem man etwas extrem Gewinnbringendes studieren kann. Vielleicht: das Leben.
bla/ivb/news.de
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Ich war auch dort und muss sagen: Besser hätte man es nicht beschreiben können! Es ist toll, dass sich so unglaublich viele Menschen Ü30 für Literatur begeistern lassen können. Und wenn ein T-Shirt-Stand da gewesen wär: ich hätt eins gekauft (außer: AXOLOTL). Punk is word!
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