So., 27.05.12

Daniel Depp 25.03.2010 «Ich wäre gern mal ein Bösewicht»

Daniel Depp (Foto)
Der große Bruder von Johnny Depp: Daniel Depp. Bild: C.Bertelsmann

Von news.de-Redakteurin Anne Meyer-Gatermann

Daniel Depp, der große Bruder von Johnny Depp, hat ein Buch geschrieben. News.de hat ihn auf der Leipziger Buchmesse getroffen. Im Interview erzählt er, wie es ist, wenn alle nach dem Bruder fragen, wieviel Hollywood in seinem Roman Stadt der Verlierer steckt und  verrät, was er von Avatar hält.

Herr Depp, ich habe gehört, dass Ihnen viele Fragen über Ihren Bruder Johnny Depp gestellt wurden und dass Sie nicht gerade begeistert darüber sind.

Daniel Depp: Ja, ich mag keine Live-Interviews im Fernsehen oder Radio, denn wenn dann Fragen kommen, die ich nicht beantworten möchte, ist es schwierig zu reagieren. Bei allen anderen Interviews kann man einfach sagen: Das möchte ich nicht beantworten. Es gab heute ein Live-Interview, das mich in ein sehr schlechtes Licht rückt, aber wenn das live passiert, kann ich nichts dagegen tun.

Wie geht es Ihnen damit, wenn Sie ständig nach Ihrem Bruder gefragt werden?

Depp: Das ist sehr nervig. Ich glaube, es würde niemanden gefallen, wenn alle nur nach dem Bruder fragen und nicht nach der eigenen Leistung. Das ist eine Buchmesse, also sollte man auch über Bücher reden.

Ja, dann lassen Sie uns das mal tun: Ihr Buch Stadt der Verlierer spielt in Hollywood. Was bedeutet Ihnen Hollywood, wieso haben Sie sich für diesen Ort als Setting entschieden?

Depp: Ich war schon immer von Mythologie fasziniert, von Drachen, Rittern und glänzenden Rüstungen. Und ich glaube, Hollywood ist ein Ort, der heute solche Mythen produziert. Ich habe Stadt der Verlierer geschrieben, weil es sich um Mythologie dreht: um den Cowboy- und den Biker-Mythos.

Das Hollywood in Ihrem Buch ist nicht die Traumfabrik, zu der dieser Ort gern stilisiert wird ...

Depp: Nein, überhaupt nicht! Der Teil mit der Fabrik stimmt: Hollywood ist eine Fabrik, wie die Ford-Werke in Detroit. Ford produziert Autos, Hollywood produziert Filme. In Hollywood arbeiten viele großartige Menschen, aber was mir nicht gefällt, ist, wenn Filme sich in Millionen-Dollar-Industrien verwandeln, die nur gemacht werden, um möglichst viel Geld zu verdienen und dass es immer schwerer wird, richtige Filme zu machen, die ans Herz gehen. Ich habe Avatar nicht gesehen – ich bin mir sicher, dass er visuell umwerfend ist und Cameron ist auch ein wunderbarer Regisseur – aber es ist auch so: Für einen 300-Millionen-Dollar-Film, bleiben hundert Drei-Millionen-Dollar-Filme, die niemand je finanzieren wird, auf der Strecke.

Hat Sie Hollywood auch gereizt, weil dieser Ort so künstlich ist?

Depp: Hollywood ist opernhaft. In der Oper stehen all diese Menschen in wundervollen Kostümen auf der Bühne und sie singen die Dialoge, das ist genauso realitätsfern wie Hollywood. Es ist überlebensgroß, dramatisch, melodramatisch! Von allem zu viel und deshalb macht es auch so viel Spaß, über Hollywood zu schreiben.

Und es gibt so viele schräge Vögel, die sich hervorragend als Charaktere eignen. Gibt es reale Personen, die Sie zu den Charakteren in Ihrem Buch inspiriert haben?

Depp: Ja, es gibt ein paar Parallelen, aber mein Buch ist Fiktion, es gibt also keine Figur, die eins zu eins einer realen Person entspricht. Ich habe die Charaktere erfunden und in der Story wie Schachfiguren eingesetzt. Ich hoffe natürlich, dass sie so überzeugend sind, dass man glauben kann, sie existierten wirklich.

Wie waren die Reaktionen in Hollywood auf ihr Buch?

Depp: Es kommen schon Menschen zu mir und sagen: Den Insider-Witz habe ich verstanden.

Aber es gibt doch trotzdem ein Risiko, wenn Sie sich auf reale Menschen beziehen, dass sich jemand wiedererkennt, oder?

Depp: Ja, aber dieses Risiko geht man mit jedem Buch ein, besonders wenn man über Hollywood schreibt. Bis jetzt wollte mich niemand verklagen oder fühlte sich angegriffen, ich bin gespannt, ob das noch passiert. Es gab aber Menschen, die zu mir kamen und sagten: «Können Sie das bitte ändern? Ich kenne diese Person, das ist zu nah an ihr dran». Das kann ich natürlich nicht machen, ich sagen diesen Leuten dann: «Sie glauben nur, dass es sich um diese Person handelt, ich hatte aber kein reales Vorbild.»

Lesen Sie weiter auf Seite 2, wie es mit den Spandau-Romanen weiter geht und was Johnny Depp zum ersten Buch seines Bruders gesagt hat ...

Sie haben angekündigt, noch mehr Romane über ihren Detektiv David Spandau zu schreiben. Verraten Sie uns, worum es in dem nächsten Buch geht?

Depp: Ja, sicher. Ich habe das zweite Buch gerade an den Verlag geschickt und das dritte schreibe ich gerade. Ich möchte drei Spandau-Romane schreiben, wie in einem Theaterstück in drei Akten. Der erste Akt ist Loser's Town (Stadt der Verlierer), der zweite Babylon Nights und der dritte Akt wird Devil's Dance sein. Ich hoffe, das funktioniert.

Was wird Spandau erleben? Findet er die große Liebe?

Depp: Der erste Teil von Babylon Nights spielt in Los Angeles, der zweite auf dem Filmfestival in Cannes. Da gibt es dann auch eine Frau, die auftaucht, aber ich kann natürlich nicht verraten, wie es ausgeht. Spandau ist ein Zyniker, aber Zyniker, das sind enttäuschte Romantiker. Im dritten Buch sollen die Stränge zusammen laufen. Im zweiten Buch wird Spandau eine sehr harte Zeit durchmachen. Er trifft diese Schauspielerin, die um die 40 ist, ihre Karriere geht langsam den Bach runter und dann wird sie von einem Stalker heimgesucht. Sie hat lange darüber nachgedacht, Selbstmord zu begehen, weil sie keine Rollen mehr bekommt und als der Stalker sie töten will, denkt sie: «Vielleicht sollte ich ihn gewähren lassen.» Die Schwester der Schauspielerin engagiert Spandau, damit er die Schauspielerin beschützt - und dann verlieben sich die beiden.

Wie sind Sie auf die Idee gekommen, einen Charakter wie Spandau zu erfinden?

Depp: Ich habe schon vor Jahren in Kentucky einen Roman mit einem ähnlichen Charakter geschrieben, aber es hat irgendwie nicht funktioniert. Dann kam ich nach L. A. und habe in der Filmindustrie gearbeitet, und mir ist klar geworden: Diese Figur könnte ein Stuntman sein. Ich hatte eine wunderbare Assistentin bei Twentieth Century Fox, Suzie Perkins und Suzies Vater, Gil Perkins, war ein alter Stuntman, er hat für John Ford gearbeitet, auch in Filmen mit John Wayne mitgespielt und Gil hat mir diese großartigen Geschichten von seinem Job erzählt, und als ich noch andere Stuntmänner getroffen habe, war mir klar: Da gibt es so eine Art Götter in Hollywood, die den ganzen gefährlichen Kram machen. Das sind die Typen, die für den Schaupieler von der Klippe springen. Und ich dachte: Was für ein großartiger Charakter! Das ist jemand, der mittendrin ist und gleichzeitig das Business von außen sieht. Das ist eine Figur, die für Action und Körperlichkeit sorgt.

Wie viel von der Figur Spandau steckt denn in Ihnen?

Depp: Ich habe vieles, was Spandau tut, auch getan – ich kann reiten, bin Motorrad gefahren, auf Felsen herumgeklettert, ich habe aber niemals Rodeo gemacht – obwohl mir das gefallen würde, aber man muss sehr jung und dumm sein, um das zu tun. Zwischen Spandau und mir gibt es schon Parallelen, aber ich bin nicht Spandau. Er ist sehr viel mutiger als ich.

Über einen Haudegen wie Spandau zu schreiben, ist das nicht ein bisschen wie Schauspielerei? Schlüpfen Sie beim Schreiben in die Rolle ihres Helden?

Depp: Ja, das ist ein bisschen erschreckend. Es ist nicht wie Regie führen. Ich weiß noch, wie ich die Szene auf dem Boot geschrieben habe, das ist eine sehr brutale Szene, sehr hässlich, und um zu schreiben, was die Figuren in der Szene denken könnten, musste ich mich an einen Ort versetzen, der dunkel und gruselig ist. Bei einer Liebesszene oder einem Dialog habe ich keine Probleme, aber bei dieser Szene musste ich mehrere Male eine Pause machen, weil ich gezittert habe. Das war wirklich krass. Das ist nicht wie beim Filmen, wenn jemand anderes die Szene spielt. Ja, irgendwie ist es wie schauspielern.

Die Figuren scheinen auch recht cineastisch zu sein.

Depp: Ja, das liegt vielleicht daran, dass ich alles genau vor mir sehe. Wenn ich schreibe, muss ich allein sein, ich höre nicht einmal Musik, ich sehe und höre tatsächlich alles so wie ich es schreibe. Es ist, als schaue ich mir einen Film an und schreibe auf, was ich sehe.

Haben Sie mal darüber nachgedacht, selbst Schauspieler zu werden?

Depp: Ich wäre wohl ein miserabler Schauspieler. Aber ich wäre gern einmal ein Bösewicht, das könnte mir gefallen. Aber ansonsten interessiert mich das nicht. Schauspielerei im Film kann ziemlich langweilig sein.

Herr Depp - eine Frage zu Ihrem Bruder muss dennoch sein: Johnny Depp ist Ihr kleiner Bruder und ich wette, er hat zu Ihnen aufgeschaut und Ihnen alles nachgemacht, als sie Kinder waren. Wie ist das heute?

Depp: Ich weiß nicht, ich bewundere ihn jedenfalls grenzenlos: Ich finde, er ist der beste Schauspieler seiner Generation. Er hat mir zumindest gesagt, dass er meine Arbeit auch bewundert und das macht mich sehr stolz.

Hat er Ihr Buch gelesen?

Depp: Ja, klar. Schon bevor es veröffentlicht wurde. Ich habe es ihm vorher gegeben und gesagt: Falls Du das Gefühl hast, einer der Charaktere könntest Du sein: Das ist nicht der Fall. Aber wenn du ein Problem mit dem Buch hast, werde ich es nicht veröffentlichen. Und er sagte: Nein, nein. Tu es einfach. Er hat mich sehr unterstützt. Nicht ohne Grund habe ich ihm den ersten Spandau-Roman gewidmet.

juz/reu/news.de
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