Der Zauber von Matchbox-Autos
Wollen Sie wissen, wie es bei dem Thema weitergeht?Wir informieren Sie gerne kostenlos.
Von news.de-Redakteurin Anne Meyer-Gatermann
Artikel vom 21.03.2010
Mit dem Preis der Leipziger Buchmesse in der Tasche spricht der Autor Georg Klein über sein Buch Roman unserer Kindheit und verrät news.de, wie er für die Recherche das Kind in sich hervorgelockt hat und warum ihm der Blick der eigenen Söhne Angst macht.
Herr Klein, herzlichen Glückwunsch zum Preis der Leipziger Buchmesse. Ganz ehrlich: Haben Sie gezittert, dass Helene Hegemann gewinnt?
Georg Klein: Nein, es war mir klar, dass Frau Hegemann keine Chance hat.
Ihr ausgezeichnetes Werk Roman unserer Kindheit trägt die autobiografischen Züge Ihrer eigenen Kindheit. Ich stelle mir vor, dass Sie sich erst einmal wieder dorthin zurück versetzen mussten. Das sind ja in der Regel Erfahrungen, die im Erwachsenenalter verschüttet sind. Hatten Sie eine Strategie, diese Zeit wieder aufleben zu lassen? Gab es Inspirationsquellen?
Klein: Also, meine Voraussetzungen waren erst einmal gut, weil ich mich generell sehr gut erinnern kann. Es gibt ja Menschen, die wirklich Probleme haben, sich an ihre Kindheit oder Jugend zu erinnern. Ich gehöre aber zu denen, die eine Überfülle an Erinnerungen haben und wenn es mir nur darum ginge, die blanke Information aufzuschreiben, könnte ich ohne Probleme ein paar tausend Seiten damit füllen. Aber ich habe gemerkt, dass es Erinnerungen gibt, die in einer besonderen Weise schwanger sind, man spürt eine Sättigung mit Gefühl und mit Sinn: eine kleine Szene oder eine Figur, ein Mensch, an den man vielleicht Jahrzehnte nicht mehr gedacht hat.
Grenzen Sie sich damit auch von Romanen ab, die eine Generation über Marken wie Raider oder Wetten dass ..? definiert?
Klein: Genau. Der sogenannte Generationenroman ist ein Genre, das mich als Schreibender nicht interessiert. Ich kann verstehen, dass man das gern liest, dass es ein gewisses Vergnügen bereitet, das Vergnügen dazu zu gehören. Es macht auch Spaß, es vorzulesen. Das habe ich bei Kollegen gesehen: Man setzt bestimmte Reizwörter wie Raumschiff Enterprise und da sind dann sicher im Publikum Menschen, die auch mit Raumschiff Enterprise groß geworden sind.
Finden Sie, dass es sich solche Autoren einfach machen, weil sie wissen: Das ist ein Schlüsselreiz, der funktioniert?
Klein: Ja, und es ist für die Literaturerfahrung langweilig. Es entstehen keine starken Bilder, die Verdichtung des Emotionalen ist meistens sehr gering. Es entsteht eine identifikatorische Lustigkeit. Man gehört dazu, die anderen gehören auch dazu und es gibt ein Entlastungslachen. Ich will jetzt keine Namen nennen, aber es gibt Bestseller in dieser Richtung. Dagegen habe ich gar nichts, das finde ich aber vom Schreiben her todlangweilig.
Sie legen in Ihrem Roman bewusst Widerhaken aus, an denen man sich reibt. Am Anfang sträubt sich der Text, aber genau das stellt sich dann als große Qualität heraus.
Klein: Es ist ein Aufruf und eine Herausforderung an den starken Leser oder die starke Leserin. Mir ist bewusst, dass viele Leser nicht die Startenergie aufbringen, um über die ersten zwanzig Seiten hinweg zu kommen. Aber ich halte nichts davon, dass man den Anfang so flach und süffig macht, dass man hinein rutscht. Mein Potential ist das, was die Sprache im kreativen System auslöst.
Das ist dann ein krasser Gegensatz zu journalistischen Texten, die Sie auch verfassen. Da soll der Leser ja gleich in den Text hineinrutschen.
Klein: Also in Sachen Journalismus bin ich in einer ganz glücklichen Position: Ich habe nie vor dem literarischen Schreiben journalistisch gearbeitet. Erst als ich mit dem Schreiben Erfolg hatte, konnte ich sehr frei die Formen des Feuilletons ausloten. Das macht mir bis heute eine unglaubliche Freude, allerdings aus einer sehr privilegierten Position heraus. Zum Beispiel habe ich vor Kurzem mein allererstes Interview probiert. Ich habe David Lynch interviewt und das war so aufregend! Nicht nur wegen David Lynch, sondern weil ich zum ersten Mal begriffen habe, was es bedeutet, auf der anderen Seite zu stehen. Zu fragen und durch Fragen eine Intensität zu erzeugen. Es hat geklappt, ja. Aber es hätte auch richtig schief gehen können.
Noch einmal zurück zu Ihrem Roman und zu Ihren Versuchen, sich in Ihre Kindheit zurück zu versetzen. Hat das auch etwas mit Ihnen angestellt?
Klein: Das Erlebnis war weit stärker, als ich geahnt hatte. Dass dieses Zurückversetzen in die Kindheit so viel in mir auslösen würde, hätte ich nicht für möglich gehalten. Das ist das ganze Spektrum: das Erschrecken, die Trauer und da gibt es auch Momente von einer solch süßen Wehmut.
Hat das Ihr Leben verändert?
Klein: Es hat in dieser Zeit mein Leben so verändert, dass sogar meine Familie gemerkt hat, dass ich über diesen Texten ein anderer bin und ich bin sehr gespannt darauf, wie sich das auf das weitere Schreiben auswirkt.
Haben Sie noch Kontakt zu den Menschen, die Pate für die Figuren aus ihrem Buch standen?
Klein: Die älteren Figuren sind natürlich inzwischen tot. Bei den Kindern ist es so, dass ich nur zu meinem Bruder Kontakt habe. Den habe ich im Roman aufgespalten in die Zwillinge.
Wie findet er das, dass er so gespalten ist?
Klein: Er liest jetzt seit zwei Wochen. Ich habe gestern mit ihm telefoniert und er sagt nichts dazu! Er hat nur gemeint: «Ich sitze in der Sonne und lese weiter, ganz langsam, in deinem Buch». Ich bin sehr gespannt, was er sagen wird. Bei den anderen bin ich in einem ganz merkwürdigen Zustand, einer Art Scheinschwangerschaft. Als ich schrieb, dachte ich mir: Naja, die lesen ja nicht. Es ist ganz, ganz unwahrscheinlich, dass sie entdecken, dass sie Figuren geworden sind.
Die Wahrscheinlichkeit ist jetzt, da Sie den Preis der Leipziger Buchmesse gewonnen haben, wohl nicht mehr so gering.
Klein: Ja, das Buch bekommt jetzt in relativ kurzer Zeit sehr viel Aufmerksamkeit: Meine Heimatzeitung hat mich wieder entdeckt und ein großes Interview mit mir gebracht. Wenn ich jetzt am Sonntag nach Hause komme, werde ich das E-Mail-Fach mit einem gewissen Bangen öffnen.
Zum Thema
Thema verfolgen »
Artikel kommentieren
Die Branche kann aufatmen: Den Preis der Leipziger Buchmesse hat nicht Helene Hegemann, sondern Georg Klein mehr ...
Erfolgsautor Clemens Meyer spricht über Plagiate und Konkurrenzkampf im mehr ...
Der Andrang nach E-Books und Lesegeräten hält sich noch in mehr ...