Klein schlägt Hegemann
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Von news.de-Redakteur Florian Blaschke
Artikel vom 18.03.2010
Die Branche kann aufatmen: Den Preis der Leipziger Buchmesse hat nicht Helene Hegemann, sondern Georg Klein bekommen. Auch der Publikums-Favorit Lutz Seiler musste sich dem Augsburger geschlagen geben.
Es mutet schon ein wenig seltsam an, wenn vor einer Preisverleihung die Augen aller ausgerechnet auf die Außenseiterin, ja mehr noch, auf diejenige gerichtet sind, die den Preis mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht bekommt. Bei der diesjährigen Leipziger Buchmesse und ihrem mit 45.000 Euro dotierten Literaturpreis aber war genau das der Fall. Fünf Autoren wurden nominiert, die Schlagzeilen aber bekamen fast ausschließlich Helene Hegemann und ihr Axolotl Roadkill.
Dass schlussendlich nicht sie, sondern Georg Klein für seinen Roman unserer Kindheit den Preis bekommen hat, ist trotzdem die logische Konsequenz. Schließlich hatte die Jury Hegemann nominiert, bevor sie von dem mittelgroßen Plagiats-Eklat erfahren hatte. Der 17-Jährigen jedoch in diesem Wissen den Preis zu verleihen, wäre wohl so etwas wie eine Bankrotterklärung gewesen, sitzen doch in der Jury hochrangige Literatur-Journalisten wie Verena Auffermann oder Adam Soboczynski. Und so konnte man an diesem Donnerstag den Stein, der der Branche vom Herzen gefallen sein dürfte, förmlich plumpsen hören.
Jan Faktors Georgs Sorgen um die Vergangenheit oder Im Reich des heiligen Hodensack-Bimbams von Prag konnte zumindest vom Titel her gegen die Medienpräsenz der Berlinerin ankämpfen. Sein skurriler Roman über den Titelhelden Georg, der mitten im kalten Krieg in einem Prager Frauenhaushalt aufwächst, war am Ende jedoch genauso aus dem Rennen wie Lutz Seilers Die Zeitwaage, der Publikumsfavorit.
Ein dämonisch-phantastisches Buch
Bei der Internet-Abstimmung der vergangenen Wochen hatten 37,9 Prozent der rund 1000 teilnehmenden Literaturfreunde für den Band votiert. In Seilers keineswegs harmlosen Erzählungen geht es zumeist um bittere Erfahrungen wie Isolation, Sprachlosigkeit und Gewalt in einem versunkenen Ostdeutschland, dessen Innenstädte und Fabrikhallen ähnlich marode und verwüstet sind wie die Seelen und Gefühle vieler Menschen. Eine Kindheit und Jugend im «Chemiedreieck» im Schatten der giftspeienden Schlote von Bitterfeld kommt ans Tageslicht, es geht um quälend lange Schultage, das endlose Warten auf den ersten Kuss, die Angst vor einem tyrannischen Hausmeister, der wie ein böser Geist im Keller der Schule hockt oder die Knüppel, mit denen die halbstarken Jungs die Kastanienbäume traktieren.
Preisträger Klein wirft in seinem Roman einen Blick zurück auf eine süddeutsche Stadt in den frühen 60er Jahren. Zwischen Neubauten und Kasernen, einer Laubenkolonie und einem verlassenen Wirtshaus begegnen Kinder einem Mann ohne Gesicht: der mysteriöse Kommandant Silber. Als ein tauber Sittichzüchter die Ermordung eines der Siedlungskinder prophezeit, müssen der ältere Bruder und seine Freunde «das Böse durch einen großen magischen Tauschhandel» bannen. Als «radikal autobiografisches und dämonisch-phantastisches Buch» beschreibt es der Rowohlt-Verlag.
«Überbordend poetisch wird hier ein Zeitpanorama entfaltet, das die Unterwelt der großen, bösen Erzählungen der alten Männer mit den leuchtenden Farben des Sechziger-Jahre-Sommers verbindet», urteilte die Jury. «Kinder standen noch nicht unter Dauerobservanz, ihre Phantasien konnten, wenn man so will – und der Roman will es so – noch in aller Ruhe wuchern.» Der «Roman unserer Kindheit» sei das Ergebnis des Wucherns von Angst und von Lust, von Freiheit und Abenteuer, vom Kampf gegen das Böse. Klein reagierte auf die Ehrung mit den Worten: «Ich möchte hier Gänseblümchen des Dankes aus dieser Wiese des Augenblicks rupfen.» Er wolle vor allem den Figuren im Roman danken, die nicht mehr unter den Lebenden seien: «Es braucht auch die Gunst die Toten.»
Klein wurde 1953 in Augsburg geboren. Sein großes Faible für das Schreiben entstand bereits in seiner Kindheit, doch erst seit 1998 widmet er sich ganz der Literatur. Seit 1984 schon veröffentlichte Klein erzählende Prosa. 1998 gelang ihm mit seinem Agentenroman Libidissi ein erfolgreiches Romandebüt. Sein 1999 erschienener Erzählband Die Anrufung des Blinden Fisches begeisterte die Kritik als «boshafte Begleitmusik» zur Entstehung der «Berliner Republik». Für seine Prosa wurden ihm der Brüder-Grimm-Preis und der Bachmann-Preis verliehen. Zuletzt erschien sein Roman Sünde Güte Blitz (Rowohlt 2007). Georg Klein lebt mit seiner Familie in Ostfriesland.
Häme für die Literaturkritik
Dass jedoch selbst den Namen des diesjährigen Preisträgers im Vorfeld der Buchmesse kaum jemand einmal gehört hat, ist der traurige Nebeneffekt der Causa Hegemann. Die PR des einen nimmt dem anderen eben die Butter vom Brot. Und so ist auch über die Literaturkritik viel Häme ausgeschüttet worden in den vergangenen Wochen, darüber etwa, dass sie sich durchaus nach dem Kriterium Aufmerksamkeit richtet und eben nicht immer nach der literarischen Qualität. Nur wurde Axolotl Roadkill bereits vor der Plagiatsdebatte schon als bemerkenswertes Werk gefeiert. Dass Hegemann fröhlich abgeschrieben hat, war somit wohl eher der Tropfen auf dem heißen Stein.
Fast schon nebensächlich waren an diesem Tag die restlichen Preise, die vergeben wurden, und das, obwohl Ulrich Blumenbach den Übersetzer-Preis für seine kongeniale Version von David Foster Wallaces Unendlicher Spaß bekam, ein Buch, das eigentlich als unübersetzbar galt. Blumenbach, geboren 1964 in Hannover, lebt mit seiner Familie in Basel. Er studierte Anglistik und Germanistik in Münster, Sheffield und Berlin. Seit 1993 übersetzt er Romane und Essays, unter anderem von Paul Beatty, Agatha Christie, Kinky Friedman, Stephen Fry, Arthur Miller und Tobias Wolff ins Deutsche. 2009 erhielt er den Ledig-Rowohlt-Preis.
Ulrich Raulff bekam den Preis in der Kategorie Sachbuch für Stefan Georges Nachleben. Raulff, geboren 1950 im westfälischen Hülseberg, studierte Philosophie und Geschichte in Marburg, Frankfurt und Paris. Er war Feuilletonchef der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und Leitender Redakteur der Süddeutschen Zeitung. Seit 2004 ist Raulff Direktor des Deutschen Literaturarchivs Marbach. Er hat für seine Arbeiten den Anna-Krüger-Preis für wissenschaftliche Prosa (1996) und den Hans-Reimer-Preis der Aby-Warburg-Stiftung (1997) erhalten. Zuletzt erschienen Briefe aus dem 20. Jahrhundert (Suhrkamp 2005) und Vom Künstlerstaat. Ästhetische und politische Utopien(Hanser 2006).
Die Buchbranche kann also aufatmen. Es gab keinen weiteren Eklat, keinen Skandal, keinen Faux-Pas. Einfach nur gute, preiswürdige Literatur. Wie es sich für eine Buchmesse gehört.
ivb/news.de/dpa/ddp
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