«Anders» kann ein Kompliment sein
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Von news.de-Redakteur Sebastian Haak
Artikel vom 18.03.2010
Das neue Magazin enorm zeigt eine Parallelwelt der Wirtschaft. So viel Nachhaltigkeit auf engstem Raum kann aber zu voreiligen Schlüssen verleiten, oder? Eindrücke eines Wirtschaftsredakteurs.
Eines ist es ganz sicher: anders. Das neue Vierteljahresheft enorm, Untertitel: Wirtschaft für den Menschen, hat nichts, aber auch gar nichts mit allen anderen Wirtschaftsmagazinen zu tun, die der geneigte Leser an einem gut sortierten Kiosk finden wird. Während das Prädikat «anders» in der Regel eine nette Formulierung für «furchtbar» ist, verdient enorm diese Bezeichnung im positivsten Sinne; in einem so positiven, dass nicht nur der geneigte, sondern auch der Wirtschaft sonst abgeneigte Leser, seine Freunde an der Neuerscheinung haben könnte.
enorm ist viel mehr als ein Wirtschaftsmagazin. Die schweren mattbedruckten Seiten sind so etwas wie ein Politik-Gesellschafts-Lifestyle-Heft. Und an mancher Stelle ist man versucht, zu sagen: enorm ist erst ganz zuletzt ein Wirtschaftsmagazin, auch wenn der Blickwinkel auf alle Themen durchaus ein wirtschaftlicher ist.
Und der Blick mit seiner Fokussierung auf Konzepte von Nachhaltigkeit, Ethik und damit Gutmenschentum ist so ungewöhlich, dass er eben anders ist als praktisch alles bisher Dagewesen. Wo andere Wirtschaftszeitschriften dem Leser suggerieren, wie er aus keinem Geld möglichst viel davon machen kann, geht es bei enorm eher um die Zufriedenheit, die jemand aus einer ethisch korrekten Geldanlage gewinnen kann. Wo andere Wirtschaftsblätter Geschichten zu den erfolgreichen Renditemachern bringen, geht es bei enorm um die vielen kleinen Räder im Wirtschaftsgetriebe, die nach sozialen und ethischen Gesichtspunkten wirtschaften.
Aus dem Schatten ins Licht - oder umgekehrt?
Freilich hat so viel Gutwirtschaftstum auch seine Schattenseiten, wenn schon nicht das Gutwirtschaftstum und die Menschen dahinter selbst, so zumindest das Berichten darüber. Denn wer sich enorm eine halbe Stunde lang hingibt (und das ist bei den hervorragenden Fotos ein Vergnügen), wer sich einlässt auf die dort beschriebene Art der Wirtschaftens, der kann allzu leicht der Vorstellung verfallen, so schlimm sei es doch gar nicht bestellt mit unserer Wirtschaft und den Köpfen hinten den Fassaden. Indem enorm auf 130 Seiten Beispiele für nachhaltiges und sozial verantwortliches Handeln auf der ganzen Welt präsentiert, verdichtet es einzelne Beispiele zu einem großen Ganzen. enorm bietet einer wirtschaftlichen Parallelwelt eine Plattform.
Was daran zumindest bedenklich ist? Große Teile der Wirtschaft – in Deutschland, Europa und weltweit – arbeiten eben nicht nach sozialen Kriterien, Nachhaltigkeit gilt nicht nur in der Finanzbranche als Schimpfwort. All das blendet enorm aus. Zwischen den Zeilen und vielleicht in der ein oder anderen Unterzeile verweisen die Autoren zwar darauf, dass ethische Banken kaum Einfluss auf die Branche haben. Doch in der Euphorie für die gute Seite der Wirtschaft geht das oft unter.
Das schmälert den Gesamteindruck des Heftes freilich nicht. Die kritischen Leser, an die sich enorm richtet, werden lernen die Parallelwelt an der Umwelt zu messen. Oder sie sind in ihrer eigenen Welt ohnehin so verfangen, dass sie der Rest der Wirtschaftswelt um sie herum nicht besonders interessiert.
Was bleibt, ist die Frage, ob sich das neue Magazin auf dem Markt behaupten kann. Auf einem Markt immerhin, der wenig mit Nachhaltigkeit, aber ganz viel mit Auflage, Gewinnmargen und Erlösen zu tun hat. Das erste Heft ist so anders, dass jede Prognose dazu sich verbietet. Es wird spannend, seine Zukunft zu verfolgen. Enormes Potenzial hat es auf jeden Fall.
bla/news.de
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