Leipziger Buchmesse «Jetzt wird verbal gehetzt»

Zum Auftakt der Leipziger Buchmesse hat der ungarische Historiker Gy├Ârgy Dalos den Buchpreis zur Europ├Ąischen V├Âlkerverst├Ąndigung erhalten. Im Vorfeld warnte er vor einer erneuten Hetze gegen Juden. Bis Sonntag werden 1500 Autoren und mehr als 2000 Aussteller erwartet.

Der Historiker Gy├Ârgy Dalos. Bild: ddp

Mit der Vergabe des Preises ist am Mittwochabend die Buchmesse offiziell er├Âffnet worden. Laudatorin Lerke von Saalfeld w├╝rdigte den geb├╝rtigen Ungarn beim Festakt im Leipziger Gewandhaus als «Mitteleurop├Ąer, der in der europ├Ąischen Geistesgeschichte bestens beheimatet ist». «Wie ein Meteorologe durchleuchtet Dalos jeweils die Gro├čwetterlage und die Kleinwetterlage, der Mensch ist nie Objekt der Verh├Ąltnisse, er bleibt Subjekt, im Guten wie im Schlechten», sagte die Journalistin. Der Preis ist mit 15.000 Euro dotiert.

Der Buchpreis zur Europ├Ąischen Verst├Ąndigung wird traditionell zur Er├Âffnung am Vorabend des ersten Messetages verliehen. Der 1943 in Budapest geborene Dalos wurde f├╝r sein gesamtes Werk gew├╝rdigt, besonders aber f├╝r sein j├╝ngstes Buch Der Vorhang geht auf. Das Ende der Diktaturen in Osteuropa (2009). Er leitete 1995 bis 1999 das Collegium Hungaricum Berlin und lebt heute als freier Schriftsteller in Berlin und Budapest.

Dalos warnte vor der Preisverleihung vor neuen Gewaltausbr├╝chen gegen Juden in seiner Heimat. «Jetzt wird verbal gehetzt, aber es ist nicht mehr weit bis zu t├Ątlichen Angriffen. Im Fall der Roma ist dies bereits geschehen», sagte Dalos. Entt├Ąuscht zeigte er sich generell ├╝ber das seiner Meinung nach fortschreitende Verschwinden europ├Ąischen Geistes in Osteuropa nach dem Fall des Eisernen Vorhangs 1989.«Das ist ein bisschen desillusionierend, aber vielleicht ist auch jede verwirklichte Idee etwas, das mit dem Verlust von Illusionen gepaart ist», sagte er.

Nominierung f├╝r Helene Hegemann

Mit dem Preis w├╝rdigen die Stadt Leipzig, der Freistaat Sachsen, die Leipziger Messe und der B├Ârsenverein des Deutschen Buchhandels seit 1994 Pers├Ânlichkeiten, die sich als Buchautor um das gegenseitige Verst├Ąndnis in Europa, vor allem mit den L├Ąndern Mittel- und Osteuropas, verdient gemacht haben.

Auf der Buchmesse und dem dazugeh├Ârigen Literaturfest Leipzig liest werden bis Sonntag 1500 Autoren und mehr als 2000 Aussteller aus 39 L├Ąndern erwartet. Auch die beiden deutschen Literaturnobelpreistr├Ąger G├╝nter Grass und Herta M├╝ller wollen kommen. Schon am ersten Messetag wird die n├Ąchste bedeutende literarische Auszeichnung verliehen: der Preis der Leipziger Buchmesse. Er ist mit 45.000 Euro dotiert, die sich auf drei Kategorien aufteilen. Nominiert ist unter anderem Jung-Autorin Helene Hegemann mit ihrem umstrittenen Deb├╝t Axolotl Roadkill.

Die Kritik an dieser Nominierung war in den vergangenen Wochen nicht abgerissen. Unter anderem haben sich die Schriftsteller G├╝nter Grass, Christa Wolf und Sybille Lewitscharoff dazu ge├Ąu├čert. Ein per Plagiat entstandenes Werk wie Hegemanns Axolotl Roadkill besch├Ądige den Preis, sagte Lewitscharoff dem Sender MDR Figaro. Durch eine solche Praxis verrohe die Ware Buch. Der Rang auf einer Bestsellerliste und Verkaufszahlen d├╝rften keine Kriterien f├╝r eine Nominierung sein. Lewitscharoff (55) hatte den Preis der Leipziger Buchmesse 2009 f├╝r ihren Roman Apostoloff bekommen.

Optimismus in der Branche

F├╝r den deutschen Buchhandel hat das Jahr 2010 mit einem Umsatz-Minus von 3,6 Prozent begonnen. Das Gesch├Ąft lief im Januar und Februar wegen des kalten Winters und des Fehlens eines umsatzstarken Bestsellers schlechter als 2009, wie der Vorsteher des B├Ârsenvereins des Deutschen Buchhandels, Gottfried Honnefelder, sagte. Dennoch blicke der Sortimentsbuchhandel optimistisch auf die kommenden Monate.

2009 war der Umsatz um 2,8 Prozent gestiegen, real - also mit Einrechnung der Inflationsrate - allerdings im klassischen Einzelhandel um 1,6 Prozent zur├╝ckgegangen, wie das Statistische Bundesamt in Wiesbaden am Mittwoch mitteilte. «Wir sind sehr gut gestimmt f├╝r 2010, das Minus der ersten beiden Monate schreckt niemanden», sagte Honnefelder.

Von einer Verdr├Ąngung des Buches durch digitale Medien k├Ânne nach wie vor keine Rede sein. Vielmehr sei es so, dass beide Branchen gleichzeitig expandierten. «Je st├Ąrker der digitale Markt w├Ąchst, umso mehr w├Ąchst auch der Buchmarkt», sagte Honnefelder mit Blick auf die Entwicklung der vergangenen Jahre. Zudem w├╝rden sich die Buchh├Ąndler wieder mehr auf ihre wichtigste Kompetenz, die Auswahl von Literatur, besinnen, die das Internet nicht bieten k├Ânne.

bla/ivb/news.de/dpa/ddp

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