«Eine große und ganz besondere Welt»
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Von news.de-Redakteur Florian Blaschke
Artikel vom 18.03.2010
Die Wirtschaft gilt als böse und raffgierig. Dass das nicht immer stimmt, will Thomas Friemel mit dem neuen Magazin enorm beweisen. Im Interview spricht er über die Enttäuschung nach Kopenhagen, das Umdenken in Unternehmen und das Thema Nachhaltigkeit.
Herr Friemel, mit enorm geben sie ab dieser Woche ein neues Magazin heraus. Vielleicht sollten wir eine der wichtigsten Fragen – auch deshalb, weil es sich um ein Wirtschaftsmagazin handelt – als erste klären: Was kostet das Heft?
Friemel: (lacht) Das Heft kostet 7,50 Euro.
Das ist nicht ganz wenig ...
Friemel: Das ist richtig. Wir reden aber auch über ein vierteljährliches Heft, das von der Ausstattung und vom Inhalt einen gewissen Kostenfaktor hat. Der Journalismus ist ein sehr, sehr hochwertiger und den gibt es nun einmal – und das ist ja auch richtig so – nicht umsonst.
Ich habe Google einmal nach dem Begriff «Wirtschaftsmagazin» befragt. Was schätzen Sie: Auf welcher Seite taucht enorm zum ersten Mal auf?
Friemel: (lacht) Da würde ich tippen, auf Seite 3935.
Fast, es ist Seite 7. Ob das nun ein gutes oder ein schlechtes Ergebnis ist, darüber könnte man sicherlich streiten. Sind Sie denn mit der Resonanz auf die Ankündigung, dass enorm auf den Markt kommt, zufrieden?
Friemel: Definitiv. Da haben wir großes Glück gehabt. Es ist ja schon sechs Wochen her, dass wir das Mäntelchen gelüftet haben und zu unserer großen Freude aber auch zu unserem Erstaunen sind Mediendienste wie Kress oder Meedia, aber auch andere Medien, voll darauf eingestiegen.
Nun liegt diese Aufmerksamkeit ja sicherlich auch daran, dass Sie auf Print setzen. Sie starten aber mit einer relativ bescheidenen Startauflage von 80.000, was man einen vorsichtigen Start nennen könnte ...
Friemel: Ja, wir sind vorsichtig gestartet, doch das ist eine Größe, mit der man eine Menge Leute erreichen kann. Wir sind im Markt präsent und das Ziel ist es natürlich, Auflage und Abo-Quote peu à peu zu steigern. Aber für den Anfang ist das absolut in Ordnung.
Mit Ihrer Form des Wirtschaftsjournalismus betreten Sie zumindest zum Teil Neuland. Gab es dennoch Vorlagen, an denen Sie sich orientiert haben?
Friemel: Nein. Natürlich kamen am Anfang erst einmal alle Blätter, die mit dem Thema zu tun haben, auf den Tisch, Fachmagazine genauso wie Wirtschafts-, Gesellschafts- und politische Titel. Das aber nur, um zu sehen, welche Schnittstellen es gibt. Und auch bei der Optik hatten wir eigentlich kein Vorbild.
Und wen haben Sie als Zielgruppe im Kopf?
Friemel: Auf der einen Seite wirtschaftlich und politisch interessierte Menschen ganz allgemein, aber auch Wirtschaftsführer, die sich Anregungen abholen wollen. Dann viele Studenten, nachwachsende Führungskräfte und Leute, die – ganz pathetisch – guten Willens sind, die Sachen anders denken, quer denken, die vielleicht von Wirtschaft gar nicht so viel Ahnung haben und Wirtschaftsmagazine bislang überhaupt nicht gelesen haben.
Es ist ja in den vergangenen Jahren auch durchaus schick geworden, soziales Interesse zu zeigen, darauf zu achten, welche Produkte man kauft, ohne gleich ein so genannter Öko zu sein, Stichwort «Lohas» ...
Friemel: Ich will da gar keine Barrieren aufbauen. Sicherlich achten viele Leute verstärkt auf ihren Konsum und ihr Verhalten. Das Bewusstsein nimmt zu, auch aufgrund der Finanz- und Wirtschaftskrise und der Enttäuschung nach dem Klimagipfel in Kopenhagen. Es gibt bei vielen das Gefühl, dass wir die Kurve nicht kriegen. Doch mit unserem Heft zeigen wir, dass es Ansätze und Ideen gibt, wie wir genau das doch schaffen.
Der Titel enorm beinhaltet viele Facetten. Er klingt ein wenig lapidar, hingeworfen, er klingt altmodisch, aber er plustert sich auch auf, etwas, was enorm ist, hat Bedeutung, es erstaunt. Wie ist dieser Titel zustande gekommen?
Friemel: Das ist ganz einfach. Der Titel war ganz lange unklar, wir haben aber festgestellt, dass in Besprechungen ganz oft Sätze fielen wie «Was für eine enorme Dynamik ...» oder «Was für eine enorme Kraft ...». Alles, was wir gemacht haben, war irgendwie enorm. Am Anfang war es eigentlich nur ein Witz, aber irgendwann hatten wir das dann auf dem Titel stehen, sind raus gegangen und haben Leute befragt. Und der Titel ist durchweg positiv angekommen. Was noch drinsteckt in diesem enorm ist die E-Norm, also die Ethische Norm. Das ist die Metaebene. Aber die war eine glückliche Fügung.
Der Untertitel des Magazins lautet Wirtschaft für den Menschen. Was bedeutet das konkret?
Friemel: Das bedeutet, dass wir Unternehmen beleuchten, die den Fokus auf dem sozialen Profit haben, die nachhaltig arbeiten, im wirtschaftliche, aber vor allem im sozialen oder ökologischen Bereich, um dort für den Menschen Mehrwert zu schaffen. Das schließt auch ein, dass das Wirtschaften innerhalb eines Unternehmens nach sozialen und ethischen Maßstäben korrekt abläuft.
Das heißt, er ist eine Übersetzung des Begriffs «Social Business», der in Ihrem Heft eine große Rolle spielt?
Friemel: Genau. Das ist der Kern. Darüber liegt der Begriff des «Social Entrepreneurships», des sozialen Unternehmertums. Social Business ist die Spitze des Eisberges. Wir erwarten natürlich von niemanden, so zu arbeiten, wie Mohammad Yunus das in seinen sieben Prinzipien fordert. Aber vieles davon findet sich in verschiedenen Unternehmen wieder.
Sie schreiben auch, dass enorm selbst ein Social Business ist. Können Sie ein paar Punkte nennen, was das für Ihren Arbeitsalltag bedeutet?
Friemel: Wir arbeiten tatsächlich nach den Prinzipien von Mohammad Yunus. Das heißt, dass wir mögliche Gewinne, die eines Tages vielleicht einmal entstehen, zu 100 Prozent ins Unternehmen zurückführen, in das Projekt, die Reichweite, die Ausstattung, den Umfang, aber auch in die Honorierung der Mitarbeiter. Außerdem tragen wir zur Überwindung von gesellschaftlichen Missständen bei, indem wir darüber berichten, wir arbeiten finanziell und ökonomisch nachhaltig, es wird keine Dividende ausgeschüttet an Investoren. Und ökologisch nachhaltig arbeiten wir auch. Wir analysieren zum Beispiel unseren CO2-Verbrauch und kooperieren mit Africa Promo, die für uns in Afrika Bäume pflanzen. Und das Letzte ist, wie Yunus sagt: «Do it with joy». Wir tun das Ganze mit sehr viel Freude, wobei ich nicht verhehlen möchte, dass die erste Ausgabe eine sehr schwere Geburt war. Aber Gott sei Dank haben wir den Spaß nicht verloren.
Nun kann man sich mit Ihrem Fokus ja gar nicht jedem Wirtschaftsthema widmen. Haben Sie das Gefühl, dass Sie das einschränkt?
Friemel: Nein, ganz im Gegenteil. Sie haben vollkommen recht, dass man nicht jedes Wirtschaftsthema unter diesem Fokus angehen kann. Doch wenn man sich mit Social Entrepreneurship beschäftigt, tut sich dahinter eine große und ganz besondere Welt auf, von der es wiederum Verbindungen in die – in Anführungsstrichen – normale Wirtschaft gibt. Ich habe am Anfang gedacht, man könnte dazu vielleicht einmal im Jahr etwas machen, dann ist das Thema ausgelutscht. Das ist aber bei weitem nicht so, da hat sich ein ganzes Füllhorn aufgetan. Weswegen ich jetzt schon behaupte: Wenn man die Power hätte, wäre es kein Problem, monatlich mit einem sehr, sehr vielfältigen und wahnsinnig interessanten Heft herauszukommen.
Trotzdem ist gerade der Bereich, den Sie beleuchten, noch relativ jung. Was tut sich da derzeit in Deutschland?
Friemel: Die Wirtschaft ist da erstaunlich offen. Und ich habe die Erfahrung gemacht, dass der Wandel in den Unternehmen gar nicht von unten, von der Mannschaft, sondern eher von oben kommt, aus den Vorständen. Da haben viele erkannt, dass ökologisch und sozial nachhaltiges Verhalten und Arbeiten dazu beitragen, dass ein Produkt eine viel höhere Wertigkeit bekommt. Ich habe noch Barbara Kux von Siemens im Ohr, die sagte, für Siemens gebe es langfristig nur drei Themen und das sind Nachhaltigkeit, Nachhaltigkeit und Nachhaltigkeit – in allen Ausprägungen, ökonomisch, sozial und ökologisch. Und andere schließen sich da an.
Das klingt fast so, als würden Unternehmen, die gar nicht mehr so strukturiert sind, so etwas wie unternehmerische Tugenden oder Unternehmerehre wiederentdecken.
Friemel: Genau das ist es. Der ehrbare Kaufmann feiert hier fröhlich Wiederauferstehung. Das wird aber auch vom Konsumenten immer mehr eingefordert. Nicht nur der Preis spielt eine Rolle für ein Produkt, es ist auch wichtig, dass an allen Punkten nachhaltig gearbeitet wird, dass man mit den StakeholdernAls Stakeholder werden alle Personen bezeichnet, die ein ernsthaftes Interesse an einem Unternehmen oder Produkt haben. Das können Manager, Mitarbeiter oder Eigentümer sein, aber auch Kunden, Lieferanten, Geldgeber, der Staat oder auch Bürger. korrekt umgeht.
Sehen Sie es vielleicht auch als Ihre Aufgabe an, das doch arg angekratzte Image der Wirtschaftsführer – wo gerechtfertigt – wieder ins rechte Licht zu rücken?
Friemel: Das lässt sich natürlich nicht über einen Kamm scheren, wir wollen uns nicht an Greenwashing beteiligen. Wenn Wirtschaftsbosse glauben, dass sie sich mit einem Schritt in diese Richtung reinwaschen können, dann beteiligen wir uns daran nicht. Aber das merkt man zum Glück relativ schnell. Doch dass das für viele Unternehmen mit schlechtem Ruf ein Thema ist, ist klar. Ich sage aber auf der anderen Seite auch: Das Ergebnis zählt. Wenn Unternehmen sich – aus welchem Grund auch immer – in diese Richtung entwickeln, dann ist das in jedem Fall besser als nichts.
Thomas Friemel ist Chefredakteur des druckfrischen Wirtschaftsmagazins enorm. Der 42-jährige Diplom-Politologe arbeitete zurvor Chefreporter bei der Kölnischen Rundschau und dem Berliner Kurier, als Politikredakteur bei Max und in den Chefredaktionen von Hamburger Morgenpost, Matador und Player.
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