So., 27.05.12

Buchmesse 16.03.2010 Wörter, Sätze, die Welt

Franziska Gerstenberg (Foto)
News.de-Kolumnistin Franziska Gerstenberg. Bild: news.de

Von Franziska Gerstenberg

Fernsehen ist bequem. Beim Radiohören kann man gleich noch die Wäsche bügeln. Doch nichts kann mit dem Genuss eines guten Buches mithalten, meint Schriftstellerin Franziska Gerstenberg in der news.de-Kolumne. Ein Plädoyer für das Lesen.

«Wie es passiert, ist immer eine lange Geschichte.» Das ist der erste Satz eines Buches, das in meinem Regal steht, in einer ganz besonderen Ecke, sozusagen unter L wie Lieblingsbücher.

Auch L wie Lesen ist immer eine lange Geschichte. Ein Bild kann man in einer Minute erfassen, ein Lied in drei Minuten anhören – ein Buch braucht Zeit. Selbst Leute wie ich, Leute, die Bücher mögen, verlernen leicht, sich diese Zeit zu nehmen. Manchmal lese ich wochenlang nur Zeitung, manchmal sehe ich wochenlang nur fern, exakt auf dreißig Minuten getimte Serien, Käsehäppchen in meinem Alltag.

Wenn ich nach solchen Wochen ein Buch aufschlage, fehlt mir anfangs die Konzentration, meine Gedanken schweifen ab. Beim Lesen kann man nichts nebenbei tun, die Wäsche bleibt ungebügelt und es gibt keine Werbepausen. Langsam lerne ich, mich wieder auf längere Gedankengänge einzulassen, auf offene Fragen, auf Vieldeutigkeiten. Ich darf wieder selbst denken und mir zum Gelesenen meine eigenen – selten fernsehtauglichen – Bilder malen.

Indem ich mich der Erzählsprache eines Autors und seinen fremden Geschichten ausliefere, tue ich zweierlei: Ich kann meiner eigenen Realität entkommen – und ich füge ihr gleichzeitig etwas hinzu. Fernsehen ist reines Konsumieren, aber ein Buch wird erst in meinem Kopf lebendig, ich muss es zur Hälfte selbst schreiben. Ein Buch ist so viele Bücher, wie es Leser findet – und ich kann so viele Leben leben, wie ich Bücher lesen kann. Ich bin Alkoholikerin gewesen, ich habe gemordet, ich habe unter Vögeln gelebt: Die Abenteuer, die ich durch Literatur erfahren habe, machen mich als Mensch größer.

«Das muss man gelesen haben»? Quatsch!

Bücher können und dürfen kompliziert sein, Hintergründiges statt Vordergründigem verhandeln. Denn Bücher sind wie die reale Welt, die einfache Lösungen meist verweigert. Wenn ich mich beim Lesen auf Unaufgelöstes einlasse, kann ich später die Konflikte in meinem eigenen Leben besser ertragen und bewältigen.

Dabei darf Lesen jedoch nie Arbeit sein, nie Pflicht oder Sport. Nein, tatsächlich gibt es kein einziges Buch, das man gelesen haben muss. Leselisten sind die perfekten Leseverhinderer. Der echte Leser liest nämlich ausschließlich für den eigenen Gewinn. Vor anderen mit dem Wissen über Bücher oder dem Lesepensum anzugeben, das geht an der Seele des Lesens vorbei. Lesen ist eine Beschäftigung mit dem Buch, aber es ist vor allem eine Beschäftigung des Lesers mit sich selbst – und also eine zutiefst einsame Tätigkeit. Beim Lesen muss ich es mit mir allein aushalten, und nur die erzählte Geschichte hilft mir dabei. Meine Gedanken bekommen durch sie einen roten Faden.

Lesen muss Freude machen, wenn auch nicht unbedingt Spaß. Natürlich ist es gut, einem Text, der nicht gleich auf der ersten Seite hineinzieht, dennoch eine Chance zu geben. Aber wenn mich ein Buch auf Seite dreißig noch nicht überzeugt hat … dann lege ich es weg. Und wenn ein Krimi zu offensichtlich mit Cliffhangern spielt, lese ich ihn quer. Jeder entscheidet selbst, was und wie er liest, ob schnell oder langsam, ob genau oder flüchtig. Sobald man zu lesen beginnt, ist jede vorab gehörte Wertung hinfällig: Ein Buch, das mich in seiner Geschichte, in seiner Welt hält, ist in diesem Moment ein gutes Buch. Für mich. Meiner Schwester oder meinem besten Freund kann es völlig anders gehen. Aber auch für sie gibt es immer Bücher, die gerade genau richtig sind.

Darum geht es. Es gibt diese Bücher und jeder kann und sollte sie finden. Denn Lesen ist Lust. Manches neue Buch ist wunderschön. Ich schlage es auf, ich lasse das Lesebändchen durch die Finger gleiten, ich stecke die Nase ins Buch und es duftet. Nach Wald, nach Zeit, nach einem kleinen Zimmer für mich allein. Ich habe Bücher schon intuitiv gekauft, weil mir der Titel gefiel oder das Bild auf dem Cover, oder weil der Name des Autors einen besonderen Klang hatte. Eine Buchhandlung ist ein Schlaraffenland; alles, was möglich ist, hängt und duftet vor unserer Nase.

Wie man zum Lesen findet, das kann eine lange Geschichte sein. Aber es lohnt sich, diese Geschichte zu leben, Buch für Buch, Kapitel für Kapitel, Satz für Satz, Wort für Wort.

Franziska Gerstenberg ist news.de-Kolumnistin und Schriftstellerin. Sie war Mitherausgeberin der Literaturzeitschrift Edit und hat mehrere Literaturpreise gewonnen, unter anderem für ihren Erzählband Solche Geschenke. Die gebürtige Dresdnerin lebt heute in Berlin.

mik/bla/news.de
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