So., 27.05.12

«Borderline» 16.03.2010 Seelisches Hiroshima

Borderline (Foto)
Mit provokant-erotischem Auftreten versucht Kiki ihre tiefe Verletzlichkeit und die Sehnsucht nach Nähe zu überspielen. Bild: 3sat

Von news.de-Mitarbeiter Andreas Schloder

Sex, Alkohol und Partys, das sind die Probleme einer jungen Frau im Selbstfindungskampf. Die Erstausstrahlung Borderline - Kikis Story bildet den Auftakt zur fünfteiligen 3sat-Themenreihe, die Familien in ungewöhnlichen Lebenslagen zeigt. Wahrhaft grenzwertig.

Sie ist eine Bedrohung, ein seelisches Hiroshima. Eine Bombe, die jeden Moment zu platzen droht. Wie nah Kiki (Isabelle Blais) einem Nervenzusammenbruch ist, zeigen ihre vernarbten Unterarme. Seit Jahren zerschneidet sie ihre Haut mit Glasscherben aus einem zerbrochenen Spiegel. Sinnbild für ihre Seele, die in Scherben liegt. Mit ihrem Blut malt sie sich sowohl Tränen als auch einen lachenden Mund ins Gesicht. Zwei Gefühle, die sie von klein auf nicht empfinden und zeigen kann.

Mit 30 Jahren durchlebt Kiki, Tochter einer psychisch kranken Mutter und eines Vaters, der nie für sie da war, eine Zeit voller Exzesse: Sex als Mittel für Anerkennung, Alkohol und Schnittverletzungen sind an der Tagesordnung. Kurz vor ihrem Geburtstag will die junge Schriftstellerin aber dem Teufelskreis aus Bindungsangst, Enttäuschungen und unerfüllbarer Sehnsucht nach Liebe entkommen.

Neben einer Selbsthilfegruppe für Sexsüchtige verarbeitet die junge Schriftstellerin ihre Erlebnisse und Ängste in einem Buch. Ein Manuskript, an dem Kiki schon seit über zehn Jahren schreibt, aber nie richtig vorwärts kam. Genauso ist auch ihre Heilung von Rückschlägen geprägt. Kikis einzige Bezugsperson ist ihre Großmutter, die ihr aber nie Geborgenheit bieten konnte. Vielmehr ist die alte Frau damit beschäftigt, den Tod ihrer zwei Kinder zu verarbeiten. Auch mit Kikis Mutter, die in eine Psychiatrie eingewiesen worden ist, kann sie nicht umgehen.

Auf ihrer Suche nach Liebe und Anerkennung findet die hübsche Literaturstudentin scheinbar Halt bei ihrem Dozenten Tcheky (Jean-Hugues Anglade). Wenn auch einen schlechten. Der verheiratete Mann, mit dem sie eine erotische Beziehung hat, nutzt Kiki sexuell aus. Erst zu spät erkennt sie, dass die Treffen in Hotelzimmern ohne anschließendes Frühstück immer nur auf das eine hinzielen und Tcheky seine Ehefrau nicht verlassen will. Kiki scheint endgültig ihren Lebensmut zu verlieren, als auch noch ihre Großmutter stirbt. Bis Michael unbewusst in ihr Leben tritt.

Borderline - Kikis Story basiert auf den Romanen von Marie-Sissi Labreche (Borderline, La Brèche). Die kanadische Produktion von Regisseurin Lyne Charlebois geht buchstäblich unter die Haut - verletzt in einer Art, dass Kikis Leidensweg nachvollziehbar wird und betroffen macht. Ihre szenischen Ausflüge in die Vergangenheit verstärken das ganze Ausmaß ihrer Schicksalsschläge. Zwar verzichtet der Film bis auf die Schnittverletzungen auf körperliche Gewalt, die seelischen Qualen aber kommen umso intensiver zur Geltung.

Zudem schafft es der Film, die tragische Geschichte nicht zu sentimental zu erzählen, aber auch nicht zu verharmlosen. Gerade Isabelle Blais als Kiki spielt überragend, die einerseits mit ihrer Überzeugung den starken und besitzergreifenden Charakter nach außen hin darstellt, andererseits mit ihrer Natürlichkeit und Verletzbarkeit fesselt.

Borderline – Kikis Story, Dienstag, 16. März, 22.55 Uhr, 3sat

Weitere Filme der 3sat-Themen-Reihe:

Junikäfer, Donnerstag, 18. März 2010, 22.25 Uhr
Öffne meine Augen, Freitag, 19. März 2010, 22.25 Uhr
Alexandra, Freitag, 19. März 2010, 0.10 Uhr
Dummy, Samstag, 20. März 2010, 15.30 Uhr

bla/ivb/news.de
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