Das Experiment ist Trend
Wollen Sie wissen, wie es bei dem Thema weitergeht?Wir informieren Sie gerne kostenlos.
Von Robert Schimke
Artikel vom 16.03.2010
Der Leipziger Stil ist experimentell und gerade deshalb so erfolgreich: Werke junger Buchgestalter aus der Stadt räumen regelmäßig in Wettbewerben um die schönsten Bücher ab. Dabei folgen die Leipziger einer langen Tradition.
Auf der Leipziger Buchmesse sind auch Werke von jungen Buchgestaltern aus der Stadt zu sehen. Deren Arbeiten waren jüngst bei Wettbewerben wie dem um die «schönsten deutschen Bücher» oder um die «schönsten Bücher aus aller Welt» sehr erfolgreich. Besonders gut schnitten sie dabei regelmäßig in der Rubrik «Sonderfälle» ab. Dabei handelt es sich um keine bibliophilen Kostbarkeiten, keine Bücher mit Goldschnitt und Ledereinband. Die Leipziger punkten mit experimentellen Büchern.
«An den Prämierungen der vergangenen zehn Jahre sieht man, dass hier eher eine junge, experimentelle Szene entstanden ist», sagt Markus Dreßen. Er ist Professor für Grafikdesign an der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst, an der die Gestalter ausgebildet werden. In Dreßens Fachbereich lernen Grafikdesigner und Schriftschneider nicht nur die Arbeit am Computer, sondern arbeiten bis heute auch mit analoger Technik: mit echten Bleilettern, im Handsatz und mit Druckerschwärze. Kaum eine andere deutsche Hochschule bietet das noch.
Gestaltungskunst gegen verblödete Buchcover
Klackernde Walzen sind zu hören, das Geräusch, mit dem der Hebel an der Druckpresse umgelegt wird. «Das klingt unheimlich betulich», sagt Dreßen, «aber es ist gut, Schrift und Druck einmal stofflich vor Augen gehabt zu haben». Das besondere Profil der Hochschule ist auch der geschichtlichen Entwicklung Leipzigs geschuldet. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts war die Stadt zum Zentrum der deutschen Buchherstellung aufgestiegen. Mit dieser Tradition im Rücken stellen Leipzigs junge Buchgestalter Bücher her, die dem Zeitgeist trotzen.
Denn das gedruckte Buch sieht sich heute einer wachsenden Konkurrenz durch Internet und E-Books ausgesetzt. Auch die Sparzwänge in den Verlagen hätten Auswirkungen auf das gut gestaltete Alltagsbuch, weiß Jan Wenzel vom kleinen Leipziger Verlag Spector Books: «Wenn man durch die großen Buchhandlungen geht, sieht man, wie verblödet manche Buchcover sind.»
Wenzel und seine Kollegen haben vor einigen Monaten den Titel Linernotes herausgebracht – ein Buch, das von nichts anderem als vom Büchermachen handelt. Dies sei auch eine Antwort auf die Tatsache, dass «das Buch mit dem Internet ein Gegenüber bekommen hat», sagt Wenzel. Linernotes wurde mit einem Preis für seine Gestaltung bedacht. Mittlerweile sei das Buch zu einem Renner an deutschsprachigen Kunsthochschulen geworden, sagt Wenzel.
Der Leipziger Stil ist untrendig und damit voll im Trend
Elisabeth Hinrichs ist Meisterschülerin an der Leipziger Hochschule, und auch sie beherrscht beides: Computersatz und Handsatz. Gemeinsam mit zwei Kommilitonen hat sie den Band XX – Die SS-Rune als Sonderzeichen auf Schreibmaschinen gestaltet. Das Buch ist eine Sammlung von Akten aus historischen Archiven. Es hat einen grauen, schmucklosen Einband, der offene Buchrücken gibt den Blick auf Fadenbindung und Leim frei. Schön im klassischen Sinne ist das Buch augenscheinlich nicht. Für den Entwurf erhielt Hinrichs aber erst kürzlich die «Goldene Letter», eine der renommiertesten internationalen Auszeichnungen für Buchgestalter.
Hinrichs weiß, was den Leipziger Stil ausmacht, der längst über die Stadt hinaus Anerkennung findet: «ein autistisches Gespür fürs Detail und weniger für den Trend, außerdem Ruhe, Auseinandersetzung und Lust am konzeptionellen Arbeiten». Mit dem aber, was Hinrichs als untrendig bezeichnet, liegen die Leipziger Gestalter paradoxerweise im Trend.
Gute Gestaltung und eine hochwertige Ausstattung von Büchern würden immer wichtiger, sagt auch Uta Schneider, Geschäftsführerin der Stiftung Buchkunst, die jährlich Preise im Wettbewerb «Die schönsten deutschen Bücher» vergibt. Sie attestiert den jungen Buchgestaltern aus Leipzig Sorgfalt und konzeptionelle Klugheit. Verleger Wenzel findet dafür seine eigene Formel: «Wir alle lieben Bücher.»
Leipziger Ausbildungsstätten
Die heutige Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig wurde 1764 als «Zeichnungs-, Mahlerey- und Architektur-Akademie» gegründet. Als Leipzig in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zum Zentrum der deutschen Buchherstellung aufstieg, richtete sich die Ausbildung an der Leipziger Kunsthochschule zunehmend auf die Bedürfnisse der Verlagsindustrie aus. Die Schule bildete Fachkräfte im Bereich fotomechanischer Vervielfältigungstechniken, des Satzes, des Drucks und der Schriftgestaltung aus.
Bekannte Typographen wie Jan Tschichold und Albert Kapr führten die Tradition der Schule im 20. Jahrhundert und auch zu DDR-Zeiten fort. Auch nach der Wende gelang es der Hochschule, namhafte und erfahrene Lehrer im Bereich Grafikdesign, Typographie, Systemdesign und Illustration an sich zu binden. Die Verzahnung der Unterrichtsgänge der Gestalter mit denen der Maler und Fotografen, eine starke Theorieausbildung sowie gut ausgestattete druckgrafische Werkstätten an der Hochschule für Grafik und Buchkunst gelten heute als einer der Gründe für die Stärke der Leipziger Buchgestalter.
Das Institut für Buchkunst, das auf eine Gründung im Jahr 1956 zurückgeht, pflegt das historische Erbe der Leipziger Buchgestaltung und fungiert als Verleger und Herausgeber für die Titel der jüngeren Leipziger Gestalter. Auch an der Leipziger Hochschule für Wirtschaft, Technik und Kultur kann man das Büchermachen lernen, allerdings liegt der Schwerpunkt auf den wirtschaftlichen Grundlagen und den Anforderungen der Verlagswirtschaft.
tfa/bla/news.de/ddp
Zum Thema
Thema verfolgen »
Artikel kommentieren
Auf der Leipziger Buchmesse werden Tausende neue Bücher vorgestellt. Unweit davon warten eine Million alte auf neue mehr ...
Kolumnistin Franziska Gerstenberg ist diesmal eine Mörderin – in der Welt der Bücher. Ein Plädoyer für das mehr ...
Trotz wirtschaftlicher Flaute verkaufen sich Bücher gut, auch dank Herta Müller. Die Verlage sparen mehr ...