Mo., 13.02.12

Rudolf Schenker «Klar haben wir unsere Partys gefeiert»

Von news.de-Redakteur Sascha Gorhau

Artikel vom 15.03.2010

Rudolf Schenker, Gitarrist der Scorpions, plant mit der Band den Abgang von der Bühne. Vorher aber will er der Welt noch etwas mitgeben. Dafür hat er ein Buch geschrieben, das eine Mischung aus Biografie und Ratgeber ist. Wir haben ihn zum Interview getroffen.

Herr Schenker, Sie haben das Buch Rock your life geschrieben. Warum macht ein Rock'N'Roller so etwas?

Schenker: Mein Ansatz war: Der Rock'N'Roll setzt keine Grenzen. Wir als Scorpions haben uns selbst unsere Grenzen gesetzt. Durch diese langen Erfahrungen und die Lektüre einiger Bücher konnte ich irgendwann Gesetzmäßigkeiten erkennen, die mir geholfen haben. Ich bin überzeugt, sie können auch anderen helfen.

Was ist die Botschaft Ihres Buches?

Schenker: Ich wollte zeigen, dass man auch aus einer ungünstigen Situation heraus etwas machen, etwas erreichen kann. Es geht überhaupt nicht darum, ein Rockstar oder ein Superstar oder sonstwas zu werden. Mit seinem Leben, mit sich selber muss man im Reinen sein. Bei vielen Menschen konnte ich beobachten, dass in einem zentralen Zeitpunkt ihres Lebens etwas schief geht. Während ihrer Berufswahl machen Sie den Fehler und entscheiden sich für etwas rein Vordergründiges, für das sichere Geld. Da begibt man sich auf einen Weg, der irgendwann richtig eng wird. Merken sie das, dann sind sie meist schon so weit voran geschritten, dass sie Angst haben, noch einmal umzukehren. Doch es ist niemals zu spät. Das Wichtigste im Leben ist, das zu tun, was einem Spaß macht.

Das klingt aber fast schon zu einfach.

Schenker: Wenn man tun will, was einem Spaß macht, reden alle auf dich ein, dass das falsch sei. Das machen viele Eltern falsch und erzählen ihren Kindern etwas von Sicherheit im Leben durch harte Arbeit. Damit wird ein Leben in Freiheit ausgeschlossen. Die Weichen stehen dann auf einem Dasein in der Grauzone: wenig Spaß bei einem Job, der nichts anderes soll, als Geld in die Kassen spülen. Die Wirtschaftskrise hat doch erst jüngst gezeigt, wie sinnlos es ist, sich an Geld zu klammern. Die Leute haben viel Materielles verloren und sich dann geärgert. Denn logischerweise ist alles, woran sie sich geklammert haben, weggebrochen. Doch Spaß ist umsonst und außerdem ein bleibender Wert. Geld ist totes Material. Das will ich den Leuten bewusst machen.

Aber Grenzen existieren doch für jeden, egal welcher Natur die sind.

Schenker: Wer dem folgt, was ihm Spaß macht, der kann nur gewinnen. Der wird auch im entscheidenden Moment das nötige Know-How und die zündenden Ideen haben. Das ist doch der Trick an der ganzen Geschichte. Wenn man in entscheidenden Momenten in Bedrängnis gerät, dann kommen da ganz wichtige kreative Momente bei raus. Man schaltet ganz automatisch auf Überlebensmodus und setzt so eine wahnsinnige Energie frei. Aber viele gehen den Weg des einfachsten Widerstandes. Sie sind es gewohnt, immer Ausreden zu finden, in Passivität zu verfallen. Denn sie kennen nichts anderes, als vom Netz der Gesellschaft aufgefangen zu werden. Das ist ja gut und richtig, sollte aber nicht zur Ausrede werden.

Ist dieses Buch so etwas wie ihr Glaubensbekenntnis?

Schenker: Der Glaube an sich selbst, das ist mein Glauben. Man muss sich aus dem breiten Strom hervor heben. Die Leute lechzen nach Typen, die was Besonderes sind und an sich glauben. Denken Sie nur mal an Models: Die wurden früher in der Schule immer gehänselt, waren die dürren langen Giraffen. Doch irgendwann wird die vermeintliche Schwäche zur Stärke. Trends, die kommen und gehen. Aber Menschen mit Persönlichkeit sind immer aktuell. Die Herausforderung ist, dieses Besondere zu erkennen und hartnäckig zu verfolgen. Und wer ständig im Disput mit sich selber ist, bewusst durchs Leben geht, der erlangt früher oder später ein ganz natürliches Selbstbewusstsein. Dann kann man auch richtig groß rauskommen. Aber auch wenn das nicht passiert, so ist man auf jeden Fall glücklich und mit sich im Reinen.

Aber warum braucht die Welt einen Rockmusiker, der den Leuten das rät?

Schenker: Jeder kann bewusst Leben und sein Glück erreichen. Aber so etwas von einem alten Rock'N'Roller gesagt zu bekommen, da erreicht man vielleicht den ein oder anderen mehr, als wenn das ein Sesselfurzer erzählt. Die Leute sehen hinter den Scorpions nur eine Pipifax-Rockband und denken sich: Die machen den ganzen Tag eh nix anderes als Saufen. Nein. Klar haben wir unsere Partys gefeiert, aber wenn man das alles mal erlebt hat, dann wird einem erst recht bewusst, worauf es im Leben wirklich ankommt. Auch deswegen habe ich dieses Buch geschrieben. Erst neulich habe ich eine Lesung vor Leistungssportlern gehalten, sogar die konnten davon was mitnehmen.

Sportler sind sie in gewissem Sinne ja auch. Ständige Bühnenpräsenz, jahrelange Tourneen. Wie macht der Körper sowas mit?

Schenker: Man muss aufpassen. Speziell in den 1980er Jahren ist mir das bewusst geworden. Ich habe mich gefragt: Will ich mich kaputt machen mit dem ganzen Partytrubel oder auf der Bühne gut aussehen und ein Vorbild sein? Speziell den Fans gegenüber habe ich eine Verantwortung. Das spürt man vor allem in Osteuropa, wo die Musik einen viel höheren Stellenwert hat und diese Leute echt an einen glauben.

Wie schafft man es eigentlich, 45 Jahre lang als Musiker kreativ zu sein, Spaß zu haben und nicht zuletzt Geld zu verdienen?

Schenker: Mal ehrlich - im Laufe meiner langen Karriere habe ich so viele unglaublich gute Musiker kennen gelernt. Hervorragende Schlagzeuger oder Gitarristen, wirklich exzellent. Im Vergleich dazu bin ich ein eher durchschnittlicher Gitarrist, der es geschafft hat, sich durch die Schaffung eines ganz eigenen Stils oben fest zu setzen. Und, das darf man nie vergessen: Ich hatte das Glück, mir ein Umfeld aufzubauen, in dem ich mit Freunden diesen Erfolg gemeinsam erreichen und auch teilen kann. Und dadurch auch genießen. Nur mit diesem Geist der echten Freundschaft kannst Du etwas Großes schaffen. Du wirst zu einer Band, zu einer Gang, einer zusammen geschweißten Einheit.

Verändert einen der Erfolg?

Schenker: Ganz extrem sogar. Erfolg entstellt das Ego der Leute. Da reagiert jeder ganz eigen: Der eine zieht sich eher zurück, der andere fühlt sich plötzlich so groß, dass er durch keine Tür mehr passt. Wenn man dann als Gruppe auf eine tiefe Freundschaft untereinander bauen kann, dann kommt man da aber gut durch. Unsere Zerreißprobe bei den Scorpions waren die 1990er Jahre, als wir plötzlich die Idioten waren. Da durchzukommen, sich zusammen zu raufen und im entscheidenden Moment trotzdem seine Kreativität abrufen zu können, das ist ein Wahnsinnsgefühl. Jeder einzelne ist voll da und dann läuft auch die ganze Maschine.

Noch zu den Scorpions. Die lösen sich bekanntlich auf. Warum?

Schenker: Jetzt ist der perfekte Zeitpunkt. Wir sind noch voll im Saft und veröffentlichen ein Album, das die DNA der Scorpions zu 100 Prozent in sich trägt. Dazu ist Classic Rock aktuell wieder total angesagt. Auf dieser Welle wollen wir nochmal mitschwimmen. Deshalb haben wir gesagt: Wir machen das Album, gehen nochmal zweieinhalb Jahre auf Welttournee und dann hören wir auf. Schlimm wäre es, die Zeichen der Zeit zu erkennen und weiter zu machen, bis man auf der Bühne zusammenklappt.

bla/ivb/news.de
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Leserkommentare (1)
  • Kommentar: 1
  • 17.03.2010 00:03
von
Longus

das tun was einem spass macht ist leicht gesagt wenn man am tag nicht auf 100,- achten muss. gut, zugegeben...du hast sicherlich hart dafür geprobt und geübt, und nächte im übungsraum verbracht. und zum richtigen zeitpunkt noch den richtigen mann von der richtigen plattenfirma getroffen. das passiert aber nur den wenigsten. darum war dein tip nicht so überzeugend. aber bald hast du ja viel zeit, u. ich hoffe du machst dann mal ganz andere musik mit ganz anderen leuten. das standard brettgitarren-gedudel was viele machen, langweilt mich nach 30 jahren zuhören immer mehr.

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