Kurzschluss im Kopf
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Von news.de-Redakteur Florian Blaschke
Artikel vom 13.03.2010
Mit Erfrorene Rosen hat der finnische Autor und Polizist Marko Kilpi einen der ungewöhnlichsten Romane der vergangenen Jahre vorgelegt. Er ist Krimi, Gesellschaftsporträt und Entwicklungsroman in einem. Und dazu noch hochgradig spannend.
So recht mag niemand Olli Repo verstehen. Er hat doch gutes Geld verdient in der Werbebranche, hat Frau und Kind, ein glückliches Leben, wie es scheint. Doch er ist nicht glücklich, im Gegenteil. Irgendwie geht ihm der Sinn des Lebens ab, er fühlt sich ausgebrannt. Also beschließt er von einem auf den anderen Tag, alles umzukrempeln – und wird Polizist.
Sein Praktikum, das er als Anwärter ableisten muss, führt ihn ausgerechnet nach Kuopio, in seine Heimatstadt, die er hasst, die ihn an seine Kindheit erinnert, an die Kälte, an die Gewalt, an alles, was er hinter sich lassen wollte. In dieser 90.000-Seelen-Stadt in Zentralfinnland trifft er auf die Kollegen Tossavainen und Kylmänen, mit denen er zunächst so gar nicht warm werden will, auf den Kotzbrocken Ilomäki, auf seinen Vater, den er am liebsten nie wieder gesehen hätte, und auf seinen ersten Fall, der sich gleich als ganz großer Brocken herausstellt.
Mit Erfrorene Rosen legt der finnische Autor Marko Kilpi (der selbst seinen Job in der Filmindustrie aufgegeben hat, um Polizist zu werden) ein höchst ungewöhnliches Debüt vor. Dieser Roman, der 2008 mit dem Finnischen Krimipreis ausgezeichnet wurde, ist in keiner Hinsicht das, was man von einem skandinavischen Krimi erwartet. Der Ermittler, und da dürfte Kilpis Buch durchaus autobiografische Züge tragen, ist ein einfacher Polizist, ein Praktikant, keiner dieser «abgeklärten Routiniers mittleren Alters, der aufgrund seiner Arbeitsbelastung mit Alkoholproblemen kämpft und unter Einsamkeit leidet, seit sich seine Frau wegen seines zeitraubenden Berufs von ihm getrennt hat», wie der Verlag schreibt.
Atemberaubend schlichte Sätze
Und dann dieser Fall, auch der will so recht in kein Schema passen. In einem Kaufhaus geht eine Bombendrohung ein, die sich zwar als falscher Alarm herausstellt, die Repo aber – ausgerechnet durch einen Hinweis seines Vaters – auf die Fährte eines vermeintlichen Terroristen bringt. Der scheint bei jedem Gerichtsurteil, das seinem Rechtsempfinden widerspricht, ein Attentat zu verüben. Und was mit aufgeschlitzten Autoreifen beginnt, wird offensichtlich von Mal zu Mal größer. Wird der Täter am Ende über Leichen gehen? Und wer ist sein erstes Opfer?
Dazu kommt bei Kilpis Roman ein Stil, der mehr als außergewöhnlich ist. Nicht nur bleibt der Autor die ganze Zeit über im auf den ersten Seiten noch sperrigen Präsens, auch sind seine Sätze so atemberaubend schlicht, dass man nicht selten darüber stolpert. Nach und nach aber findet man sich ein in dieser Geschichte, hat sogar das Gefühl, näher dran zu sein, nicht nur Beobachter. Und schließlich zeichnet Kilpi mit Repo, Tossavainen, Kylmänen und all den anderen Figuren so realistische Charaktere, dass Erfrorene Rosen etwas Dokumentarisches bekommt.
Der Spannungsbogen ist trotz dieser Eigenartigkeiten erstaunlich hoch. Was auch an der Figur Repos liegt, die auf den ersten Blick glatt wirkt, hinter deren Fassade sich jedoch unzählige Abgründe auftun. Eigentlich gehöre er gar nicht auf die Seite der Guten, sagt Marko Kilpi über den Ermittler, der so untypisch für einen Krimi ist, wie man es gerade in der skandinavischen Literatur selten findet. Eigentlich komme er aus Verhältnissen, die ihn immer wieder auf die dunkle Seite zu ziehen drohen. Und Repo weiß das. Er kämpft ständig dagegen an.
Brillant geschildert
Repos ständig im Hintergrund lauernde Vergangenheit und die triste Szenerie dieser typisch finnischen Kleinstadt machen Erfrorene Rosen zum Gesellschaftsporträt eines Landes, das zwischen High-Tech und Vorbildfunktion auf der einen und sozialer Spaltung und Armut auf der anderen pendelt. Immer wieder gestattet Kilpi dem Leser Einblicke in die Gedanken und Gefühle seiner Figuren, immer wieder ergreift er durch sie auch Partei und bewertet das Geschehen.
Schließlich und endlich ist Erfrorene Rosen auch so etwas wie ein Entwicklungsroman, eine Charakterstudie. Repo, der zu Beginn ein unerfahrener und gutgläubiger Menschenfreund ist, verändert sich von Seite zu Seite, was neben dem Fall die größte Rolle in diesem Krimi spielt. Wie er lernt, mit seiner Angst umzugehen, ja, überhaupt Angst zu haben, wie er lernt, die Kollegen einzuschätzen, wie er merkt, dass er von seiner Karriere in der Werbebranche profitieren kann und wie er versucht sein Privatleben zu meistern – all das ist brillant geschildert. Schlicht, aber brillant. «In Ollis Kopf herrscht Kurzschluss», schildert Kilpi das Innenleben seines Protagonisten, und manchmal fühlt sich der Leser ähnlich, mitgerissen, mitgeschleift, mittendrin.
Marko Kilpi hat mit diesem Buch einen der ungewöhnlichsten Kriminalromane der vergangenen Jahre vorgelegt, ein gewöhnungsbedürftiges Debüt, das den Leser jedoch im Laufe der Geschichte immer stärker in seinen Bann zieht. Es ist ein leiser Krimi, ein nachdenklicher Krimi, psychologisch ausgefeilt und voller Menschenkenntnis. In Finnland ist der zweite Olli-Repo-Roman mit dem Titel Kadotetut (Die Verlorenen) bereits erschienen. Man kann nur hoffen, dass auch dieser recht bald ins Deutsche übersetzt wird.
Autor: Marko Kilpi
Titel: Erfrorene Rosen
Verlag: Grafit Verlag
Seitenzahl: 284 Seiten
Preis: 18,90 Euro
Erscheinungsdatum: 24. Februar 2010
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