So., 27.05.12

Miriam Meckel 12.03.2010 Karriere bis der Arzt kommt

Miriam Meckel (Foto)
Miriam Meckel hat ein Buch über ihren Burnout geschrieben. Bild: Claude Stahel

Von news.de-Redakteurin Julia Zahnweh

Miriam Meckel war Deutschlands jüngste Professorin, Regierungssprecherin in NRW und erhielt einen Ruf an die renommierte Schweizer Universität St. Gallen. Doch dann kam der Burnout, über den die Lebensgefährtin von Anne Will nun ein Buch geschrieben hat.

Ein blau-weiß-grünes Stück Stoff trägt Miriam Meckel nun seit fast zwei Jahren mit sich herum - meist in ihrer linken Hosentasche. Es soll die 42-Jährige an ihr Versprechen erinnern, dass sie sich und ihre Umwelt bewusster wahrnimmt und ihrem Leben eine durchlässigere Struktur gibt. Eine luftige Struktur wie die des Stückchens Stoff, das ihre Lebensgefährtin Anne Will aus einem Küchentuch herausschnitt und ihr als Symbol schenkte, als Meckel völlig am Boden war - sich einem physischen und psyschischen Komplettkollaps geschlagen geben musste.

Neudeutsch nennt man diese Notbremse, die Meckels Körper für sie selbst zog, Burnout. Ein Wort, von dem die Kommunikationswissenschaftlerin so gar nicht angetan ist, weil er «zum erfolgreichen Berufsleben wie das Eigenheim zur Vorbildfamilie» gehöre. An einem Burnout erkranken die Erfolgreichen einer Gesellschaft, die Erfolglosen leiden unter Depressionen. Dieser Stigmatisierung wollte sich Meckel nicht unterwerfen. Sie schrieb ein Buch, als Selbsttherapie, wie sie sagt, aber auch, um über die Diagnose Burnout aufzuklären. 

In Brief an mein Leben schildert sie überaus schonungslos und eindringlich ihre Erfahrungen mit einer Erkrankung, die längst zum Symbol einer Gesellschaft geworden ist, in der es gilt, stets zu funktionieren und Höchstleistung abzurufen. Indem Meckel ihre Burnout-Geschichte erzählt, ist ihr nicht nur ein sehr persönliches Buch gelungen, dass zugleich eine Bestandsaufnahme unserer Gesellschaft ist, sondern auch eine Art Ratgeberbuch, das einen Weg zurück ins Leben aufzeigt.

«Gearbeitet, geredet, geschrieben, akquiriert und repräsentiert»

Der Tag, an dem Meckel zusammenbrach, war ein ganz gewöhnlicher - nicht mehr oder weniger Stress als sonst. Sie war gerade bei ihrer Freundin in Berlin zu Besuch und wollte ihren Koffer packen, um am nächsten Morgen zurück nach St. Gallen zu fahren. Plötzlich sackte sie zusammen, sie war nicht imstande, ihren Koffer zu packen. Sie hatte Schmerzen und Schweißausbrüche. Die Verzweiflung stieg in ihr hoch. Sie setzte sich zur Beruhigung an ihren Laptop und die 50 ungelesenen E-Mails, die ihr Postfach ihr anzeigte, waren dann der Auslöser. Sie begann zu weinen und brach zusammen. Anne Will brachte ihre Freundin zum Arzt, der die Diagnose stellte: schwerer Erschöpfungszustand - auch bekannt als Burnout.

«Ich war 15 Jahre um die Welt gereist, hatte gearbeitet, geredet, geschrieben, akquiriert, repräsentiert, bis der Arzt kam. Im Wortsinne», schreibt Meckel. Natürlich habe sich der Burnout angekündigt, doch sie habe auf die Signale, die ihr ihr Körper vorzeitig gegeben hatte, nicht hören wollen. Stattdessen habe sie sich mit Arbeit und Aktionismus abgelenkt. Und paradoxerweise veröffentlichte Meckel vor drei Jahren ein Sachbuch, das von den Gefahren handelte, den sie nun selbst erlegen war. In Das Glück der Unerreichbarkeit zeigte sie auf, was passieren kann, wenn man sein Leben von dem ständigen Drang, zu kommunizieren und überall erreichbar zu sein, beherrschen lässt. Dass sie selbst längst Teil dieses Teufelkreislaufes war, wollte sie sich damals noch nicht eingestehen.

Lernen, nichts zu tun

Nach ihrem Zusammenbruch ging Meckel zur Therapie in eine Klinik im Allgäu. Dort lernte sie, einfach mal nichts zu tun - außer zu fühlen und zu denken. An einem «Inaktivitätstag», an dem sie nur mit sich selbst kommunizieren sollte, begann sie Ein Brief an mein Leben zu schreiben. Sie habe nicht geplant, dass daraus ein Buch entsteht. «Das Schreiben gehört eben zu mir», erklärt sie. Das Schreiben habe ihr geholfen, ihr Leben neu zu ordnen.

«Ich habe deine Benutzeroberfläche verstanden, aber nicht dein Betriebssystem. Ich habe nie gefragt, was dich wirklich im Innersten antreibt», schreibt Meckel an ihr Leben. Durch die Therapie und das Schreiben habe sie begriffen, dass sie sich in der Vergangenheit oft überschätzt hatte. Die Ruhe und der regelmäßige Tagesablauf in der Klinik halfen ihr dabei, wieder zu Kräften und vor allem zu sich selbst zu finden.

Zurück in ihrem alten Leben, zurück in der Leistungsgesellschaft, in der an allen Ecken Burnout-Gefahren lauern, geht es Meckel wieder gut. Wie sie in einem Interview mit dem Spiegel erzählt, hat sie ihr Arbeitspensum drastisch reduziert. Sie sei aus vielen Jurys, Gremien, Beiräten ausgetreten und konzentriere sich nun ganz auf ihre Professur in St. Gallen. Zurzeit befindet sie sich in Harvard - zum Forschen, Schreiben und Erholen. Sicher hat sie dann das blau-weiß-grüne Stück Stoff dabei, das sie an ihr Versprechen an sich selbst erinnern soll: «Die Fehler der Vergangenheit nicht zu wiederholen».

Titel: Brief an mein Leben
Autor: Miriam Meckel
Seitenzahl: 224 Seiten
Verlag: Rowohlt
Preis: 18,95 Euro
Erscheinungsdatum: 12. März 2010

amg/reu/news.de
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